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Harvards Impliziter Assoziationstest Lässt sich Rassismus testen?

Bin ich glücklich, welcher Typ bin ich, wo soll ich hinreisen: Im Netz gibt es eine Vielzahl an Persönlichkeitstests. Meist eher seicht. Aber gibt es auch einen Test, mit dem sich herausfinden lässt, ob ich rassistisch bin? Die Universität Harvard bietet einen Onlinetest an. Aylin Dogan hat ihn ausprobiert.

Von: Aylin Dogan

Stand: 27.11.2020

Ein Screenshot des Impliziten Assoziationstest | Bild: IAT Corp.

Wenn mich jemand fragen würde: Bist du Rassistin? Dann würde ich mit einem klaren Nein antworten. Ein Nein gibt’s bei mir auch auf die Frage, ob ich sexistisch oder homofeindlich bin oder etwas gegen dicke Menschen habe. Nein, natürlich nicht! Hallo?! Ich setze mich für die Rechte aller gesellschaftlich benachteiligten Menschen ein... Aber: Wer würde diese Fragen denn mit Ja beantworten? Dabei wissen wir mindestens seit den Black Lives Matter-Debatten, wie weit verbreitet Stereotypen sind, wie sehr in unserem Denken verankert. Gibt es einen Weg, sich selbst zu überlisten und herauszufinden: Wie rassistisch bin ich wirklich?

„Unser Test wird dir zeigen, dass du womöglich Vorurteile hast, durch die du nicht automatisch jede Menschengruppe mit Gutem assoziierst“, sagt die Sozialpsychologin Mahzarin Banaji in einem Interview mit dem Youtube-Kanal Serious Science.

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Implicit Association Test - Mahzarin Banaji | Bild: Serious Science (via YouTube)

Implicit Association Test - Mahzarin Banaji

Zusammen mit Kolleg*innen hat sie 1998 den sogenannten „Implizierten Assoziationstest“ – kurz IAT - erfunden. Der Test ist frei zugänglich für jeden im Internet. Vor dem Test hätte ich gesagt, dass ich keine Vorurteile gegenüber Schwarzen Personen habe. So geht es vielen, die den Test machen, sagt Mahzarin Banaj auf Youtube: „Wenn du mich fragst, Mahzarin, was geht in dir vor? Dann würde ich darauf eine klare Antwort geben. Aber wenn ich den Assoziationstest mache, dann fördert der eine andere Antwort zutage.“

Was für Gefühle habe ich gegenüber Schwarzen und weißen Menschen?

Am Anfang des Tests muss man sich durch ein paar Fragen klicken: Was für Gefühle habe ich gegenüber Schwarzen und weißen Menschen? Bin ich für die Gleichberechtigung aller? Nach ein paar weiteren Fragen zu meiner Person kommt dann der Hauptteil: Diverse Bilder und Begriffe müssen so schnell wie möglich diesen Kategorien zugeordnet werden: Gut, schlecht, Schwarze Menschen, weiße Menschen. Bei den Bildern handelt es sich um Gesichter weißer und Schwarzer Menschen. Bei den Begriffen um unterschiedlich konnotierte, wie „Qual“, „übel“ oder aber „glücklich“, oder „Vergnügen“. Und dann wird gemessen, wie schnell ich zum Beispiel gut konnotierte Wörter weißen oder eben Schwarzen Menschen zuordne. Bei wem geht es schneller, intuitiver, gute Worte zuzuordnen, bei wem fällt es mir schwerer. Wo bin ich ein paar Millisekunden langsamer?

Ein paar Minuten und einen Adrenalinkick später gibt’s dann schon das Ergebnis: „Ihre Daten lassen vermuten: mittlere automatische Bevorzugung von Weißen gegenüber Schwarzen.“ Ich ziehe also weiße Menschen Schwarzen Menschen vor. Und jetzt? War alles, was ich je von mir behauptet habe, eine Lüge? Bin ich eine Rassistin?

Der Test zeigt an, wie fair oder unfair ich andere Menschen beurteile

Ich rufe bei Dr. Jessica Röhner an und erzähle ihr von meinem Ergebnis. Sie forscht schon seit Jahren an der Uni Bamberg zu Impliziten Assoziationstests. Ob man Rassist*in ist, hängt nicht nur von den eigenen impliziten Assoziationen ab, sagt sie: „Wir besitzen auch für den IAT im Allgemeinen keine Normierung. Man hat demnach keinen Grenzwert, ab dem man etwa sagen könnte: Diese Person hat einen IAT-Effekt in der Höhe von X und damit ist sie zweifelslos eine Rassistin oder ein Rassist. Das wäre eine falsche Auslegung dessen, was der IAT kann. In meinen Augen ist der IAT daher ein Forschungsinstrument, welches das Potenzial hat, uns aufzuzeigen, wie fair oder unfair wir andere Menschen beurteilen.“

Entecken was sonst verdeckt bleibt

Und das ist vor allem dann wichtig, wenn wir Entscheidungen treffen, die auch von unserem Unterbewusstsein gelenkt werden, wie bei der Wohnungsvergabe. Assoziiere ich unbewusst Schlechtes mit Schwarzen Menschen, gebe ich diesen Personen auch eher nicht meine Wohnung. Sollte jede und jeder mal so einen Test machen? Dr. Jessica Röhner: „Der Test ist prinzipiell gut, um einen Eindruck zu bekommen von dem, was sonst eben verdeckt bleibt.“

Ein ehrlicher Blick auf die eigenen Vorurteile

Um ehrlich zu sein: Das Ergebnis hat mich ziemlich beschäftigt. Vor allem, weil ich ihn erstmal ziemlich unfair fand. Ich habe es eher darauf geschoben, dass mein Gehirn stellenweise einfach zu langsam war und nicht darauf, dass ich rassistische Vorurteile habe. Aber wenn ich ehrlich bin, ist wohl schon etwas dran. Wenn man sein Leben lang Weißsein als Norm eingetrichtert bekommt, kann alles was davon abweicht, erst einmal fremd wirken. Der Test zeigt mir: Wenn ich wirklich etwas an meinen Vorurteilen ändern will, muss ich es mir ungemütlich machen. Ein ehrlicher Blick auf meine eigenen Vorurteile ist da schon mal ein erster Schritt.


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