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Black Lives Matter Warum die wenigsten Morde an Schwarzen überhaupt publik werden

Amerika hat ein Problem mit Rassismus. Schon immer. Aktuell diskutieren die USA über den Mord an Ahmaud Arbery, der beim Joggen erschossen wurde. Noch skandalöser als der Fall an sich, ist die Tatsache, dass wir erst jetzt davon erfahren.

Von: Anna Klühspies

Stand: 14.05.2020

Amerika protestiert gegen Polizeigewalt | Bild: picture-alliance/dpa

In einem Video, hochgeladen bei Instagram, muss der Schauspieler Sterling K. Brown seinen Frust ablassen. Wütend ist er und hat Tränen in den Augen, als er über den Tod von Ahmaud Arbery spricht. Sterling war am Freitag joggen, weil Ahmaud an diesem Tag 26 Jahre alt geworden wäre. Aber Sterling war an diesem Tag nicht alleine in der Laufspur. Weltweit liefen Tausende Menschen exakt 2.23 Meilen. Symbol für den Todestag. Am 23. Februar wurde Ahmauds erschossen.

"Ich bin 2,23 Meilen gejoggt, mit meiner Maske auf. Ziemlich anstrengend. Als ich die Maske abnahm, konnte ich wieder atmen. Aber auf einer metaphorischen Ebene fühlt es sich so an, als würde ich schon sehr lange mit einer Maske herumlaufen."

– Sterling K. Brown

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sterlingkbrown 08.05.2020 | 21:03 Uhr Took a little bit longer to get that 2.23 in because I ran with my MF mask on, but I made it. May justice be served for the family of #ahmaudarbery The destruction of Black bodies can no longer continue with impunity. My life, my children’s lives are at stake. #irunwithmaud

Took a little bit longer to get that 2.23 in because I ran with my MF mask on, but I made it. May justice be served for the family of #ahmaudarbery The destruction of Black bodies can no longer continue with impunity.  My life, my children’s lives are at stake. #irunwithmaud | Bild: sterlingkbrown (via Instagram)

Wie Ahmaud Arbery beim Joggen erschossen wurde

Der 25-jährige Ahmaud Arbery

Sterling K. Brown ist schwarz. Genau wie Ahmaud. Darauf hinzuweisen ist leider wichtig für diese Geschichte. Am 23.2., gegen 1 Uhr nachmittags, joggt Ahmaud Arbery durch einen Vorort von Brunswick im Bundesstaat Georgia. Er wird dabei von Gregory McMichael beobachtet. McMichael steht in seinem Vorgarten. McMichael ist weiß. Genauso wie sein Sohn Travis. Das zu erwähnen ist leider auch wichtig in dieser Geschichte. Gregory McMichael hält Ahmaud für den Mann, der wegen mehrerer Einbrüche in der Gegend gesucht wird. Also ruft er seinen Sohn, sie holen sich zwei Waffen und verfolgen Ahmaud mit ihrem Truck. Sie stellen ihn, es kommt zu einer Rangelei.

Ahmaud geht zu Boden und stirbt noch vor Ort. Das war Ende Februar. Weder werden die beiden Männer nach der Tat verhaftet, noch wird Anklage erhoben. Sie hätten aus Notwehr gehandelt, sagen sie. Der Grund, warum wir erst jetzt über diesen Fall sprechen ist ein Video von der Tat. Anfang Mai wurde es einem lokalen Radiosender zugespielt. Ohne dieses Video, das müssen wir zumindest befürchten, wäre gar nichts passiert. Ein toter Afroamerikaner mehr. Ermittlungen eingestellt und das war es.

Die wenigsten Fälle werden verfolgt

Dennis Flores kommt aus Brooklyn, New York. Er ist Mitbegründer der Grassroots-Bewegung "El Grito de Sunset Park". Die Gruppe filmt seit Jahren Übergriffe auf People of Color, auch durch die Polizei:

"Ich habe diese Form der Gewalt schon selbst erlebt und deshalb dokumentiere ich jetzt mit Kameras, was passiert. Unsere Organisation filmt die Polizei, weil dir sonst niemand glaubt, wenn dir so etwas passiert. Wenn du kein Beweismaterial hast, wirst du es nicht schaffen, dich da wieder heraus zu kämpfen. Niemand hört dir zu. Dir wird Unrecht angetan, und das kann manchmal tödlich ausgehen. Deshalb müssen wir uns auf Kameras verlassen: um sicherer zu sein."

Erst nachdem die Öffentlichkeit Druck macht, wird Anklage erhoben

Anlässlich des Mordes an Ahmaud Arbery kommt es überall in den USA zu Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Auch in Ahmauds Fall triggert erst das Video einen landesweiten Aufschrei. 1,6 Millionen Unterschriften fordern unter dem Hashtag #IrunwithMaud Gerechtigkeit für Ahmaud. Jay-Z und Alicia Keys appellieren in einem offenen Brief an die Behörden in Georgia. Der Druck auf Polizei und Ermittlungsbehörden wächst. Zwei Monate nach der Tat werden Gregory McMichael und sein Sohn tatsächlich verhaftet und wegen Mordes angeklagt. Für viele ist das ein Erfolg. Auch für Dennis Flores von El Grito de Sunset Park. Aber eben nur ein Teilerfolg. Er befürchtet: Den generellen Umgang der Behörden mit People of Color wird das nicht ändern:  

"Es gibt Videos, die Polizei-Morde dokumentieren, wir haben gesehen, wie Eric Gardner bei laufender Kamera erwürgt wurde. Es hat weder die Polizeikultur verändert, noch, wie sie uns behandeln. Jetzt versteht die Bevölkerung so langsam, dass man in solchen Fällen Kameras einsetzen kann. Aber ob durch solche Videos übergriffige Polizisten oder Rassisten wegsperrt werden? Da habe ich leider wenig Hoffnung. Weil das System noch immer dasselbe ist. Aber immerhin: die Öffentlichkeit wird wütender."

Die Wut wächst

Jeder weitere Fall rassistischer Gewalt lässt die Wut der Afroamerikaner wachsen. Und den Glauben geringer werden, dass sich jemals irgendetwas ändern wird am System. Bei der Polizei, den Ermittlungsbehörden. Und der Gefängnis-Industrie. Schwarze sitzen ein, Weiße werden freigesprochen. Was nach Ahmaud Arberys Tod mal wieder bleiben wird, das ist die Angst. Die alltägliche Angst, die nur jemand verstehen kann, sagt der Schauspieler Sterling Brown, der nicht weiß ist:  

"Da ist diese Anspannung, die wir Schwarzen manchmal mit uns herumtragen. Und viele Leute sagen dann, hey, warum bist du so angespannt, warum bist du so ängstlich? Das ist doch ein freies Land, warum bist du so? Weil eben dieser Scheiß passiert! Er war unterwegs, joggen. Ich habe Kinder, wir gehen im Park joggen. Und du glaubst immer noch, es gebe zumindest ein paar Situationen im Alltag, wo du mal keine Angst um dein Leben haben müsstest?"


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