Bayern 2 - Zündfunk


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Christian Ude zur Krise der Sozialdemokraten "Die SPD hat keine Führungspersönlichkeiten"

Im Zündfunk-Interview trifft Alt-OB Christian Ude auf zwei junge Menschen, die kürzlich in die SPD eingetreten sind. Er erklärt, was die SPD tun muss, um nicht kaputtzugehen, und warum er Kevin Kühnert nicht als Parteichef möchte.

Stand: 08.11.2018

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude | Bild: picture-alliance/dpa

Wir haben zwei junge Menschen getroffen, die einen heute eher ungewöhnlichen Schritt gegangen sind: Sie sind in die SPD eingetreten. Gemeinsam mit Lorans und Martha hat Zündfunk-Reporter Bene Mahler mit dem ehemaligen Münchner Oberbürgermeister Christian Ude gesprochen.

Bene Mahler: Herr Ude, als erstes möchte ich Ihnen gratulieren nachträglich zum Geburtstag.

Christian Ude: Vielen Dank.

Bene Mahler: Gibt ja nicht besonders viel zu feiern gerade als Sozialdemokrat.

Als Sozialdemokrat nicht, nein.

Bene Mahler: Müssen wir den Laden jetzt schließen?

Nein, das müssen wir nicht. Und wir sollten alles unternehmen, damit es wieder aufwärts geht mit der SPD. Denn ich bin der Meinung, sozialdemokratisches Gedankengut ist gefragter denn je. Die SPD erfüllt nur nicht aktuell die Erwartungen, die die Menschen da reinstellen. Aber die Leute sind nicht zufrieden mit einem Turbo-Kapitalismus. Und es werden auch nicht alle Wünsche von der grünen Partei erfüllt. Da ist für eine Sozialdemokratie Platz, wenn sie erkennbar sozialdemokratisch ist.

Bene Mahler: Ich bin jetzt die letzten Wochen sehr viel durchs Land gereist. Ich habe sehr viele junge Sozialdemokraten getroffen und denen brannte immer ein Thema auf den Nägeln: Der Kampfbegriff "Neo-Liberalisierung des Arbeitsmarktes". Ist da denn nicht irgendetwas falsch gelaufen, was man einfach auch als solches mal benennen müsste und sagen müsste, da hat man Fehler gemacht?

Ja, selbstverständlich. Ich war ein glühender Gegner der Agenda. Da gibt es schwere Fehler, aber es kann nicht die Lebensgeschichte der SPD in den nächsten Jahrzehnten sein, sich permanent selber in die Tonne zu treten, weil mal die Agenda beschlossen worden ist, die ja ökonomisch auch durchaus ihre Erfolge hatte. Ist doch grotesk, wenn die Kanzlerin, die von der Agenda-Reform profitiert hat, die jetzt gegen sozialdemokratische Kritiker im Bundestag verteidigt und sagt "Nein nein, ihr Parteivorsitzender Schröder war so schlecht nicht wie sie ihn heute machen." Wir haben ja immerhin tatsächlich einen Wirtschaftsaufschwung seitdem erlebt.

Bene Mahler: Was die jungen SPD-Neueinsteiger besonders schockiert hat: Wir kamen rein und dachten, es sind ja nur lauter alte Leute da.

SPD-Zukunft diskutieren ist zurzeit nicht sexy und ihr Eindruck eines überalterten Publikums ist richtig. Es treibt junge Leute nicht um. Die haben ihre Themen die sie in die Politik tragen wollen und nicht das Schicksal der SPD als einer Organisation, die zurzeit mehr abschreckt als anzieht.

Martha: Wie wir es generell beobachten können, geht die Gesellschaft jetzt gerne eher in die Extremen. Ist das ein Protestverhalten? Vertrauensverlust? Und wie sollte man die Einbeziehung von der Jugend in die SPD unterstützen?

Ich kann nur den großen Linksruck nicht erkennen, weder im Wahlergebnis, noch bei den Wählerwanderungen. Die Wählerinnen und Wähler, die früher SPD gewählt haben, sind jetzt zu den Grünen gegangen und die Grünen sind eine ökologisch fortschrittliche, problembewußte Partei und allenfalls bei der Flüchtlingsthematik erkennbar linker als die SPD. Aber sie ist nicht insgesamt eine linke Partei. Sie hat sich ja im Gegenteil noch nach der Wahl bemüht, Koalitionspartner der CSU zu werden, die im Wahlkampf noch als Partei der rechten Hetzer gebrandmarkt wurde. Da ist die Rechts-Links-Einordnung nicht so leicht und die Partei namens Die Linke ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Also den großen Linksruck erkenne ich nicht.

Aber ich erkenne bei jungen Leuten, sie interessieren sich für Fragen der digitalen Arbeitswelt, für Fragen des Klimawandels, der Umweltkatastrophen, auch der prekären Arbeitsverhältnisse. Die Generation Praktikum gibt es ja sogar an den Hochschulen und nicht nur bei einer kleinen Randgruppe des Proletariats. Da sehe ich völlig andere Themen als sie die Partei SPD und auch die anderen Parteien abhandelt. Die Einbeziehung ist eine Schicksalsfrage. Ich bin 1966 als Schüler in die SPD eingetreten und als Vorsitzender der bayerischen Schüler-Redakteure habe ich lautstark eine stärkere Vertretung der Jugend in der SPD gefordert und auch in Ansätzen damals durchgesetzt. Das bleibt natürlich richtig, auch wenn man inzwischen selber ein alter Dackel geworden ist.

Lorans: In letzter Zeit wurde öfters gefordert, dass man auf Bundesebene, auf Landesebene, die Köpfe der SPD austauscht. Was halten Sie zum Beispiel von der Forderung, Kevin Kühnert zum Parteichef zu machen?

Für eine Verjüngung bin ich mit allem Nachdruck. Ich habe zum Beispiel in der Stadtratsfraktion immer vertreten: Es muss bei jeder Wahl, also alle sechs Jahre, ein Drittel junger Leute dazu kommen, die erstmalig kandidieren. Das ist in letzter Zeit immer schlechter gelungen. Verjüngung ist ein unverzichtbares Naturgesetz, wenn eine Partei oder eine Fraktion Zukunft haben will und kein Auslaufmodell sein möchte.

Bei der Frage Köpferollen würde ich erst einmal darauf hinweisen: Niemand hat so viele Köpfe rollen lassen wie die SPD. Wir haben ja die Vorsitzenden ausgewechselt nicht gerade wie die Hemden, aber manchmal im Jahresrhythmus. Und das ist mit ein Symptom der SPD-Krise, dass es eben keine Führungspersönlichkeiten gibt, die einen Abschnitt der Zeitgeschichte prägen können. Sondern das am laufenden Band Köpfe rollen, das hat niemandem imponiert, niemanden beeindruckt, da haben wir keinen Nachholbedarf.

Aber eine andere Frage ist, ob Kevin Kühnert jetzt unbedingt - da möchte ich mal skeptische Töne anschlagen - eine absolut einsame Führungsspitzenposition wahrnehmen muss. Ich denke, gerade in der Partei der Arbeit, die die SPD mal sein wollte, ist es schön, wenn führende Repräsentanten auch Erfahrungen aus der Arbeitswelt mitbringen, egal ob aus der Hochschule, oder als Freiberufler oder tatsächlich in einem großen Industrie- oder Büro-Unternehmen. Aber gar keine Berufserfahrung aus der Welt der Arbeit mitbringen, das ist für mich nicht die Qualifikation für einen SPD-Vorsitzenden.


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