Bayern 2 - Zündfunk


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Christian Stöcker im Interview "Nur die Exponentialfunktion kann uns retten, das glaube ich wirklich"

Wirtschaftswachstum, Klimakrise, Corona-Infektionszahlen: Die Welt verändert sich rasant und wir kommen kaum mehr mit. Christian Stöcker hat ein Buch darüber geschrieben, wie wir Krisen besser verstehen und was wir gegen sie tun können.

Von: Oliver Buschek

Stand: 17.09.2020

Kognitionspsychologe Christian Stöcker | Bild: (c) dpa

Klimawandel, Corona-Krise, Digitalisierung. Die Welt verwandelt sich rasant, alles beschleunigt sich. Der Koginitionspsychologe Christian Stöcker hat das Buch "Das Experiment sind wir" geschrieben, in dem er erklärt, wie wir diese Zeiten meistern können und warum Exponentialfunktionen der Schlüssel sind.

Zündfunk: In einem Experiment, dass du in deinem Buch beschreibst, mussten 44.000 Versuchspersonen eine Exponentialfunktion lösen. Die Hälfte lag bei der Antwort falsch. Was sagt das über das menschliche Denken aus?

Christian Stöcker: Im Grunde ist es eine simple Illustration des grundlegenden Phänomens, dass Menschen mit Exponentialfunktionen kognitiv extrem schlecht umgehen können. Wenn etwas sich in einem immer schnelleren Zeitraum immer heftiger verändert und immer wieder mit Verdopplung einhergeht, stoßen wir kognitiv an unsere Grenzen. Das haben wir jetzt im Zusammenhang mit Corona alle plötzlich in den Abendnachrichten gesehen. Das sind Situationen, auf die wir im Alltag in der Regel nicht so häufig gestoßen sind. Und vor Corona, glaube ich, war den meisten Leuten gar nicht klar, dass ihr Leben in vieler Hinsicht ganz massiv von Exponentialfunktionen abhängt.

Du hast dein Buch schon vor dem Corona-Virus konzipiert und geschrieben. Du beschreibst ganz andere Entwicklungen.

Viele Exponentialfunktionen kommen darin vor. Ich sage mal ein paar der wichtigsten sind Mooers's Law, also die ständige Verdoppelung der Qualität und Kapazität von von Computer-Elektronik seit den 60er-Jahren. Eine Exponentialfunktion, von denen die meisten Leute gar nicht wissen, dass es eine ist, ist das Wirtschaftswachstum, weil ein konstantes, prozentuales Wachstum immer eine Exponentialfunktion ergibt. Wenn etwas um zwei Prozent pro Jahr wächst, dann ergibt das auf die Dauer eine exponentielle Entwicklung. Es gibt eine Wachstumskurve, die in den Wirtschaftswissenschaften so gut wie nie gezeigt wird. Weil sie so gefährlich ist. Sie zeigt das langfristige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts.

Warum ist die gefährlich? Weil sie zeigt, das Wachstum nicht ewig gut gehen kann?

Genau. Ganz viel von dem, was wir im Moment erleben, von Bränden in Kalifornien bis zu massiven Überflutungen in ganz Afrika, hängt mit dem exponentiellen Wirtschaftswachstum der letzten etwa 200 Jahre und dem exponentiellen Wachstum der Konzentration von CO2 in der Atmosphäre zusammen. Der Klimawandel ist eine direkte und klar nachweisbare Folge davon.

Und weil wir eben so exponentielle Entwicklungen so schlecht abschätzen können, sagen wir bei Corona: Naja, so ein paar Kranke in der Bevölkerung, das ist doch nicht so schlimm. Und beim Klimawandel: na gut, wenn es mal ein bisschen heißer wird, das halten wir schon aus.

Beim Klimawandel ist es noch ein bisschen komplizierter, denn die Temperatur des Planeten steigt eben nicht exponentiell, sondern linear. Da ist das Problem, dass wir extrem schlecht darin sind, uns mit Bedrohungen auseinanderzusetzen, die in weiter Zukunft liegen. Wenn etwas weit entfernt ist, ist die Bereitschaft viel geringer, etwas dagegen zu tun. Und sie wird noch viel geringer, wenn auch nur ein Hauch Unsicherheit darüber besteht.

Das heißt aber eigentlich, dass der Mensch psychologisch schlecht für die rasanten Beschleunigungen aufgestellt ist, die du beschreibst.

So pessimistisch bin ich nicht. Ich glaube, die Tatsache, dass wir das jetzt alles wissen, macht schon einen riesigen Unterschied. Anfang des 19. Jahrhunderts galt es noch als ausgeschlossen, dass Tierarten aussterben könnten. Dabei hatte der Mensch zu diesem Zeitpunkt schon viele Tierarten ausgerottet. Jahre später wissen wir das ziemlich genau. Und wir wissen auch, dass wir für den Klimawandel verantwortlich sind. Und die Kenntnis darüber, welche kognitiven Defizite uns eigentlich davon abhalten, das wirklich zu verstehen – wenn man weiß, dass man diesen Einschränkungen unterliegt, dann kann man sich denen auch entgegenstellen.

Du warst Leiter des Bereichs Netzwelt bei Spiegel Online. Die Digitalisierung bringt viele Probleme mit sich. Aber glaubst du, dass der technologische Fortschritt auch Probleme lösen kann?

Also das letzte Kapitel in dem Buch heißt: „Nur die Exponentialfunktion kann uns retten“, und das glaube ich auch wirklich. Also im Moment. Es gibt die Meinung, die Menschheit müsste alles zurückdrehen und sozusagen wieder alles mit der Hand machen und auf den Bauernhof ziehen. Und dann wird alles wieder gut. Das wird aber nicht funktionieren. Wir kommen nicht drum herum Technologien, die uns zur Verfügung stehen, einzusetzen, um unsere Probleme zu lösen. Und wir kriegen jetzt noch ein neues Werkzeug dazu, was dabei helfen könnte, andere technologische Entwicklungen zu beschleunigen, nämlich maschinelles Lernen. Aber es wird uns nur dann helfen, wenn wir die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Was hat das eigentlich für Konsequenzen, was wir da machen? Es geht darum, exponentielle Entwicklungen vorauszudenken. Und zu überlegen: Was bringt uns denn als Menschheit wirklich etwas? Und was nicht?


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