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Wie die MILF der Frau in den Rücken fällt MILF: Die Mutter als sexuelle Leistungsträgerin

Die MILF, die "Mom I'd like to fuck", ist in Popkultur und Porno-Industrie ein fester Begriff. Die MILF hat aber auch Auswirkungen auf Frauen im echten Leben. Dazu kam gerade ein Buch raus: "MILF-Mädchenrechnung". Wir haben mit der Autorin gesprochen.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 22.05.2018

Mutter serviert Familienessen, Vintage | Bild: picture alliance/Glasshouse Images

Die MILF ist ein Begriff, der mittlerweile genauso zur Popkultur gehört wie zur Pornokultur. Populär geworden ist der Begriff in den 90ern durch die Teenie-Komödie American Pie. Die Mutter von Teenager Stifler ist so heiß, mit der würde sogar sein Kumpel ins Bett gehen. Aha.

Der Hype um die MILF hat dabei mittlerweile auch Auswirkungen auf Frauen im echten Leben. Darüber hat die österreichische Sexualpädagogin und Genderforscherin Katja Grach gerade ein Buch veröffentlicht. Es heißt "MILF-Mädchenrechnung. Wie sich Frauen heute zwischen Fuckability-Zwang und Kinderstress aufreiben". Wir haben mit ihr gesprochen.

Zündfunk: Die MILF ist ein Mischwesen aus verschiedenen Frauenidealen. Was steckt denn da alles drin, in der MILF?

MILF ist eine ambivalente Zuschreibung. Denn das ist jemand, mit dem ich schlafen würde, obwohl sie eine Mutter ist. Sonst könnte man diesen Zusatz Mutter in der Betitelung weglassen. Und in den Begriff MILF steckt auch die Mutter, das asexuelle Wesen, was früher die Heilige war, die Mutti. Die macht alles besser. Wenn es mir schlecht geht, gehe ich zu ihr. Das hat überhaupt nichts sexuelles, eigentlich. Anderseits geht es mit diesem "I'd like to fuck" um sexuelle Attraktivität, da geht’s um dieses "Heilige und Hure". Darin steckt dann auch die "Schlampe", die Frau, die sexuell selbstbestimmt ist. Das ist nach wie vor etwas, was ein bisschen tabuisiert ist.

Sexualpädagogin und Genderforscherin Katja Grach

MILF ist eine der beliebtesten Kategorien bei Pornoseiten - die nicht mehr ganz junge Frau und Mutter als Wichsvorlage. Was steckt denn dahinter, dass die Mutter sexuell begehrt wird?

Da ist ein Tabubruch dabei. Neben MILF ist einer der beliebtesten Suchbegriffe auf Pornhub "Stepmom", die Stiefmutter, und "Mom" generell. Das Inzesttabu spielt da auch mit rein. Außerdem ist die größte Gruppe von Männern, die sich das anschaut, ebenso alt wie die MILF Darstellerinnen. Sie suchen sich Gleichaltrige.

Eigentlich ist es ja gut, dass Mütter nicht nur als heilige asexuelle Wesen gesehen werden, die nur für die Kinder da sind, sondern auch sexuell aktiv sein wollen. Aber in deinem Buch sagst du, es gibt noch den "Fuckability Zwang". Was heißt das?

In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Schönheitsindustrie und sowas wie der instagram-Selbstoptimierungszwang und ähnliches vervielfacht. Und seit den 90er Jahren gilt "Böse Mädchen kommen überall hin". Da ist dieses sexuell-anrüchige schon dabei und wenn man das nicht bietet, dann ist man nicht emanzipiert. Dann ist man prüde und prüde möchte man auf keinen Fall sein. Dieser Trend ist auch an Müttern nicht vorbei gegangen.

Die MILF ist die eierlegende Wollmilchsau. Sie bekommt Kinder und Familie hin und vielleicht auch noch einen Job und sie ist sexuell verfügbar und willig. Frauen müssen alles stemmen und dabei auch noch gut aussehend. Wenn es nach diesem Ideal geht. Eigentlich müsste man es ignorieren. Vielleicht vergeht dieses MILF-Ideal irgendwann mal wieder?

Es ist super, wenn man es ignorieren kann. Aber wir leben nicht im luftleeren Raum. Man müsste sich bei so ziemlich allen sozialen Plattformen abmelden, man dürfte nicht mehr Zeitung lesen und Fernsehen schauen. Das ist eben eine Norm, die propagiert wird. Dass man ihr wirklich gerecht werden kann, glaube ich eh nicht, aber es macht Druck. Und dieser Leistungsdruck, der momentan in allen gesellschaftlichen Bereichen zu spüren ist, ist umso stärker bei Müttern, die diese ganze Vereinbarkeitsdebatte sowieso schon haben.


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