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Wer hat's gesagt? Warum der Zündfunk auf ein falsches Charles Bukowski-Zitat reingefallen ist

Am 16. August wäre Bukowski 100 Jahre alt geworden. Um an den Schriftsteller zu erinnern, haben wir im Zündfunk eine Bildtafel mit einem Zitat gepostet. Ein sehr schönes Zitat - nur stammt es leider nicht von Bukowski. Im Netz wird es ihm aber tausendfach zugeschrieben. Wir haben mit Zitatforscher Gerald Krieghofer geprochen.

Von: Tobias Ruhland

Stand: 21.08.2020

Charles Bukwoski und seine Katze Max | Bild: picture-alliance/dpa

Ihr habt uns in vielen Kommentaren darauf hingewiesen: Das Bukowski-Zitat stammt nicht von Bukowski. Dafür vielen Dank!

Zitate im Netz zu recherchieren, ist mitunter eine längere Geschichte: Man wühlt sich durch hunderte gut gemeinter Seiten, Pinterest-Bildchen und Bildergalerien bekannter Medien. Man sucht nach Quellenangaben, aber allzu oft fehlen diese. Bei Bukowski sind sehr viele Medien einem falschen Zitat aufgesessen. Wir auch, dafür entschulidgen wir uns. Wir wollten dem Phänomen Kuckucks-Zitat auf den Grund gehen und haben mit dem Philosophen Gerald Krieghofer gesprochen, der den Blog Falschzitate betreibt.

Gerald Krieghofer: Das Zitat „Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind“, das hat der britische Philosoph Bertrand Russell so ähnlich im Mai 1933 geschrieben.

Der Artikel, aus dem das Zitat stammt, heißt „Der Triumph der Dummheit“ und analysiert das Problem: Wie kann es sein, dass eine Nation wie Deutschland, die im 19. Jahrhundert am meisten von allen Nationen die Zivilisation gefördert hat, dass die in den letzten Jahrzehnten plötzlich so brutale, dumme Politiker bekommt, die jetzt im Mai 1933 die besten Köpfe der Nation einsperrt oder vertreibt.

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Der in Rheinland-Pfalz geborene Dichter und Schriftsteller Charles Bukowski wäre heute 100 Jahre alt geworden.Gepostet von Zündfunk am Sonntag, 16. August 2020

Und dieses Zitat von Russell ist im Laufe der Zeit verkürzt worden. Im Oxford Dictionary Of Political Quotations steht dann zum Beispiel: „Das Problem mit der Welt ist, dass die Dummen fest überzeugt, die Klugen voller Zweifel sind.“ Dieses Zitat wurde in verschiedenen Varianten bis 2011 immer Russell zugeschrieben. Und dann plötzlich 2011 wurde es Bukowski zugeschrieben. Vielleicht deshalb, weil er so etwas Ähnliches tatsächlich einmal in einem Interview gesagt hat.

Da wurde er gefragt, warum er in einem Gedicht jungen Männern davon abrät, Dichter zu werden. 1989 sagt Bukowski: Es ist besser, wenn junge Leute nichts zu tun haben, als schlechte Autor zu werden. Und dann sagt er: Das Problem ist, dass schlechte Schriftsteller mehr Selbstvertrauen haben, während die guten voller Selbstzweifel sind. Das ist seitdem von zehntausenden Leuten im Netz zitiert worden.

Welche Seite würden Sie in diesem Fall empfehlen, um heraus zu finden, was Bukowski denn gesagt hat und was nicht?

Auf Deutsch wäre es schwierig gewesen. Bei so einem Zitat würde ich auf der amerikanischen Seite von Quote Investigator nachschauen. Das ist eine Seite von dem Zitatforscher Garson O‘Toole. Oder ich würde zum Beispiel auch bei einem Bukowski-Forum nachschauen. Dort findet man auch schon Diskussionen über das Zitat.

Sorgt das Internet dafür, dass sich sowas dann so manifestiert und wir dann trotz Recherche beim falschen Zitat rauskommen?

Es ist schon ein neues Phänomen, dass es so schnell geht. Auf Twitter oder Facebook kommt irgendwo eine Zuschreibung, und drei Jahre später ist es dann schon in angesehenen Zeitung - oder Rundfunk. Aber es ist auch ein typisches Beispiel von einem geflügelten Wort - also von einem Zitat, das allgemein verwendet wird - dass dieses etwas verformt wird. Früher hätte man gesagt, der Volksmund mache das. Aber Zitate von Klassikern, die werden sehr oft etwas verfälscht. Philologen sagen verfälscht, aber man könnte auch sagen: prägnanter oder eindringlicher gemacht.

Nehmen Sie uns ein bisschen mit in ihr restliches Oeuvre. Wahrscheinlich könnten Sie jetzt bis Weihnachten über Beispiele von Kuckucks-Zitaten erzählen, oder?

Ja, ich unterscheide zwischen entstellten Zitaten und Kuckucks-Zitaten. Es gibt Autoren, die die besonders oft Opfer: Einstein, Bismarck, Adenauer. Aber einer ist zum Beispiel auch Alexander von Humboldt. „Die gefährlichste aller Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“ Klingt doch gut, ne. Ein Kollege von mir, Ralf Bülow, hat aber herausgefunden, dass es von dem Grazer Schriftsteller Bruno Ertler stammt, den kein Mensch kennt. Seit 50 Jahren wird es aber Alexander von Humboldt zugeschrieben.

Kann es sein, dass Sie wahnsinnig unbeliebt sind auf Partys, für Smalltalk wahnsinnig ungeeignet, weil Sie jedem gleich die falschen Zitate um die Ohren hauen können?

[lacht] Ich halte mich sehr zurück. Ich versuche nie jemanden zu beschämen. Mir geht es mehr um das um das Phänomen.

Mit welchem Kuckucks-Zitat würden Sie denn gern mal in die Geschichte eingehen?

Mit einem Perikles-Zitat: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“


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