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Generator Podcast Ganz hat Christoph Schlingensief sein Geheimnis nie gelüftet - und das ist auch gut so

Katholischer Voodoo-Priester, wandelnde soziale Plastik, der Chefarzt der Intensivstation Deutschland – das alles verkörperte Christoph Schlingensief. Da wo er früher war, ist seit seinem frühen Tod vor zehn Jahren eine Leerstelle.

Von: Florian Fricke

Stand: 16.10.2020

Christoph Schlingensief wäre am 24. Oktober 2020 60 Jahre alt geworden. Er bildete in vielerlei Hinsicht ein Scharnier: Zwischen der alten Bundesrepublik und dem wiedervereinten Deutschland mit Rechtsdrall, zwischen Super 8-Filmen und der Generation MTV, zwischen bürgerlicher Herkunft und Rebellentum, zwischen Schwiegersohnimage und Ekelprojektionen, zwischen Trash und Bayreuther Festspielen und zwischen Todesangst und Todesmut.

"Man hat mir einen Weg aufgezwungen, in dem meine Eltern gesagt haben, wir wollen ein Kind. Jetzt laufe ich hier durch die Gegend, und das kann ich nur ertragen, wenn ich Erfahrungen sammle. Ich kann nur jedem zurufen, das Recht einzuklagen, eigene Erfahrungen zu machen und sich nicht funktionalisieren zu lassen."

Christoph Schlingensief im Interviewband 'Kein falsches Wort jetzt'

Die Liebe zum Film und seinen Apparaten

Christoph Schlingensief | Bild: Filmgalerie 451

Christoph Schlingensief in der MTV-Talkshow "U3000".

Schlingensief sah sich in erster Linie immer als Filmregisseur. Dort liegen seine Anfänge als Wunderkind, das mit acht Jahren seinen ersten antiautoritären Film dreht. Als abgelehnter Filmstudent assistiert er dem Experimentalfilmer Werner Nekes, von dem er die Liebe zu alten kinematographischen Apparaturen übernimmt. Die Wirklichkeit manipulieren, das wird sein Lebensthema. Mit einem fast quantenmechanischen Verständnis betrachtet er die Dinge immer multidimensional. Nur so komme man einer Wahrheit überhaupt auf den Grund.

So multidimensional, wie er dachte, so war auch die Kunstfigur Schlingensief immer multidimensional widersprüchlich. Er war mit Gott und der Welt befreundet, aber ein enger Vertrauter bezweifelt, ob er jemals echte Freunde hatte. Er war ein Egozentriker, der alles und  jeden benutzte, aber alle liebten ihn für sein permanentes Seelenstriptease. Er klaute bei Joseph Beuys, Rainer Werner Fassbinder, Paul McCarthy, aber steht selbstverständlich in einer Reihe mit ihnen.

„Die Kunst ist ausgebrochen“

Kaum ein deutscher Künstler nach dem Krieg hat den Deutschen ihr Deutschsein so gründlich und nachhaltig aufgemischt wie er.  Dabei machte er sich immer maximal angreifbar. Fehler vermeiden kann jeder, Fehler machen ist eine Kunst. Hauptsache machen. Als spartenübergreifendes Genie wirkt er wie einer der letzten seiner Art. Und bei allem Rückblick, bei all den unzähligen Interviews und ewiger Sebstbespiegelung: ganz hat er sein Geheimnis nie gelüftet. Und das ist auch gut so.

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