Bayern 2 - Zündfunk


5

Album der Woche: "Broken Politics" Neneh Cherry und der Sound der Postdemokratie

Neneh Cherry ist wieder da – und sie ist wütend! "Broken Politics" kommt zwar leichtfüßig daher und klingt familiär, erzählt aber von unruhigen Zeiten.

Von: Barbara Streidl

Stand: 29.10.2018

Neneh Cherry steht in einem knöchellangen Hemdkleid auf der Straße, breitbeinig, die langen schwarzen Locken in der Luft, so als wäre sie gerade gelandet. In einen sicheren Stand. Das ist das Cover von „Broken Politics“, geschossen vom Fotokünstler und Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans.

Vertrauter Sound

Mit 54 Jahren ist Neneh Cherry musikalisch dort, wo sie sein will: Zu Hause. Das Album atmet den Spirit ihrer Familie: Fast alle Stücke hat sie gemeinsam mit Cameron McVey, ihrem Mann und dem Vater ihrer vier Kinder, geschrieben. Und aufgenommen hat sie „Broken Politics“ in Woodstock, im Studio von Karl Berger. Der spielte Vibraphon auf vielen Jazz-Alben von Nenehs 1995 verstorbenen Stiefvater Don Cherry. Ein Stück Vertrautheit.

Von ihrem Stiefvater Don hat Neneh Cherry viel gelernt – und er hat ihr nicht nur den Jazz nahe gebracht, sondern auch die richtige Haltung, die „Frauenpower“: Er brachte Teenage-Neneh eine Platte der Londoner Band The Slits mit, die sie ziemlich super fand. Die Slits weckten nicht nur den Punk in ihr, sondern auch den Aktivismus: Ihren ersten Superhit „Buffalo Stance“ sang Neneh Cherry sichtbar schwanger bei Top of the pops. Ein feministisches Statement – Jahre vor all den anderen der Öffentlichkeit präsentierten Babybäuchen von Demi Moore, M.I.A. oder Christina Aguilera.

Düstere Message

Sound und Haltung sind vertraut. Doch das Narrativ des Albums ist düster: "Pick up a gun, you know you gonna use it" singt sie in „Shot Gun Shack“ über eine bis an die Zähne bewaffnete Welt. Und in „Black Monday“ rechnet sie mit Börsen-Zockern ab. Das Album "Broken Politics" ist eine Anklage an die gebrochenen Versprechen der Politik. Das könnte jetzt düster und sehr schwermütig klingen, kommt aber sehr leichtfüßig daher. Cherry eben. Und ganz und gar nicht belehrend. Und das, obwohl permanent Klartext gesprochen wird: Der Brexit, der Umgang mit Flüchtlingen, der globale Rechtsruck – das alles, sagt uns Neneh Cherry im Interview, sind Ergebnisse falscher Politik: „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Verantwortlichen auch nur irgendetwas anstoßen, damit es den Menschen besser  geht. Es ist einfach ein Haufen Lügen. Diese Leute machen sich die Taschen voll und ruinieren die Welt.“  

Auch visuell fängt sie das Thema auf. Für das Stück „Kong“ ist Neneh Cherry nach Bristol geflogen und hat dort den Gesang mit 3D von Massive Attack aufgenommen. Im Videoclip zu „Kong“ sehen wir viele Container und schwarze Menschen in weißen Kleidungsstücken, es geht wohl um das immer noch schmerzende Erbe des Kolonialismus. Und dann singt Neneh Cherry mit weißen Farbklecksen im Gesicht davon, wie sehr Hierarchien und Geld unsere Welt beherrschen.

Neneh Cherry ist zu Recht ein Superstar: Sie schafft es immer wieder, zeitgemäß und zugleich zeitlos zu klingen. Das wirklich Große ist aber ihre Kraft als Erzählerin von wichtigen, politischen wie persönlichen Geschichten. Die rappt sie, singt sie, flüstert sie und fühlt sie in ihren Songs. Den Zorn über die „Broken Politics“ bringt sie hoffentlich in unsere Köpfe, damit wir verstehen, erkennen und bereit werden, etwas zu verändern.


5