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"Bis wir tot sind oder frei" Dieser Schweizer Film offenbart die Fallstricke der linken Revolution in den 80ern

Der Schweizer Spielfilm „Bis wir tot sind oder frei“ erinnert an die heftigen Jugendkrawalle, die in den 80ern Zürich erschütterten. Tausende demonstrierten damals in der Schweiz gegen den Kapitalismus. Der Film zeigt: Diese Debatten sind auch heute noch relevant.

Von: Roderich Fabian

Stand: 29.03.2022 12:30 Uhr

Bis wir tot sind oder frei - Filmszene von Oliver Rihs | Bild: Philippe Antonello / Port au Prince Pictures

Der Widerstand der Züricher Jugend Anfang der 80er war ganz entscheidend von den Auseinandersetzungen des „Deutschen Herbstes“ des Jahres 1977 mitgeprägt. Bei der knallharten Auseinandersetzung zwischen der Staatsgewalt und den militanten Mitgliedern der Rote Armee Fraktion standen sich scheinbar unversöhnliche Lager gegenüber. Wer sich als links bezeichnete, geriet fast automatisch unter Generalverdacht, auch in der Schweiz.

Ausbrecherkönig Walter Stürm

Ein bisschen Romantik gibt es auch in diesem Revolutions-Film.

Hauptfiguren dieses Films sind zwei Menschen, die es tatsächlich gegeben hat: Da ist der als „Ausbrecherkönig“ bekannte Bankräuber Walter Stürm und seine Anwältin Barbara Hug, die zu dieser Zeit häufiger und kostenlos linke Demonstranten gegenüber dem Staat vertrat. Der Film zeigt uns zum Beispiel, wie die damalige Rechtsreferendarin dem frisch Entkommenen hilft, in einer Kommune in Deutschland unterzukommen, in der sich auch Mitglieder der RAF versteckt halten. Aber sie warnt ihrem Mandanten, sich mit ihnen zu verbrüdern. „Herr Stürm, lassen Sie sich von denen nicht blenden!“, sagt sie. „Ich spreche jetzt als ihre Anwältin. Das radikale Freiheitsding, das klingt ja vielleicht super, aber wenn Sie sich darauf einlassen, dann kommen Sie da nicht mehr raus. Höchstens im Sarg.“

Unkonventionelle Anwältin Barabra Hug

Tatsache ist nämlich, dass Walter Stürm zwar ein schlauer und sehr unkonventioneller Typ ist, aber die politischen Ideale seiner Fans und Bewunderer aus der Schweiz gar nicht teilt. Nur weil es ihm - insgesamt acht Mal - gelingt, aus der Haft zu entkommen, wird er zur Ikone einer Szene, mit der er eigentlich nichts zu tun hat. Das zeigt der Film sehr schön. Aber er zeigt auch, dass die Juristin Hug zwar Sympathien für die Züricher Demonstranten hegt, aber lange versucht, sich im Rahmen der Legalität zu bewegen. Als eine ihrer jugendlichen Mandantinnen - eine Minderjährige, die von zuhause abgehauen ist - vom Ausbrecherkönig schwärmt, wundert sie das eher. 

Revolution in den 80er Jahren

Szene im Gericht aus "Bis wir tot sind oder frei"

Der Film „Bis wir tot sind oder frei“ vergleicht also verschiedene Vorstellungen politischer oder persönlicher Ideale - und das ist ein universelles und zeitloses Thema. Die junge Revolutionärin will die Welt hier und jetzt verändern, die Anwältin will verhandeln und Kompromisse erzielen. Und Walter Stürm nimmt sich egoistisch einfach alles heraus, ohne Rücksicht auf Verluste. Das wird im Film manchmal etwas holprig und auch ziemlich didaktisch dargestellt, aber Regisseur Oliver Rihs schafft es trotzdem, dass wohl jeder Zuschauer über die eigene Position nachdenken muss. Und hinten heraus wird aus diesem politischen Exkurs dann doch noch eine zerbrechliche Liebesgeschichte.

Als sich auch in Zürich die politischen Wogen wieder glätteten, wurde es stiller um den realen Walter Stürm. Sein Ruhm verblasste. 1999 nahm er sich in Isolationshaft das Leben. Und auch Barbara Hug lebt nicht mehr. Sie starb 2006 an einem Krebsleiden und wurde nur 59 Jahre alt. Immerhin: Durch diesen Film sind beide zu Schweizer Legenden geworden.