Bayern 2 - Zündfunk


23

Zündfunk Generator Climate Justice Now! Wie viel Umsturz steckt in Fridays for Future?

Fridays for Future: Was als kleiner Schülerprotest begann, ist eine weltweite Bewegung geworden. Wohin entwickelt sie sich? Autor Ferdinand Meyen hat Fridays For Future fast ein Jahr begleitet und beobachtet: Einige Aktivist*innen beginnen, ihren Ton zu verschärfen.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 24.10.2019

Seit gut einem Jahr demonstrieren Schüler*innen unter dem Banner von Fridays for Future. Sie rufen „Hopp! Hopp! Hopp! Kohlestopp“ und protestieren für Klimagerechtigkeit. Am 20. September erreichte die Bewegung ihren bisherigen Höhepunkt: 1,4 Millionen Demonstrierende in über 500 Städten, allein in Deutschland. Die Demonstrierenden setzen sich für eine umweltfreundlichere Politik und für die Einhaltungdes Pariser Abkommens, des 1,5 Grad Klimaziels ein.

Sie wollen die Regierungen an das erinnern, was sie ihnen versprochen haben, worauf sie sich im Pariser Abkommen geeinigt haben. Das klingt für manche harmlos und reformistisch, doch immer mehr Aktivist*innen fragen heute: lassen sich selbst diese von den Regierungen selbst gesetzten Ziele ohne einen Systemwandel erreichen? Kann Klimaaktivismus und System-Change getrennt voneinander gedacht werden? Auf den Spuren einer Bewegung im Wandel.

Erstens: Die Gallionsfiguren stehen für den Systemwandel ein

„How dare you“, sagt Greta Thunberg in ihrer Rede auf dem UN-Klimagipfel, vier Tage nach dem großen Klimastreik im September. Schluss mit den Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum. Die Politik soll ihr Handeln auf die Klimakrise ausrichten, nicht auf Profit.

Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel

Greta Thunberg greift nicht nur die individuelle Lebensweise an, sondern auch die Wirtschaftsweise an sich. Es geht ihr um Wachstumskritik und die Neuausrichtung unserer ökonomischen Strukturen.

Die Aussage der Greta-Rede: Unser Planet wird zerstört und das System, wie es jetzt ist, hat maßgeblich dazu beigetragen. Als berühmteste Vertreterin positioniert Greta Thunberg die Klimabewegung also klar gegen die bestehenden Strukturen – und für eine neue bessere Zukunft.

Ähnlich klingt das auch hier in Deutschland bei Luisa Neubauer. „Wie soll ich meinen Kindern erklären, dass wir damals nichts getan haben, weil ein paar ältere Herren damals nicht begriffen haben, dass es Zeit für Veränderung ist“, sagt sie zum Beispiel auf einer Rede vor einer Landesdelegierten-Konferenz der Grünen. Auch Luisa Neubauer steht für eine tiefgreifende Veränderung, die nötig ist, damit wir uns noch vor der Klimakrise retten können.

Zweitens: Vor allem der Globale Süden zeigt: alles hängt mit allem zusammen

„Wir müssen die Welt verändern.“ Das sagt der ecuadorianische Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta. Er hat selbst gesehen, wie transnationale Unternehmen Ressourcen aus dem globalen Süden stehlen. Ressourcen, die eigentlich von der Bevölkerung vor Ort benötigt werden. „Wir produzieren Nahrung für 11 Milliarden Menschen – und doch sterben jedes Jahr Millionen Menschen auf der Welt an Hunger“, sagt Alberto Acosta.

Der ecuadoriansiche Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta

Der Ecuadorianer hat ein Buch geschrieben, zusammen mit dem Wiener Politologen Ulrich Brand. Es trägt den Titel: „Radikale Alternativen zum Kapitalismus.“ Acosta sagt: Der Regenwald in Brasilien brennt nicht zufällig. Er brennt, weil Unternehmen aus Ländern des globalen Nordens die Rohstoffe im globalen Süden stehlen, also Regierungen wie Bolsonaro dazu anhalten, ihre Wälder Weideflächen zu opfern. Der Globale Norden will seine Lebensweise aufrechterhalten: Fleischmassen, Kleiderberge, Neuwagen. Das Leben im Überfluss funktioniert aber nur auf Basis der Ressourcen, die eigentlich von der Bevölkerung in Brasilien, Kolumbien und Ecuador benötigt werden – und auch das Leben im Norden selbstfunktioniert langfristig nur mit einer intakten Umwelt. Doch damit alles schön bequem bleibt, werde auf Umweltstandards, gute Arbeitsverhältnisse und saubere Technologien nicht genau geachtet.

Für Alberto Acosta ist klar: Wer erfolgreich Klimaschutz betreiben möchte, muss auch das Wirtschaftssystem neu denken – und das Verhältnis zwischen Umwelt und Gesellschaft. Als Energieminister Ecuadors hat er das übrigens schon versucht – indem er der Natur in der Ecuadorianischen Verfassung Rechte gegeben hat.

Drittens: System Change, not Climate Change

Wer sich genauer mit den Protesten von Fridays for Future auseinandersetzt, merkt, dass die Parolen und Forderungen auf den Demos nicht nur Veränderungen der individuellen Lebensweise betreffen. Es geht eben nicht nur darum, dass wir weniger fliegen, weniger Fleisch essen und weniger Autofahren. Aktivistin Pia fordert zum Beispiel eine Abkehr vom globalen Kapitalismus.

Nach dem Klimastreik: Protestschild ist auf dem Königsplatz liegengeblieben

Sie sagt, es könne nicht sein, dass Unternehmen nachweislich die Umwelt zerstören, „um noch ein bisschen Kohle, noch ein bisschen Öl abzubauen.“ Daran werde sich aber nichts ändern, „solange die Möglichkeit besteht, damit Geld zu verdienen.“

Die von Alberto Acosta angesprochenen Zusammenhänge zwischen Wirtschaftssystem und Klimakrise werden also auch auf den Demonstrationen von vielen Aktivisten aufgegriffen. Das zeigt auch eines der Lieblingsschilder der Fridays for Future-Demonstranten: „Fuck the system, not the climate“. Pia sagt zum Beispiel, dass sich viele Aktivist*innen ein demokratischeres System wünschen. Eines, in dem wir selbst entscheiden können, „wo wir als Menschheit eigentlich hinwollen“.

Viertens: Alles kann, nichts muss

Doch Demonstrantinnen wie Pia sind nur die eine Seite der Medaille. Fridays for Future ist auch deshalb so erfolgreich, weil der Systemwandel nicht sofort offen artikuliert wird. Die Zielsetzung bleibt vage – und das führt zu einer großen Offenheit für alle möglichen politischen Ideen.

Protestschilder auf einer Klimademo in Genf

Das Institut über Protest und Bewegungsforschung hat Fridays for Future in einer Studie untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die Vielfalt der Umweltbewegung entscheidend für ihren Erfolg ist. So sagt Professorin Sabrina Zajak, eine der Herausgeberinnen der Studie, die enorme Vielfalt und Masse an Menschen könne nur mobilisiert werden, weil das Ziel klar ist, nicht aber der Weg.

Bei den Demos gäbe es zum Beispiel Menschen, die für Postwachstum und Degrowth eintreten, aber auch für mehr Demokratie und eine offene Gesellschaft. Wie dieser System Change allerdings aussieht, ist nicht ganz klar. Sabrina Zajak sagt: „Wir haben auch Positionen gefunden, die sagen: Eigentlich kann die Marktwirtschaft das Problem ganz gut lösen“.

Fünftens: Climate Justice bedeutet Systemwandel

Die Aktivist*innen und Organisator*innen der Demonstrationen sind etwas eindeutiger als die Wissenschaft. Yannick, 21, und in München aktiv sagt zum Beispiel: „Meiner Meinung nach impliziert Fridays for Future dem Systemwandel direkt“. Der Grund: Climate Justice heißt für ihn, das wieder gerade zu rücken, was die älteren Generationen verbockt haben.

Auch die Unzufriedenheit mit aktuellen politischen Entscheidungen spiele für Yannick da eine große Rolle. Zum Beispiel das Klimapaket. Fridays for Future forderten: 180 Euro Steuer pro Tonne CO2. Die Bundesregierung einigte sich auf zehn. „Das kann man komplett vergessen“, sagt Yannick.

Auch Verhandlungen mit Politiker*innen der Stadt München stellten sich als sinnlos heraus. Für Yannick bestätigt das nur, dass die aktuellen Entscheidungsträger nicht willens sind, die Klimakrise wirkungsvoll zu bekämpfen. Er beobachtet, dass sich einige Aktivist*innen deshalb von Fridays for Future resigniert abwenden, andere hingegen noch vehementer für ihre Ziele eintreten.

Sechstens: Ohne Systemtransformation sind die Forderungen nicht umzusetzen.

Wirft man einen Blick auf aktuelle wissenschaftliche Prognosen, bleiben uns bei einer Fortsetzung der bisherigen Politik noch zwanzig Jahre. Dann könne es zu Kippeffekten kommen, so dass der Meeresspiegel um zehn bis sechzig Meter, die Erderwärmung auf bis zu fünf Grad steige. So heißt es zum Beispiel in einer Studie des Institutes für Klimafolgeforschung in Potsdam. Fridays for Future fordert deshalb sofortigen ticketlosen ÖPNV, autofreie Innenstädte ab 2025, Kohleausstieg und stattdessen eine Energiewirtschaft, die auf sauberen Energien aufbaut. All das wäre möglich. Schließlich basieren viele diese Forderungen auf wissenschaftlicher Erkenntnis oder wurden sogar mit Wissenschaftler*innen zusammen entwickelt.

Die Wissenschaft bestätigt zum Beispiel seit langem, dass die Energiespeicher für Solarenergie oder Windkraft längst zur Verfügung stünden. Auch eine Umstellung auf ticketlosen Nahverkehr ist theoretisch möglich. Aber nicht in diesem System.

Globaler Klimastreik am 20.09.2019 in München

Denn all diese Veränderungen kosten Geld. Geld, das die Regierung in Deutschland im Moment – Stichwort Klimapaket – nicht investiert. Schwer vorstellbar, dass sie das in Zukunft tun wird. Bereits ein Tempolimit auf Autobahnen, das eigentlich von einer Mehrheit in der Bevölkerung getragen wird, kam im Bundestag nicht durch.

Auch den Forderungen von Fridays for Future nachzugehen, würde in letzter Konsequenz bedeuten, die wirtschaftlichen Spielregeln zu ändern und Zielsetzungen neu zu definieren. Da müsste man der Natur schon Rechte zuschreiben. Oder den Bundeshaushalt in Richtung Umwelt umverteilen. Vielleicht sogar die Menschen selbst mehr entscheiden lassen, wo wir investieren und wo nicht. Auch bei den Aktivist*innen von Fridays for Future reift zunehmend die Erkenntnis: Wir werden die Klimakrise nicht stoppen können, wenn wir weitermachen wie bisher.

Mit einem Klick oben aufs Bild startet Ihr den Podcast zum Thema Fridays for Future. Und wenn euch der Podcast gefällt, könnt ihr hier den Generator abonnieren!


23