Bayern 2 - Zündfunk

"Cacti" Billy Nomates kämpft auf ihrem neuen Album mit ihren Lockdown-Depressionen

Die Britin Tor Maries alias Billy Nomates wurde von den Sleaford Mods entdeckt. Die Wut und die Working-Class-Themen rücken auf dem neuen Album „Cacti“ in den Hintergrund - dafür zeigt Billy Nomates eine andere Seite.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 16.01.2023

Billy Nomates schreit | Bild: Eddie Whelan

Billy Nomates. Die Billy ohne Freunde. Ein Name, wie trotzig hingespuckt. Dazu ein blonder, wilder Vokuhila auf dem Kopf und immer ein „Nein“ auf den Lippen.

"No is the greatest resistance / No to your nothing existence"

Billy Nomates im Song 'No'

Ein Nein als der größte Widerstand! Das Bild der wütenden, unerschrockenen Frau, mit der man sich besser nicht anlegt, hat sich eingebrannt seit dem ersten Album, das Tor Maries 2020 als Billy Nomates veröffentlicht hat. Die Britin, die in einer Kleinstadt in den Midlands am Rande der Arbeiterklasse aufgewachsen ist, hat sich darauf so richtig ausgekotzt: über den Brexit. Über die Regierung, die Menschen wie Billy längst abgeschrieben hätte. Und über die prekären Jobs, mit denen sie sich abplagen musste. Zwei Jahre und eine Pandemie später, schlägt sie auf dem neuen Album jetzt andere Töne an.

Depressionen im Lockdown

Der vorher recht räudige Sprechgesang ist jetzt richtiger Gesang. Die Wut und die politischen Themen sind größtenteils in den Hintergrund gerückt und legen die Sicht frei auf Tor Maries inneren Struggle. Auf dem nachdenklichen Song „Saboteur Forcefield“ geht es darum, wie sie ihre Liebesbeziehungen immer wieder selbst sabotiert.

An anderer Stelle behandelt sie ihre wiederkehrenden Depressionen. Das letzte Mal so richtig zerbröselt hat es Billy Nomates im dritten Lockdown. Kein Touren, kein Job, keine Kohle. Sie hat sich bei ihrem Vater auf der Isle of Wight verkrochen. Zurück in Bristol, wo sie heute wieder lebt, kam langsam der Kampfgeist zurück. Und der Song „Blue Bones“. Darauf singt sie: „Der Tod zieht mich nicht mehr so an wie früher“. Das klingt so brutal wie ermächtigend. Und zeigt: Tor Maries kann ihren Panzer ablegen und bleibt trotzdem Billy Nomates. Oder ist es damit erst recht.

"Die Basis: diese Fuck You-Attitüde"

"Die Basis für Billy Nomates ist und bleibt diese “Fuck You”-Attitüde. Ein Teil von mir findet es wirklich anstrengend und schwer, sich offen und verletzlich zu zeigen. Aber wenn ich so drüber nachdenke: alles, was ich jemals als Billy Nomates gemacht habe, ist aus dieser Verletzlichkeit heraus entstanden," erzählt Tor Maries im Zündfunk-Interview.

Der Albumtitel „Cacti“ – Kakteen – sei für ihre Verhältnisse sehr symbolisch, gibt Billy Nomates zu. Aber er passe einfach: “Kakteen sind Überlebende. Sie wachsen in dieser zutiefst feindseligen Umgebung, sie sind diese seltsamen Dinger, die fast nichts brauchen. Das gefällt mir. Kakteen verkörpern echt gut, was in diesen Songs steckt.”

Weg mit dem Post-Punk, her mit der Americana

Entdecker von Billy Nomates: die Sleaford Mods

Nicht nur beim Titeltrack „Cacti“ mit seinen Dark-Wave-Untertönen merkt man’s: Die Zeiten sind vorbei, als Billy Nomates wie eine weibliche Version der Sleaford Mods klang - ihre Kumpel und Förderer. Zwischen die Lo-Fi-Drumbeats und die trockenen Bassläufe mischen sich jetzt alte Synthesizer, mal ein Klavier, mal eine Orgel. Das klingt nicht mehr nach kargem Post-Punk-Pop, sondern nach Americana. Oder auch mal verspielt wie die Talking Heads.

"Jetzt träume ich von Shutdowns"

„Cacti“ ist zwar in der schwierigen Pandemie-Zeit entstanden, aber es ist ein optimistisches Album. Selbst wenn die Hoffnung am Ende nur darin besteht, dass die Welt wieder runterfährt – in ihrem eigenen Interesse. Das wünscht sich Billy Nomates auf dem letzten Song „Blackout Signal“: "Man hat gemerkt, dass der Kapitalismus so nicht weitergehen kann. So vieles musste angehalten werden und das war nicht unbedingt schlecht. Die Welt ist so aus den Fugen und so seltsam. Die Klima- und Energiekrise, die hohen Lebenshaltungskosten, es gibt grade so viele Streiks. Unsere Regierung hat England kaputt gemacht. Ich frage mich manchmal, ob wir in Zukunft aus anderen Gründen Lockdowns haben werden. War das erst der Anfang? Daran muss ich oft denken: an all das Schreckliche. Aber auch an alles, was so befriedigend daran war.“

Im Song „Blackout Signal“ heißt das dann: "I can’t wait for the black out signal / I dream of shutdowns now”.