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"Christcore" Metal schert sich jetzt zu Gott - statt zum Teufel

Metal ist das Genre des Teufels, des Satanismus. Im frühen Blackmetal der 90er wurden sogar Kirchen angezündet. Und auch sonst könnte man meinen, vor allem Ungläubige oder Menschen, die es mit der Religion nicht ganz so ernst nehmen, hören Metal. Seit einiger Zeit gibt es aber eine Gegenströmung: Christlicher Metal, oder "Christcore". Wie kam es dazu?

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 10.06.2021

The Path von Fit for the King | Bild: Fit for the King

Christliche Pop-Musik – das muss doch einfach uncool sein und peinlich klingen. Eigentlich dachte ich immer, dass sich christliche Musik so wie in diesem Video anhört:

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Chvrchies | O'Bros | #GottseiDank | Bild: Gott sei Dank (via YouTube)

Chvrchies | O'Bros | #GottseiDank

Doch vor kurzem habe ich festgestellt, dass christliche Musik auch ganz anders klingen kann: Nämlich so wie die Band Fit for a King. Harte Gitarren, lautes Schlagzeug, brüllende Sänger - mit ihrer Metal-Hymne "The Path" letztes Jahr haben die fünf amerikanischen Jungs es in so ziemlich jede relevante Metal-Playlist geschafft und über 500.000 Aufrufe auf YouTube eingeheimst. Auch ich habe die in meine Playlist aufgenommen, ohne zu wissen, dass sich Fit for a King offen zum Christentum bekennen.

Christcore als eigenständiges Metal-Subgenre

"Ich wurde in einem sehr christlichen Haushalt großgezogen. Und seitdem habe ich den Glauben eigentlich nie verloren", erklärt Frontmann Ryan Kirby in einem Interview mit dem katholischen Internet-Portal "Heavy Metal Cross". "Ich habe nie an der Kirche gezweifelt und war mir immer zu 100 Prozent sicher, dass es einen Gott gibt." Fit for a King sind kein Einzelfall. Christcore ist zu einem eigenständigen Metal-Subgenre geworden. Es gibt mehrere Events für christlichen Metal in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sogar auf dem Wacken-Festival sind Seelsorger und Priester präsent. Dazu sind Genres wie White- oder Unblack-Metal entstanden, die satanischen Tendenzen aus dem Black-Metal explizit widersprechen. Aber warum ist das so? Der offene Umgang mit dem Christentum in einem Genre, dessen Erkennungszeichen die Satansgabel ist? Das klingt wie politisch korrekter Punkrock, inklusiver Battlerap oder systemkritische Volksmusik.

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Fit For A King - The Path (Official Music Video) | Bild: Solid State Records (via YouTube)

Fit For A King - The Path (Official Music Video)

"Also die ersten christlichen Metalbands, die prominent wurden, das war schon in den 1990er Jahren mit Mortification oder Stryper beispielsweise", sagt uns der Metal-Musiker, Fan und Headbanger unter den Kunsthistorikern Jörg Scheller. "Ich glaube, die waren eigentlich immer schon da, haben halt aber nicht ins Konzept gepasst, weil Metal eben anders vermarktet wurde. Satanisch. Das entsprach aber nicht dem Willen der Metalbands. Meine Vermutung wäre, dass dieses Image langweilig wurde und man etwas anderes brauchte. Man dachte: Christlicher Metal, das geht doch gar nicht. Das ist jetzt natürlich ein schönes neues Produkt.“

"Die Metal-Szene ist überraschend tolerant"

Christlicher Metal als Produkt, das überraschend und ungewöhnlich ist – klar. Aber wieso gründet sich ein Genre in einer Szene, die dafür bekannt ist, Religion zu kritisieren und ironisch aufs Korn zu nehmen? Jörg Scheller sagt, das sei kein Zufall, sondern Kalkül: "Ich würde sagen, das ist genau das, was das Christentum immer ausgezeichnet hat. Nämlich, dass es kulturelle Aneignung betrieben hat und auf seiner globalen Expansion alles möglich eingemeindet hat. Wenn wir zum Beispiel an Rom denken, an den Petersplatz, steht da ein riesiger ägyptischer Obelisk. Ähnlich machen es Christen heute, wenn sie sich Metal aneignen. Und wenn jetzt die Metal-Prediger kommen, dann sind die absolut on-track!“´

Ja, es ist absurd, aber auf manchen Christcore-Konzerten muss man – ohne Witz – damit rechnen, mit Bibeln beworfen zu werden. Kann man das als Metal-Fan überhaupt gut finden? Immerhin steht radikales Christentum eher für konservative Werte, im schlimmsten Fall für Rassismus, Homophobie, in den USA auch für den Ku-Klux-Klan. Sind Christcore-Bands rechts? "Es gibt Vorwürfe an den Metal, homophob zu sein", weiß Anna Katharina Höpflinger. Sie ist Religionswissenschaftlerin an der LMU in München und erforscht die Metal-Szene seit 15 Jahren. "Aber wenn man dann in die Szene reinschaut, sieht man: Die sind überraschend tolerant. Und das muss ich auch für die christliche Metal-Szene sagen.“

Die Verbindung von Metal und Religion liegt relativ nahe

Ob Christcore rechts ist, hängt laut Höpflinger vom Kontext ab. In der Schweiz seien Musiker*innen, die sich als homosexuell geoutet haben, nach ihrem Coming-Out zum Beispiel von christlichen Fans angegriffen worden. Trotzdem liegt es an Band und Fan – was zur These passt, dass der Metal komplex und vielfältig ist. Und Anna Höpflinger hat festgestellt, dass Metal und Kirche sich ohnehin erstaunlich ähnlich sind: "Die Themen beim Metal sind oft existenzielle und visuelle Fragen. Es geht um Fragen nach Tod, Schmerz, die Suche nach sich Selbst. Und das sind Themen, die sind sehr nahe an religiösen Themen. Deshalb ist die Verbindung von Metal und Religion relativ nahe."

Der Metal als Religion. Die Extase, die Regeln in der Community, der Dresscode, die starken Emotionen, die großen Gesten, die durch Musik und Konzerte nahbar werden. Für die Religionswisssenschaftlerin ist die Entstehung von christlichem Metal da die logische Folge: "Was ich interessant finde, sind diese Widersprüchlichkeiten, die im Metal nicht aufgelöst werden. Metal ist gleichzeitig religiös und nicht religiös.“ Meine Recherche ergibt: In meiner Metal-Playlist 2020 haben sich immerhin gleich drei von 15 Bands dazu bekannt, christlich zu sein. Aber wenn’s mir zu viel wird, kann ich auch auf buddhistische oder anarchistische Bands ausweichen. Wahrscheinlich ist genau das der Reiz: Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit im Metal, die man als Fan aushalten muss.

Anmerkung: Um Kirche und LGBTQ, Homosexualität und Missbrauch ging es auch in der Münchner Runde, hier kann man die Sendung in der Mediathek anschauen.


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