Bayern 2 - Zündfunk

40. Todestag Warum ich Bob Marley noch einen schulde

Bob Marley hat den globalen Siegeszug des Reggae eingeleitet. Vor 40 Jahren ist er gestorben. Noch bevor er zum Klischee gerann, hing sein Konterfei in vielen Jugendzimmern. Auch in dem unseres Autors. Eine persönliche Würdigung.

Von: Michael Bartle

Stand: 11.05.2021

Der Reggae-Star starb am 11. Mai 1981 | Bild: Bild: picture-alliance/dpa/ZUMA Press/Globe Photos

Ich schulde Bob Marley noch einen. Wahrscheinlich schulden wir alle Bob Marley noch einen. Aber ich besonders. Wahrscheinlich war ich 13 oder 14 Jahre alt, als ich mir von meinem Taschengeld meine erste Bob-Marley-Platte absparte, die so anders war als die Platten, die ich schon hatte. Als Dylan, Bowie oder Van Morrison. Die mich mit einem Schmerz alt wie ein Baum in der Stimme nach Trench Town brachte. Auch wenn ich damals keinen Schimmer hatte, dass Trench Town ein Stadtteil ist von Kingston, der Hauptstadt von Jamaika. Dahin zog Bob Marley als Kind mit seiner alleinerziehenden Mutter, sein Vater war ein britischer Marineoffizier. Trench Town, das war ein Slum über den Abwasserbecken und Kanälen der Stadt:

"I remember when we used to sit in a government yard in Trench Town. The hypocrites as they mingled with the good people we meet/ Good friends we had, oh good friends we have lost/ Along the way, yeah"

Songzeile aus “No Woman No Cry” von Bob Marley

Der Duft von Marihuana, der durch den Song weht, hat mich nie wirklich interessiert, aber der Damals-Noch-Nicht-Gassenhauer „No Woman No Cry“ hat in mir die Weltsehnsucht geweckt. Das Wissen, dass es außerhalb von Europa und den USA Menschen und Musiker gibt, die zu mir sprechen, weil sie anders sprechen. „No Woman No Cry“ hat aus mir einen globalisierten Menschen gemacht. Natürlich habe ich damals nicht geahnt, dass andere darin ein Problem sehen könnten: in der Globalisierung, deren erste und markanteste Stimme für mich Bob Marley war.

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No Woman, No Cry (1974) - Bob Marley & The Wailers | Bild: Bob Marley (via YouTube)

No Woman, No Cry (1974) - Bob Marley & The Wailers

„Ich spürte sofort, dass ich unbedingt mit ihnen arbeiten möchte“

Genauso wenig konnte ich mir vorstellen, dass ich 2014, also gut 35 Jahre später, auf Bayern 2 ein Interview mit Chris Blackwell senden würde – mit dem sagenumwobenen Plattenfirmenboss. Er hatte 1973 den entscheidenden Riecher und brachte mir dadurch Bob Marley und die Wailers in mein Würzburger Jugendzimmer.

„Ich kann mich daran erinnern, als wäre es erst gestern passiert“, sagte Blackwell. „Peter Tosh, Bunny Wailer und Bob Marley spazierten in mein Londoner Büro, als wären sie drei Könige.“ In Wirklichkeit seien sie total pleite gewesen und in England gestrandet. „Aber ihr Charisma war unübersehbar, mit Händen zu greifen“, so Blackwell. „Ich spürte sofort, dass sie stark sind und dass ich unbedingt mit ihnen arbeiten möchte.“

Auch für mich – das Würzburger Pubertier – war dieses Charisma unübersehbar und vor allem unüberhörbar. Album für Album kaufte ich mich durch das Repertoire von Bob Marley and The Wailers. Jugendlich-moralisch-berauscht fühlte ich ihre Slogans. Stimmte zu, dass das „Babylon System“ ein geldgeiler Vampir ist. Verachtete mit ihnen die „Slave Driver“. Machte mich auf den „Exodus“. Bemitleidete aber immerhin den erschossenen Sheriff. „Is this love“? Auf jeden Fall, da bin ich mir sicher!

So sicher sogar, dass mir meine Freundin einen Pulli in rot-gelb-grünen Streifen strickte, den ich eine Weile stolz auf dem Pausenhof trug. Wie bei Millionen anderer Teenager hat Bob Marley irgendwas geweckt in mir – so perfekt war seine Mischung aus Rebellion und Soul, aus Che Guevara und Bob Dylan.

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Bob Marley - Is This Love (Official Music Video) | Bild: Bob Marley (via YouTube)

Bob Marley - Is This Love (Official Music Video)

Bob Marley: 14 Punkte!

Als ich dann mit 21 Jahren zum ersten Mal so richtig die Welt bereiste, ohne Flugscham noch, in Indien, Nepal, Indonesien, Thailand, Mexiko und Guatemala aufkreuze, war ER immer schon da. Aus allen Boxen, aus allen Strandbars dröhnte er, der „Buffalo Soldier“. Bob Marley war mittlerweile längst der erste ganz große Popstar aus dem sogenannten „Rest der Welt“. Wurde so penetrant häufig gespielt, dass er zum Klischee gerann. Zum akustischen Maskottchen des sich gerade entwickelnden Fernreise-Massen-Tourismus.

Auch er konnte es also nicht ganz besiegen, das Babylon-System. Ganz abgewendet habe ich mich aber trotzdem nie von ihm. Weil seine Songs, denen der Beatles ähnlich, kaum tot gespielt werden können. Und weil ich ihm noch was schulde.

Zurück nach Würzburg, zurück ins Jahr 1985. In die Oberstufe des Friedrich-Koenig-Gymnasiums. Bob Marley ist da gerade vier Jahre tot, gestorben mit Mitte dreißig an einem Gehirntumor. Dr. Schlampp, unser Englisch-Leistungskurslehrer, akzeptiert mein Facharbeitsthema: „Bob Marley und seine politische Rolle in Jamaika.“ Ich schreibe auf den letzten Drücker, mein Vater lektoriert, meine Mutter tippt sie in unsere Schreibmaschine. Als ich die Arbeit ein paar Woche später zurückbekomme, leuchten meine Augen. Bob Marley: 14 Punkte! Eine glatte Eins. Danke, Bob, nicht nur dafür. Ich hoffe, wir sind jetzt quitt. Und Ruhe in Frieden!