Bayern 2 - Zündfunk


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Reggae-Star wäre 75 Jahre alt geworden Lieber Bob Marley, ich schulde dir noch einen - und hier erzähle ich warum

Er hat den weltweiten Siegeszug des Reggae eingeleitet. In den 70ern und 80er Jahren hing sein Konterfei in vielen Jugendzimmern: Bob Marley. Zündfunk-Musikchef Michael Bartle hat sein halbes Leben mit Marley verbracht. Eine ganz persönliche Würdigung.

Von: Michael Bartle

Stand: 05.02.2020

Reggae-Legende Bob Marley | Bild: picture-alliance/dpa

Ich schulde Bob Marley noch einen. Wahrscheinlich schulden wir alle Bob Marley noch einen. Aber ich besonders. Wahrscheinlich war ich 13 oder 14, als ich mir von meinem Taschengeld meine erste Bob Marley-Platte absparte. Die war so anders als die Platten, die ich schon hatte. Anders als Dylan, Bowie oder Van Morrison. Die brachte mich mit einem baum-alten Schmerz in der Stimme nach Trench Town.

Auch wenn ich damals keinen Schimmer hatte, dass Trench Town ein Stadtteil ist von Kingston, der Hauptstadt von Jamaika. Ein Slum, eine Favela, heute würde man sagen: ein Brennpunkt, ein Problemviertel. Da, wo man gute Freunde hat und noch bessere schnell verlieren kann an die „Gunmen“. Dort ist Bob Marley aufgewachsen. Und nicht nur er, sondern auch Peter Tosh und Bunny Wailer, seine Weggefährten.

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The Fugees - No Woman No Cry | Bild: TheFugeesVEVO (via YouTube)

The Fugees - No Woman No Cry

Der Duft von Marihuana, der durch den Song weht, hat mich nie interessiert, aber „No Woman, No Cry“ (hier verlinkt in einer Version von den Fugees) hat in mir die Weltsehnsucht geweckt. Das Wissen, dass es außerhalb von Europa und den USA Menschen und Musiker gibt, die zu mir sprechen, weil sie anders sprechen. „No Woman, No Cry“ hat aus mir einen globalisierten Menschen gemacht – natürlich habe ich damals nicht geahnt, dass andere darin ein Problem sehen könnten: in der Globalisierung, deren erste und markanteste Stimme für mich Bob Marley war.

Charisma von Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Wailer war unübersehbar

Genauso wenig konnte ich mir vorstellen, dass ich 2014, also gut 35 Jahre später, hier auf Bayern 2 ein Interview mit Chris Blackwell senden würde – jenem sagenumwobenen Plattenfirmenboss. Er hatte 1973 den entscheidenden Riecher und brachte mir dadurch Bob Marley und die Wailers in mein Würzburger Jugendzimmer: „Ich kann mich daran erinnern, als wäre es erst gestern passiert: Peter Tosh, Bunny Wailer und Bob Marley spazierten in mein Büro, als wären sie drei Könige. Aber in Wirklichkeit waren sie total pleite. Pleite und gestrandet in England. Aber ihr Charisma war unübersehbar, mit Händen zu greifen. Ich spürte sofort, dass sie stark sind und dass ich unbedingt mit ihnen arbeiten möchte.“

Auch für mich – das Würzburger Pubertier war dieses Charisma unübersehbar und vor allem unüberhörbar. Album für Album kauf ich mich durch das Repertoire von Bob Marley and The Wailers. Teile ihre Empfindung, dass das „Babylon System“ ein geldgeiler Vampir ist, verachte die Slave Driver, mache mich auf den Exodus, erschieße in Gedanken den Sheriff. Auf jeden Fall bin ich mir sicher: das muss Liebe sein! So sicher sogar, dass mir meine Mutter einen Pulli in rot-gelb-grünen Streifen stricken muss, den ich eine Weile stolz auf dem Pausenhof trage. Wie bei Millionen anderer Teenager hatte Bob Marley irgendwas geweckt in mir – so perfekt war seine Mischung aus Rebellion und tiefem Soul, aus Che Guevara und Bob Dylan.

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Could You Be Loved (Africa Unite, 2005) - Bob Marley & The Wailers | Bild: Bob Marley (via YouTube)

Could You Be Loved (Africa Unite, 2005) - Bob Marley & The Wailers

Als ich dann mit 21 Jahren zum ersten Mal so richtig die Welt bereise, ohne Flugscham noch, in Indien, Indonesien, Thailand, Mexico und Guatemala aufkreuze, ist ER immer schon da. Aus allen Boxen, aus allen Strandbars dröhnt er, der „Buffalo Soldier“. Bob Marley ist mittlerweile längst der erste ganz große Popstar aus dem sogenannten „Rest der Welt“. Wird so penetrant häufig gespielt, dass er zum Klischee gerinnt, zum akustischen Maskottchen des sich gerade entwickelnden Fernreise-Massen-Tourismus. Auch er konnte es also nicht ganz besiegen, das „Babylon"-System. Ganz abgewendet hab ich mich aber trotzdem nie von ihm. Weil seine Songs, ähnlich denen der Beatles, kaum tot gespielt werden können. Und weil ich ihm noch was schulde

Zurück nach Würzburg, zurück ins Jahr 1985. In die 12. Klasse des Friedrich-Koenig Gymnasiums. Dr. Schlampp, unser Englisch Leistungskurslehrer akzeptiert mein Facharbeitsthema: Bob Marley und seine politische Rolle in Jamaica. Ich schreibe auf den letzten Drücker, mein Vater lektoriert, meine Mutter tippt sie in unsere Schreibmaschine. Als ich die Arbeit ein paar Woche später zurückbekomme, leuchten meine Augen. Bob Marley – Doppelpunkt – 14 Punkte. Eine glatte Eins. Danke, Bob, nicht nur dafür. Ich hoffe, wir sind jetzt quitt. Und Ruhe in Frieden!


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