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Nach Sturm aufs Kapitol BLM-Aktivist*innen kritisieren Polizeieinsatz

Hat die Polizei so zurückhaltend reagiert, weil die Mehrheit der Demonstrierenden Weiße waren? Diese Kritik wird momentan immer lauter. Wir haben mit Aktivist*innen aus der Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA gesprochen. Ihr Urteil ist eindeutig.

Von: Ben Kutz

Stand: 08.01.2021

06.01.2021, USA, Washington D.C.: Sicherheitskräfte setzen Tränengas ein, nachdem Unterstützer von US-Präsident Trump das Kapitolgebäude gestürmt haben, wo die Abgeordneten den Sieg des gewählten Präsidenten Biden für doe Präsidentschaftswahlen im November bestätigen sollten.  | Bild: dpa-Bildfunk/Probal Rashid

Nachdem Hunderte Anhänger Donald Trumps am Mittwoch das Kapitol in Washington gestürmt und zum Teil verwüstet haben, wird die Kritik zum Verhalten der Polizeikräfte immer lauter. Ein Punkt, der von etlichen Beobachtern thematisiert wird, ist, dass die vor allem weißen Protestierenden vergleichsweise sanft von Polizei und Einsatzkräften behandelt worden seien.

"Randalierer mussten gar nicht einbrechen"

„Ja, ich war sauer, dass die Polizei das einfach zugelassen hat“, erklärte DeRay Mckesson aus Baltimore, Maryland. Der 35-jährige ist Aktivist der Black-Lives-Matter-Bewegung. Mckesson sagt weiter: „Es gibt ein Video, das zeigt, wie die Polizei die Barrikaden zur Seite räumt. Die Polizei hat das alles erlaubt, die Randalierer mussten gar nicht einbrechen. Die Polizei hat sie reingelassen und nichts unternommen. Und ich bin gespannt, welche Konsequenzen das hat.“

Chanelle Helm, eine 40-jährige BLM-Aktivistin aus Louisville, Kentucky, spricht sogar von einem Staatsstreich. „Ich war nicht wirklich wütend, ich wusste ja, was diese weißen Menschen vorhaben“, so Helm.

"Was mich wirklich wütend gemacht hat, sind all die Menschen, die davon besessen sind, unser Land noch rassistischer zu machen. Das können wir seit fünf Jahren beobachten."

BLM-Aktivistin Chanelle Helm

Kritik kommt auch von Joe Biden

Der künftige US-Präsident Joe Biden und seine Vize Kamala Harris haben schon am Donnerstag vor einer Ungleichbehandlung von Demonstranten durch Sicherheitskräfte gewarnt. Mit Blick auf gewaltsam aufgelöste Anti-Rassismus-Proteste im vergangenen Jahr sagte Biden am Donnerstag in Wilmington: „Niemand kann mir sagen, dass wenn gestern eine Gruppe von "Black Lives Matter"-Demonstranten protestiert hätte, sie nicht sehr, sehr anders behandelt worden wäre.“

Aktivist Mckesson konnte Szenen kaum glauben

Black Lives Matter-Aktivist*innen Chanelle Helm und DeRay McKesson

Als der Mob aus Hunderten Anhängern von Donald Trump am Mittwoch in einer beispiellosen Gewalteskalation das Kapitol in der US-Hauptstadt Washington stürmte, sah Aktivist DeRay Mckesson die Bilder zuerst in den Sozialen Medien. Er konnte nicht fassen, was sich dort vor und in dem Kapitol abspielte:

"Was passiert da gerade? Die kämpfen gegen die Polizei! So weit sind wir mit unseren Protesten nie gegangen. Trotzdem wurden wir vermöbelt und haben Tränengas abgekommen. Und dass sie dann ins Kapitol eingebrochen sind, das konnte ich gar nicht fassen."

BLM-Aktivist DeRay Mckesson

Auch BLM-Aktivistin Chanelle Helm spricht von unterschiedlichen Maßstäben, die die Behörden ansetzen würde. Würden Weiße Straftaten begehen, so beurteile das die Polizei anders.

Für den Aktivisten DeRay Mckesson spielt Donald Trumps Einfluss eine klare Rolle. Trump, so sagt er, hätte rassistische Vorurteile in der Gesellschaft verbreitet. „Und auch die Polizei wusste immer, dass sie die Unterstützung des Präsidenten hat.“ Der 35-Jährige hat deshalb nun eine klare Forderung: „Wir müssen jetzt sicherstellen, dass wir Trump so schnell wie möglich loswerden. Ich hoffe, dass er aus dem Amt gehoben wird. So würden wir sicherstellen, dass er nie wieder Präsident werden kann.“

"Ich vertraue nur auf uns selbst"

Dass der systematische Rassismus unter der baldigen Präsidentschaft von Joe Biden zurückgehen wird, daran glaubt Chanelle Helm jedoch nicht: „Präsident Trump war schon ein ganz besonderer Rassist. Aber ich brauche auch Biden und die anderen Liberalen nicht. Ich vertraue nur auf uns selbst.“


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