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Diversity in der Downing Street? Wie der neue Premier Rishi Sunak der weißen Oberschicht schmeichelt

Rishi Sunak heißt der neue Premierminister. Und weiße Briten freuen sich, was für ein diverses, tolerantes Land sie doch haben. Immerhin waren seine Eltern Migranten und er selbst ist praktizierender Hindu. Aber wie viel Diversität verspricht ein ehemaliger Eliten-Schüler und Goldman-Sachs-Manager?

Author: Robert Rotifer

Published at: 2-11-2022

Rishi Sunak heißt der neue Premierminister. Und weiße Briten freuen sich, was für ein diverses, tolerantes Land sie doch  | Bild: picture alliance, empics | Victoria Jones

"Ich bin zum Führer meiner Partei und zu ihrem Premierminister gewählt worden, und diese Arbeit beginnt sofort", sagt Rishi Sunak in dem flotten Video, das neulich auf den Youtube-Kanal von Number 10 Downing Street, dem Sitz des britischen Premiers, gestellt wurde.

Wir hören, wie Joe Biden Sunak zu seinem Amt gratuliert. Aber anders als der amerikanische Präsident wurde er natürlich nicht von der Bevölkerung, sondern von der konservativen Parlamentsfraktion gewählt. Und doch sollten wir, wenn es nach dem britischen Medienkonsens geht, die Ernennung des ersten nicht-weißen, eine andere als die christliche Religion ausübenden Premiers als einen großen Moment betrachten.

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Prime Minister Rishi Sunak’s speech on the steps of Downing Street | Bild: 10 Downing Street (via YouTube)

Prime Minister Rishi Sunak’s speech on the steps of Downing Street

Er hat dunkle Haut, das muss doch reichen

"Ich werde Ihr Vertrauen gewinnen", sagt Sunak, in Richtung seines Lands, das sich seinerseits in ihm symbolisch als eine erfolgreich diverse Gesellschaft reflektieren darf. Dabei muss man nicht weit suchen, um in den sozialen Medien kritische Stimmen britischer people of colour zu finden, die sich nicht mit diesem über einige hundert Millionen Pfund an Vermögen verfügenden, in einer Elite-Privatschule unterrichteten Politiker identifizieren wollen, bloß weil er eine dunklere Hautfarbe hat.

Einer von ihnen ist Aditya Chakrabortty, Kolumnist der linksliberalen Tageszeitung The Guardian: "Wir kennen den Ausdruck Mansplaining, wo ein Mann einer Frau erklärt, was sie bereits weiß. Bei Rishi Sunaks Krönung zum Premierminister könnte man den Ausdruck Whitesplaining verwenden. Weiße Briten erfreuen sich daran, was für ein tolerantes Land sie doch haben."

Klasse sticht Ethnie

Chakrabortty stößt sich insbesondere an einer bisher ungeläufigen Vokabel, die neuerdings zur Beschreibung von Rishi Sunaks Position im modernen Britannien verwendet wird: "Er wird nun als Galionsfigur für diese neue Art von Person aus einer ethnischen Minderheit gesehen: ein britischer Hindu. Das ist ein künstliches Gebilde. Ich bin auch ein Hindu und indischer Herkunft, aber meine Mutter hätte sich nie in ihrem Leben als 'praktizierende Hindu' bezeichnet."

"Anders als im Christentum oder Islam", so Chakrabortty, "muss man bei dieser Religion nicht bestimmte Dinge tun, um ein Hindu zu sein. Wenn Rishi Sunak in der Downing Street performativ Diwali-Lampen anzündet, dann habe ich sowas noch nie gesehen. Mit ihrer Konstruktion dieser Figur eines britischen Hindu versuchen die Rechten in Presse und Politik den Eindruck zu erwecken, dass es kein wirkliches Problem mit Rassismus in diesem Land gäbe. Dass jede Minderheit in Großbritannien aufsteigen kann, solange sie sich an die Regeln hält. Nach dem Motto: Warum können nicht alle in Großbritannien, die nicht weiß sind, einfach mehr wie Rishi sein?"

Sind die Kritiker zu kritisch?

Ist der erste British Asian an der Spitze des ehemaligen Kolonialstaats also tatsächlich bloß dazu da, den ethnischen Minderheiten in Großbritannien zu vermitteln, dass sie sich nicht zu beschweren hätten? Oder vergibt man sich mit dieser kritischen Interpretation am Ende eine seltene Chance, das zerstrittene Land zur Abwechslung einmal unter einer antirassistischen Wohlfühlbotschaft zu vereinigen?

Aditya Chakrabortty von The Guardian bleibt kritisch: "Ich kann verstehen, warum so viele Politiker*innen und Expert*innen in den Medien Rishi Sunaks Aufstieg zum Premier als Erfolg feiern. Aber ich sehe in der Art, wie über ihn geschrieben wird, ein Warnzeichen für die Politik in ganz Europa. Denn was wir bei Rishi Sunak erleben, ist die Erschaffung einer Identität in Echtzeit, direkt vor unseren Augen. Ich glaube nicht, dass er irgendwas von diesem Extremismus in sich trägt, aber er wird nun instrumentalisiert als dieser britische Hindu-Politiker, nicht etwa ein indischer Oberschicht-Politiker, dessen Eltern eigentlich aus Ostafrika kamen. Diese Komplexität ist eigentlich die bessere Story, die sich über Rishi Sunak und über uns alle erzählen ließe. Und wenn man sie zu sehr vereinfacht, wird sie in den falschen Händen gefährlich. Im Feiern liegt also auch immer eine Gefahr."

Chakraborttys Verweis auf die Zeit der Sunaks in Ostafrika bezieht sich übrigens darauf, dass die Familie schon damals – wie viele eingewanderte Inder*innen – in verwaltender Funktion Teil der dortigen britischen Herrschaftsstruktur war. Die Geschichte des Kolonialismus, sie ist eben ziemlich komplex. Und wenn man von Diversität spricht, genügt nicht der Blick auf die Hautfarbe.