Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: „Bottle It In“ Kurt Vile ist der Antiheld des Spotify-Zeitalters

Kurt Vile ist der Entschleuniger der amerikanischen Songwriter-Szene. In Zeiten, in denen die Musikindustrie den Refrain nach spätestens zehn Sekunden will, lässt sich Kurt Vile Zeit - zum Glück!

Von: Matthias Hacker

Stand: 22.10.2018

Kurt Vile ist ein Phänomen. Auch auf „Bottle It In“ – seinem siebten Album – bewegt er sich mit seinem Gesang in einer maximalen Bandbreite von fünf Halbtönen. Er leihert und nuschelt seine Vocals eher vor sich her, dehnt dafür Gitarrenriffs und Akkordfolgen gerne mal auf über zehn Minuten aus – und trotzdem langweilt seine Musik nicht. Sie hypnotisiert eher, zieht uns in ihren Bann. Sein Geheimrezept: Wiederholen, Wiederholen, Wiederholen. Das hat er schon immer gemocht, erklärt er: „Ich mochte es immer schon, immer wieder den gleichen Witz zu erzählen - bis er zum Running Gag wird. Ich höre mir auch ständig die gleichen Songs an - ich habe meinen Finger auf der Repeat-Taste.“

Ein Kleinod der Unaufgeregtheit

Vor zehn Jahren ist Kurt Vile bei „The War On Drugs“ ausgestiegen, die er mitgegründet hat. Viele haben das damals für den falschen Schritt gehalten und ihm den Soloerfolg nicht zugetraut. Aber er hat längst seinen eigenen Signature Sound entwickelt. Es ist diese hör- und spürbare Lässigkeit und Tiefenentspanntheit, weshalb man diesem Gitarrenzottel, diesem ewigen Slacker, so gerne zuhört. Kurz Vile ist der Antiheld des Spotify-Zeitalters, der große Ignorant der Skip-Taste. Bei Charthits müssen mittlerweile innerhalb der ersten zehn Sekunden Bridge und Refrain knallen, damit der Zuhörer nicht zum nächsten Song flieht. Kurt Vile zuckt da nur müde seine Slacker-Schultern und lässt sich Zeit. Seine Musik ist ein Kleinod der Unaufgeregtheit.

Kurt Vile ist der Entschleuniger der amerikanischen Songwriter-Szene. Ein Einluller, ein Bewahrer im positiven Sinne. Musikalische Moden stressen ihn nicht, stattdessen liebt er den alten amerikanischen Gitarren-Style. Er fühlt sich dem Südstaaten-Trucker-Country genauso zugehörig wie der New Yorker Avantgarde Szene der 90er Jahre. Auf seiner Spotify-Liste laufen Neil Young, John Fahey, Dolly Parton gleichberechtigt neben Sonic Youth oder Krautrock von Cluster.

Von Americana zu cineastischen Noir-Western-Sounds

Jeder Song auf „Bottle It In“ hat seinen eigenen Klang. Das ist neu. In den Songs wiederholt er sich, aber keiner gleicht dem anderen. Er springt von Americana zu reduzierten cineastischen Noir-Western-Sounds wie in „Cold Was The Wind“. Und nach einer kleinen Nachhilfestunde hat er mittlerweile auch Countryschieber drauf: „Ich glaube die Einstiegsdroge war Jerry Lee Lewis und das Buch über ihn namens ‚Hellfire‘. Dann hab ich die Autobiografie von George Jones verschlungen und immer mehr und mehr Country-Bücher gelesen. Ich war richtig besessen.“


Früher hat sich Kurt Vile als Gabelstapler-Fahrer ein paar Scheine dazu verdienen müssen, um zuhause im Schlafzimmer seine EPs aufnehmen zu können. 2018 ist er auf dem Zenit seines Könnens. Es ist sein bestes Album und gleichzeitig irgendwie auch ein Best Of. Vielleicht hat auch das Duett-Album mit Courtney Barnett im vergangenen Jahr seinem Songwriting den letzten Schliff gegeben. Seine Hooks sind jetzt klarer zu identifizieren. Barnett hat das Album natürlich auch schon gehört und ihm gleich getextet, dass sie es liebt. Er meint: Sie sei halt unfassbar nett und wolle ihm nur schmeicheln. Ich meine: Sie ist einfach nur ehrlich. Man kann dieses Album nur lieben.


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