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Neues Buch von David Graeber Überflüssig und völlig sinnfrei: Warum die Hälfte aller Jobs Bullshit sind

Na, googelst Du Katzenbabys während der Arbeit oder durchforstest das Netz nach Bewässerungstipps für Deinen Kaktus? Dann hast Du vielleicht einen Bullshit-Job. Denn laut Autor David Graeber sind die Hälfte aller Jobs überflüssig: Es ist ganz egal, ob sie gemacht werden oder nicht.

Von: Alexandra Martini

Stand: 24.09.2018

Mann langweilt sich während der Arbeit | Bild: picture alliance/Bildagentur-online

Jetzt ist es raus: Die Hälfte aller Jobs in den Industriestaaten sind Bullshit! Überflüssig. Völlig sinnfrei. Sagt zumindest der amerikanische Anthropologe, bekennende Anarchist und Autor David Graeber in seinem neuen Buch "Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit". Aber Achtung! Scheißjobs sind keine Bullshit-Jobs: Scheißjobs sind sinnvoll aber schlecht bezahlt, wie beispielsweise Reinigungs- oder Pflegekräfte. Bullshit-Jobs sind hingegen - obwohl sinnfrei - gut bezahlt. Gemeint sind vor allem Arbeiten im mittleren Management oder administrativen Bereich, sagt David Graeber, der an der London School of Economics lehrt.

David Graeber: Viele, die im mittleren Management arbeiten, haben mir erzählt, dass ihr Job entweder darin bestand, Menschen zu beaufsichtigen, die ihre Arbeit auch dann machen würden, wenn sie nicht beaufsichtigt würden. Oder sie haben andere Manager gemanagt. In manchen Firmen gibt es doppelt so viele Manager wie wirkliche Arbeiter. Diese Bullshit-Jobs gibt’s in allen Formen. Es gab auch einen Museumsaufseher, der engagiert wurde, um einen leeren Raum zu bewachen. Er musste dastehen und einfach nichts tun.

Zündfunk: Sie berufen sich in Ihrem Buch auf eine britische Studie: 50 Prozent der Arbeitenden hielten ihre Tätigkeit für sinnvoll, 13 Prozent waren sich nicht ganz sicher und 37 Prozent hielten ihre Tätigkeit nicht für sinnvoll. Trotzdem: Die Wirtschaft ist doch stark auf Effizienz ausgelegt, man kann sich kaum vorstellen, dass 37 Prozent der Jobs auch objektiv überflüssig sind?

Das ist das Erstaunliche. Ich habe auch gedacht, dass es eher 15 oder 20 Prozent sein werden. Wir sagen immer, dass wir in einem unglaublich effizienten Wirtschaftssystem leben, aber das scheint nicht wirklich zu stimmen. Es gibt nicht nur viele Menschen, die keinen Sinn in dem sehen, was sie tun, sondern es gibt auch viele, die sagen: Ich tue überhaupt nichts. Vielleicht arbeite ich eine halbe Stunde am Tag, oder eine Stunde in der Woche.

Was machen die Leute dann stattdessen?

Viele spielen Computerspiele, aktualisieren ihr Facebook-Profil oder sind in anderen sozialen Medien unterwegs. Ich glaube, darin könnte ein Grund für den Aufstieg von Social Media liegen. Wir haben Youtube-Rants, Twitter-Diskussionen, wir haben Instagram und Katzen-Memes. Das kann man sich alles reinziehen, während man so tut als würde man was anderes tun. Unsere Kultur ist gewissermaßen darauf ausgelegt, so zu tun als würde man arbeiten.

Trotzdem klingt diese „Bullshitisierung der Arbeit“, als wäre das alles geplant von einer bösen Macht. Ist das nicht ein bisschen verschwörungstheoretisch? Wer ist denn der Urheber dieser Entwicklung?

Autor David Graeber lehrt an der London School of Economics

Ich glaube, das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine Anti-Verschwörungstheorie. Die Frage, die wir stellen sollten, ist: Warum verschwören sich die Menschen nicht, um diese Entwicklung zu stoppen? Bei einem großen Paketlieferdienst zum Beispiel achtet man sehr darauf, dass der Paketlieferant so effizient wie möglich arbeitet. Aber die Supervisors in den Büros haben keinen Anspruch, sich selbst effizienter zu machen. Ein Grund dafür ist, dass die Macht von Managern und Führungskräften oft daran gemessen wird, wie viele Menschen unter ihnen arbeiten. Und zusätzlich gibt es enormen Druck von der Politik, neue Jobs zu schaffen. Es gibt also keinen Anreiz, unnötige Jobs zu streichen.

Und diese Menschen die sozusagen sinnlose Jobs machen, das haben Sie in Ihren Gesprächen und Zuschriften erfahren, leiden auch psychisch unter dieser Situation.

Das ist das Interessante: Eigentlich müssten diese Leute glücklich sein. Ich meine, viele von ihnen bekommen Geld fürs Nichtstun. Das ist eigentlich der Jackpot. Aber es hat mich echt getroffen, wie schlecht es diesen Menschen geht: Sie bekommen Depressionen, Angstzustände, Panik, psychosomatische Krankheiten, haben ein schlimmes Arbeitsumfeld, haben teilweise Mobbing oder Belästigung erlebt. Und ich glaube das zeigt uns, dass der Mensch nur existiert, wenn er etwas Sinnvolles tun kann. Wenn man ihm das wegnimmt, dann verkümmert er innerlich.

Es ist ja Fakt, dass Arbeit in unserer Gesellschaft zentral ist: Teilhabe, Selbstwertgefühl, Identität, das ist alles an den Beruf geknüpft. Gäbe es überhaupt etwas, das diese Funktionen der Arbeit ersetzen könnte? Oder würde bei der 15 Stunden-Woche jeder durchdrehen, weil uns das ja alles definiert?

Es muss ja nicht unbedingt Arbeit sein. Vor lauter Arbeit haben wir nur keine Zeit, uns andere Projekte auszudenken, die Arbeit ersetzen könnten.

Was könnte es sein?

Ich weise da gern auf das Mittelalter hin. Als die Pest vorbei war, stiegen die Löhne, weil die Arbeit knapp war. Und plötzlich entstanden überall Volksfeste. Ungefähr jeder dritte Tag war ein Feiertag und die Leute haben allerlei verrücktes Zeug gemacht. An einem Tag bauten sie einen riesigen Drachen und zündeten ihn an, an einem anderen veranstalteten sie ein Käserennen.

Und all die anderen gesellschaftlichen Prozesse würden nicht drunter leiden, wenn wir jetzt alle große Drachen bauen?

Ich habe das ja nur als Beispiel genannt. Ich glaube einfach, dass die Kultur durchstarten würde. Schauen Sie mal nach Großbritannien: Alle drei bis fünf Jahre kam von dort ein neuer großartiger Musiktrend. Irgendwas Brilliantes, das dann durch die ganze Welt ging. Das hat aufgehört. Ich habe Leute gefragt warum. Sie haben gesagt, das hat mit dem Sozialsystem zu tun. All diese Bandmitglieder haben früher Sozialleistungen bekommen, die hatten also massig Zeit. Ein Workingclass-Kid, das keinen Job hatte konnte genauso gut eine Band gründen. Und jetzt stapeln sie Kartons in Geschäften. Also: Wer auch immer der nächste John Lennon ist, füllt gerade den ganzen Tag Formulare aus, um seine Leistungen zu bekommen oder um zu beweisen, dass er aktiv auf Arbeitsuche ist. Und alle anderen auf der Welt leiden darunter.


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