Bayern 2 - Zündfunk


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Generator Podcast Bye, Bye, Bohème! Kehrt die Klassenfrage in der Politik zurück?

„Es ist etwas in Bewegung geraten in den westlichen Ländern: Man redet wieder über Klassen.“ Das schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem neuen Buch "Das Ende der Illusionen". Kann die Frage nach der Klassenlage helfen, unsere Gesellschaft besser zu verstehen?

Von: Ralf Homann

Stand: 07.02.2020

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Erstmal eine Analyse der Gegenwart: Im Moment stehen einer dünnen Oberschicht spätestens seit „Occupy Wallstreet“ die sprichwörtlichen 99 Prozent gegenüber. Die dünne Oberschicht wiederum ist für den Untergang der menschlichen Lebensbedingungen auf dem Planeten letztlich verantwortlich. Warum wird sie dann nicht entmachtet? Nun, eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Sie wird sogar von den 99 Prozent gestützt. 99 Prozent, die sich im globalen Norden in drei Klassen spalten: eine aufsteigende, hochqualifizierte neue Mittelklasse von Akademiker*innen, eine stagnierende alte oder traditionelle Mittelklasse und eine absteigende neue prekäre Klasse. Diese Klassen unterscheiden sich in ihrer kulturellen Lebensführung, ihrer Ressourcenausstattung und ihrem Ort im sozialen Machtgefüge deutlich voneinander – bis hin zur Polarisierung.

Eine Occupy-Demo in New York, 2011.

In Deutschland verweist die Polarisierung zum Beispiel auf das Parteienspektrum gegen Ende der 2010er Jahre: Das Entstehen der AfD, die sich als Repräsentant der alten Mittelklasse versucht, auf der einen Seite – auf der anderen Seite: der Boom der Grünen, die sich als Vertreter der neuen Mittelklasse offerieren. Die restlichen Parteien eiern mehr oder weniger herum. 

Eine neue Bohème muss her - solidarisch mit dem Prekariat

Das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz.

Dennoch ist ein optimistischer Blick in die Zukunft angesagt. Die Voraussetzungen für eine positive Wende sind gut. Zwar bestimmen die neoliberalen Wertvorstellungen der neuen Mittelklasse die gesellschaftlichen Debatten und ihre Angehörigen sind weder Hippies noch Anarchisten. Sie sind Realisten, die wissen, dass ihre Form der Selbstentfaltung nicht gegen oder außerhalb der Gesellschaft erreicht werden kann, sondern nur mit den Ressourcen, die der Kapitalismus bereitstellt. Doch das Dogma dieser Selbstentfaltung gerät immer mehr ins Wanken.

Das Selbstbild von der kreativen Unternehmer*in ihrer selbst, auf das sich die neue Mittelklasse stützt, beinhaltet auch ein grandioses Scheitern. In der von Andreas Reckwitz so genannten "Spätmoderne" wird die Zahl der in der prekären Klasse gestrandeten Hochqualifizierten weiter steigen. Deshalb fordert der Zündfunk-Generator eine neue Bohème. Also eine Bohème, die tatsächlich solidarisch ist mit dem Prekariat und sich nicht einfach nur in Symbolen des Widerstands wohl fühlt. Statt Zeichen setzen, die Zeiten ändern. Diese neue Boheme bedeutet auch eine klare Kampfansage an die wirkungslose Popkultur und die Salon-Linke, wie sie sich seit der 1980er Jahren etabliert hat. Es geht darum, die Aufrüstung bisher bewährter Identitätspolitik zwischen feministisch, postmigrantisch oder queer hinter sich lassen, um eine neue, solidarische Welt zu gewinnen.


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