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Cancel Culture Konzert von Frei.Wild verbieten? So einfach ist es nicht

Im Mai 2023 soll die Band Frei.Wild in der Olympiahalle in München auftreten. Ein Bündnis will mit einem offenen Brief eine Absage erzwingen. Doch die Debatte bringt letztlich niemanden weiter. Das sind die Gründe dafür.

Author: Kilian Deyerl

Published at: 13-12-2022

Philipp Burger, Sänger der Band Frei.Wild | Bild: picture alliance / Eibner-Pressefoto | EIBNER/Daniel Lakomski

Es ist keine neue Forderung, Konzerte zu boykottieren. Doch ist der Wunsch legitim? Bringt es unsere Gesellschaft voran? Klar, Veranstaltungen von eindeutig verfassungsfeindlichen Bands gehören in einer Demokratie unterbunden. Aber was ist mit dem Graubereich? Und wo fängt der überhaupt an? Reichen schon einzelne Songzeilen, die diskriminieren? Timo Büchner ist Politologe und Journalist. Er arbeitet zur rechten Musik-Szene und findet die Forderung, der Band Frei.Wild keine Räume zur Verfügung zu stellen, vollkommen gerechtfertigt. Denn er sieht die Band sehr kritisch: „Sie feiert große Erfolge und das seit Jahren. Aber auch seit Jahren fällt die Band mit nationalistischen, völkischen, teilweise gar NS-relativierenden Liedtexten auf. Zudem sind viele Texte durch ein starkes Freund-Feind-Denken geprägt.“

Sind Frei.Wild überhaupt eine rechte Band?

Protest gegen die Band Frei.Wild, Flensburg im Jahr 2019

Antagonismen und ein „Wir-Die-Denken“ zeichnet in der Popkultur wohl nicht nur Frei.Wild aus. Das gehört zur Kunst, ist mindestens ein dramaturgisches Mittel der Fiktion. Der Autor und Aktivist Klaus Farin ordnet die Band Frei.Wild differenzierter ein: „Frei.Wild an sich ist eine vielleicht konservative Band, aber auf keinen Fall eine rassistische oder eine Rechtsrock-Band.“ Es würden immer die dieselben Beispiele bei den Boykottaufforderungen genannt, meint Farin. Die Menschen, die das fordern, würden sich eigentlich gar nicht für die Band interessieren, es gehe eigentlich nur um die eigene Profilierung.

Klaus Farin beschäftigt sich seit Jahren mit Popkultur. Er hat 1997 das Archiv für Jugendkulturen gegründet. Im Jahr 2015 hat er ein Buch über die Band Frei.Wild veröffentlicht. Dafür führte er Interviews mit Band-Mitgliedern, befragte Expert:innen und bezeichnet die Band schlussendlich gar als „Antifaschisten“. Kritiker lasten dem Autor eine zu große Nähe zur Band an. Farin hingegen wirft Gegnern von Frei.Wild eine mangelnde Auseinandersetzung mit der Band und ihren Fans vor: „Die verkaufen bei ihren Konzerten T-Shirts, wo draufsteht: ‚Frei.Wild Fans gegen Rassismus‘. Die haben Benefiz-Geschichten für Geflüchtete gemacht. Die haben in ihren heimatverliebten Liedern gesungen: ‚Heimat ist für alle da, die bei uns leben und nicht nur für die, die hier geboren sind.‘“

Wie soll man mit Frei.Wild umgehen?

Wie also mit Frei.Wild umgehen? Unabhängig von der Einordnung der Band – konservativ oder rechtspopulistisch – ist für mich die Kritik an einzelnen antisemitischen Narrativen berechtigt. Man muss nicht Nazi oder Antisemit sein, um trotzdem antisemitische Narrative zu bedienen. Aber reichen einzelne Zeilen, um ein Konzert in einer öffentlichen Einrichtung zu verbieten? Legen wir den gleichen Maßstab auch an andere Künstler:innen an? Was ist mit den brutalo-ironischen Texten der Rapgruppe K.I.Z? Manifester Sexismus, Frauenhass und Gewaltverherrlichung. Ist doch alles nur Ironie? Was ist mit antisemitischen Codes in Rap-Songs, wie zum Beispiel bei Haftbefehl?

Gut, das Zündeln mit antisemitischen Narrativen wird nicht besser, nur weil es auch andere tun. Sich also doch am „Canceln“ beteiligen und einen Boykott fordern, zumindest dann, wenn der Auftritt in städtischen Hallen stattfinden soll? Klaus Farin sieht ein Verbot von Konzerten kritisch, er wünscht sich mehr Debatte und keine vorschnellen Schlüsse – ganz unabhängig von Frei.Wild: „Alle Künstler und Künstlerinnen sollten kritisch gesehen werden, das sind ja schließlich keine Götter.“

Warum man sich mit allen Musikern kritisch beschäftigen muss

Besucher auf einem Konzert von "Frei.Wild"

Keine Frage, auch Musiker:innen können falsch liegen. Eric Clapton schämt sich für rassistische Tiraden in den 70ern, die er unter Alkohol auf der Bühne nachgeplappert hat. Die Ärzte spielen den Kultsong Elke aufgrund von Fatshaming nicht mehr. Und Kraftklub ließen die frauenfeindliche Abrechnung mit einer Ex-Freundin im Song „Dein Lied“ von allen Plattformen entfernen. Farin gesteht das auch Künstlern zu: „Musiker sind nicht alle hyperintelligent, sind nicht alle politisch engagiert. Das sind Menschen wie du und ich, und deswegen kann man trotzdem noch einen Song gut finden, oder eine Band gut finden und trotzdem ihre Meinungen kritisieren.“ Am besten sei immer noch die öffentliche Diskussion, damit sich die Menschen selbst, vor allen Dingen die Fans, kritisch mit ihrer eigenen Band beschäftigen. Das sei eigentlich das Wichtigste, meint Farin.

Die Debatte um Frei.Wild bringt uns letzlich nicht weiter

Frei.Wild haben über eine halbe Million Fans auf Facebook, mehrere Gold- und Platinplatten und füllen große Veranstaltungshallen – und das mit ganz unterschiedlichem Publikum. Aber beschäftigen sich Fans mit antisemitischen Codes in der Musik, nur weil das Konzert abgesagt wurde? Musik ist politisch. Das heißt auch, Künstler müssen sich berechtigter Kritik stellen – ganz unabhängig davon, wer sie äußert. Doch bringen uns Verbote als Gesellschaft weiter? Sorgen Sie für den erhofften gesellschaftlichen Wandel, hin zu einer diskriminierungsfreieren Gesellschaft? Oder schließen sie Räume der Auseinandersetzung? Auch die Debatte um das Frei.Wild-Konzert liefert keine wirklich zufriedenstellende Antwort.