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Causa Marilyn Manson Nicht-prominente Frauen machen auch Gewalterfahrungen - und wir sollten ihnen ebenfalls zuhören

Mit dem Fall Marilyn Manson drängt erneut eine Welle an Gewalt-Betroffenen an die Öffentlichkeit. Aber wie sieht es mit denen aus, die keine Promis sind, die kein Sprachrohr und mediale Aufmerksamkeit haben? Prominente und alltägliche Fälle vor unserer Haustür haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Von: Anna Klühspies und Luisa Joa

Stand: 03.02.2021

Schauspielerin Evan Rachel Wood | Bild: picture alliance / Zoonar

Eine prominente Schauspielerin wie Evan Rachel Wood berichtet, dass sie Gewalt von ihrem jahrelangen Partner erfahren habe. Ist das für Frauen hier in Bayern, die gar nicht im Scheinwerferlicht stehen, relevant? Diana Taler von der Frauenhilfe München betreut Frauen, die den Absprung aus einer gewaltvollen Beziehung schaffen wollen: "Ich denke schon, dass es wichtig ist, dass es viel mehr angesprochen wird und es in der Öffentlichkeit Thema ist und dass es den Frauen das Gefühl gibt, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind, dass es keine Seltenheit ist, dass es vorkommt, sondern auch in der Celebrity –Szene stattfinden kann. Aber dann muss es doch jede Frau selber schaffen diesen Sprung zu wagen."

Fast jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet

141.792 - Das ist die Zahl der Menschen, die 2019 in Deutschland Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden sind. 81 Prozent von ihnen waren Frauen. So Familienministerin Franziska Giffey im November 2020. Fast jedem dritten Tag, so die Statistik, wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Alle 45 Minuten wird – statistisch gesehen – eine Frau Opfer von vollendeter und versuchter gefährlicher Körperverletzung durch Partnerschaftsgewalt. Seit 2015 steigen die Zahlen. Die Dunkelziffer, also die Fälle die stattfinden, aber nicht gemeldet werden – soll noch viel höher sein. Prominente Fälle wie jetzt mit Marilyn Manson und alltägliche Fälle vor unserer Haustür haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Die Gründe für Betroffene, sich aus einer gewalttätigen Beziehung nicht lösen zu können, sind vielfältig: "Ganz extrem ist vor allem die finanzielle Abhängigkeit, weil oft die Frauen denken, dass sie gar nichts haben. Dann sind immer oft die Kinder ein wichtiger Grund, dass sie mitkommen können. Die wenigsten Frauen wollen die Kinder beim Gewalttäter lassen. Durch die psychische Gewalt, die oft die Frauen mitbekommen, ist der Selbstwert extrem niedrig und da dann zu sagen, ich schaffe das, so einen Schritt zu wagen, ein neues Leben aufzubauen ist eine riesen Hürde, einfach."

Prominente Fälle und alltägliche Fälle haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Für berühmte, möglicherweise vermögende Frauen wie die Schauspielerin Evan Rachel Wood oder das Model Ashley Lindsay Morgan, die sich gegen Marilyn Manson ausgesprochen haben, mag es ein bisschen einfacher sein, zu gehen. Auch wenn es schrecklich bleibt, was ihnen passiert ist und sie Jahre oder Jahrzehnte unter den psychischen Folgen der Gewalt leiden. Sie sind in einer etwas anderen Lage. Sie besitzen möglicherweise Geld – das sie unabhängiger macht von ihrem gewalttätigen Partner und ihnen die Möglichkeit gibt, sich eine eigene Wohnung zu suchen, Anwälte zu bezahlen. Prominente Frauen kommen auch leichter an Ressourcen, die andere, "normale" Frauen weniger einfach erreichen: Eine Öffentlichkeit, die interessiert ist - was wiederum auch Nachteile für sie haben kann: sie stehen mehr im Fokus, müssen sich viel mehr Menschen gegenüber erklären.

In einem Punkt können sich prominente Opfer von sexualisierter Gewalt genauso wenig wehren wie alle anderen: Victim Blaming - also die Schuld oder Mitschuld beim Opfer suchen. Das bestätigt auch Diana Taler: "Da ist oft das Bild im Kopf, warum die Frau nicht einfach gehen kann. Also, dass man denkt, wenn der Partner gewalttätig ist, dann kann ich mich einfach trennen. Wo ist das Problem? Dass viele Leute nicht das Bewusstsein haben, wie schwierig es ist, aus so einer Gewaltbeziehung wieder rauszukommen. Dass es nicht einfach ist zu sagen, ich mache jetzt Schluss und gehe wieder meinen Weg." Im Fall von Evan Rachel Wood und ihren Vorwürfen gegen Marilyn Manson klangen die Kommentare auf Facebook unter dem New York Times Artikel ungefähr so: "Sorry, aber das ist bei diesem Typen doch wohl alles kein Wunder". "Warum würde jemand, der bei Verstand ist, so jemanden überhaupt daten?" Opfer von Partnerschaftsgewalt, egal ob prominent oder nicht, müssen "victim blaming" noch immer über sich ergehen lassen. Und so lange die Gesellschaft nicht verstanden hat, dass die Schuld nicht bei den Opfern liegt, so lange brauchen wir immer und immer wieder ein neues #metoo.


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