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Unterwegs mit Autor Bijan Moini Der dystopische Roman "Der Würfel" zeigt die Angst vor entmündigender Technologie

Bijan Moinis erster Roman „Der Würfel“ ist keine reine Dystopie - auch wenn der Titel an Dave Eggers "The Circle" erinnert. Maxim Landau hat mit Bijan Moini darüber gesprochen, ob eine digitale Welt Angst machen sollte.

Von: Maxim Landau

Stand: 22.02.2019

Autor Bijan Moini | Bild: Polyticki & Partner

Die Welt würde ganz anders klingen, ganz anders aussehen, wenn sie so wäre wie sie der Autor Bijan Moini in seinem ersten Roman „Der Würfel“ entworfen hat: "Als allererstes würde man den Autolärm nicht hören. Also erstens, weil alles Elektrobetrieben ist und vor allen Dingen weil es ja Smart Ears und Smart Eyes gibt. Und mit den Smart Ears - das sind Ohrenstöpsel, die man ins Ohr machen kann - kann man auch Töne rausfiltern, die man nicht hören möchte." In seiner Zukunsftversion in dreißig, vielleicht fünfzig Jahren sehen Menschen alles durch Kontaktlinsen, die einem beispielsweise bei bewölktem Himmel Sonnenschein vorgaukeln. Ohrenstöpsel blenden nervige Geräusche wie Kindergeschrei aus. Autos fahren von selbst, Drohnen hängen in der Luft, so zahlreich wie Mücken in einem Schwarm. Eine Welt voll automatisiert und smart.

Die Welt in „Der Würfel“ hat auch gruselige Seiten

Ich treffe Moini in Neuaubing, einem Münchner Stadtteil, der europaweit Vorreiter in Sachen smarte Technologien werden soll. Einige der Lichtmasten haben W-Lan-Hotspots und Sensoren eingebaut: Damit sie sammeln sie Daten über Verkehr und Umwelt. Daten: Ein empfindliches Thema in der heutigen Gesellschaft, und für den Autor Bijan Moini: "Klar, macht das Leuten Angst und ich teile die Angst ein Stück weit auch. Aber ich versuche immer, einen Schritt zurück zu gehen zu schauen, wie weit sind wir schon. Sollten wir deshalb jetzt alle Forschung dazu einstellen, oder sollen wir nicht zumindest gucken, was wir da rausholen können, bevor die Welt untergeht. Ich bin kein großer Freund davon, alles zu schwarz zu malen."

Trotzdem, die Welt in „Der Würfel“ hat auch gruselige Seiten. Eine Technologie, die unzählige Daten über die Menschen sammelt, heißt wie der Titel des Romans „der Würfel“. Ganz Europa hat sich dem sogenannten kubistischen System verschrieben. Der Würfel sammelt Daten, wertet sie aus und schlägt den Menschen vor, was sie tun sollen. Er errechnet, was „gut“ für sie ist. Er gibt vor, was sie essen, was sie arbeiten und in wen sie sich verlieben sollten. Zwar können sich die Menschen gegen die Vorgaben entscheiden, in der Praxis tut das aber kaum jemand. Denn wer sich an die Vorgaben hält, wird belohnt. Moini sieht die Anfänge dieser Entwicklung schon heute: "Ich stelle mir vor, Amazon macht einen Produktvorschlag und wenn ich diesem Vorschlag nachgebe, dann bietet es mir dafür Vergünstigungen an. Das passiert ja jetzt schon manchmal, wenn ich irgendein Produkt im Abo bestelle, dann gibt es Rabatt. Und dass dann Menschen belohnt werden, die immer das tun, was ein Unternehmen, oder vielleicht der Staat von ihnen will, das kann ich mir schon sehr gut vorstellen."

Unvorhersehbar sein, ist gefährlich für das System

Der Protagonist der Geschichte, Taso, hält nicht viel von den Vorgaben. Mit einigen Tricks versucht er möglichst wenige Daten über sich preiszugeben. Er versteckt sich in seiner Wohnung, deren Scheiben mit Folien zugekleistert sind, damit keine Drohnen sehen, wie er lebt. Er bestellt regelmäßig Spaghetti Bolognese, obwohl er sie hasst, damit die Technologie glaubt, er liebt Bolognese. So will Taso für den Würfel möglichst unvorhersehbar bleiben.

Wer unvorhersehbar ist, ist für das System gefährlich. Taso stemmt sich gegen seine Welt, weiß nicht, ob er das System stürzen oder sich anpassen soll. Immer wieder droht er einzuknicken. Denn seine Haltung macht ihn einsam. In der heutigen Zeit wäre Taso eine der Personen, die Alexa, Siri und co. verfluchen und ein altes Tastenhandy benutzen. "Ich habe auch so ein bisschen diese Figur aus mir selbst gespeist, weil ich selber zum Beispiel keinen Facebook-Account habe und auch mein Whatsapp gelöscht habe, als Facebook Whatsapp gekauft hat. Und dann habe ich aber auch wieder einen Rückzieher gemacht, als niemand mit mir zu Threema gegangen ist und ich da alleine war", gesteht Moini. Wir laufen weiter durch Neuaubing.

"Sieht ja insgesamt noch nicht so smart aus hier."

Bijan Moini über Neuabing

Bäume, Vögel, Abgase – eine Stadt eben. Doch auch wenn man nicht viel von der Technologie, der Künstlichen Intelligenz sieht, die Gesellschaft ist skeptisch. An einer Straße entdeckt Moini ein Parteiplakat, es steht darauf "Künstliche Intelligenz, was ist der Mensch in Zukunft noch wert?" - Moini reagiert darauf so: "Witzig, auch von der Ökologisch Demokratischen Partei, denn einer meiner radikalsten Kubisten ist ja ausgerechnet ein ehemaliger Öko. Und meint, dieses System, der Würfel, der Kubismus, der schützt die Umwelt tausendmal besser, als wir Menschen es aus eigener Kraft tun konnten, weil er eben so viele Ressourcen spart."

Darin liegt ein Potential der Künstlichen Intelligenz. Stellt sich die Frage, wie Bijan Moini die Frage seines Buches beantwortet: Ist die KI gut oder schlecht für den Menschen? Er antwortet diplomatisch: "Ich habe versucht sie von beiden Seiten zu beantworten. Also von der, die diese Welt begrüßen wird und auf der anderen Seite, die Sorge vor ihr hat. Damit am Ende jeder Leser des Buches vielleicht ein bisschen wacher durch die Welt geht und für sich entscheidet, ob er diese Zukunft für sich persönlich und für die Gesellschaft insgesamt so wollen kann."


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