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Eine politische Stimme des Fußballs verstummt Wieso Besiktas-Fans nicht mehr gegen das türkische Regime demonstrieren

Ein besonderes Event im Sport: Diese Woche waren die Fans von Besiktas Istanbul in München. Sie gelten als politisch, engagiert und kritisch gegenüber dem türkischen Regime – bis jetzt. Denn ausgerechent die Besiktas-Fans sind verstummt. Aber wieso?

Von: Niklas Schenk

Stand: 23.02.2018

Archivbild: Besiktas-Fans in Hamburg  | Bild: picture-alliance/dpa/Selim Sudheimer

Wenn Besiktas Istanbul schon mal in München spielt, dann ist das eine seltene Gelegenheit: Einmal die berüchtigten Besiktas-Fans erleben, vor allem die Çarşı-Ultras, oft als die politischsten aller Fußball-Fans bezeichnet. Bei den Gezi-Park-Demonstrationen 2013 waren sie vorne mit dabei. Sie waren offen gegen Erdogan und das Regime.

Zündfunk-Reporter Sammy Khamis zeigten sie 2014 für eine Reportage das Istanbuler Besiktas-Viertel und äußerten sich deutlich zur Lage in der Türkei - wie Çarşı-Chef Ayhan: "Wenn du dir anschaust, wo dieses Land hingeht, dann siehst du die Demokratie am Boden. Das Justizsystem ist am Boden. Das Mediensystem ist am Boden. Sie sind parteiisch geworden. Und auch die Menschen auf der Straße sind in zwei Lager geteilt. Die Werte der Menschen, die eine Gesellschaft ausmachen, werden jetzt öffentlich diskutiert und als Waffe verwendet. Wir reden jetzt über Konfessionen in diesem Land. Wer wie gläubig ist. Die Richtung, in die sich dieses Land entwickelt, ist nicht gut."

Aber dann das: Die einst so kritischen, auch von vielen anderen Fangruppen bewunderten Besiktas-Anhänger schweigen. Auf der Straße, in der Kneipe, auf dem Weg zum Stadion oder im Stadion selbst. Über Politik möchte niemand zurzeit reden. Die Besiktas-Fans haben Angst.

Jede Kritik wird unterdrückt - egal von wem sie kommt

Eine spannende Randnotiz in der Besiktas-München-Historie: Münchner Fans hielten 1997 im Olympiastadion Einkaufstüten Aldi-Tüten hoch.

Verständlich, findet Mahir Tokatli, Politikwissenschaftler an der Uni Bonn und Türkei- und Fußballexperte. Er analysiert die Situation: "Nicht nur die Besiktas-Fans, sondern die ganze türkische Gesellschaft macht gerade diese Phase durch. Jede Kritik wird unterdrückt. Man wird mit Repressalien so eingeschüchtert, dass man sich gar nicht mehr traut etwas zu sagen." Die Zeiten hätten sich geändert. Und die politische Stimme des türkischen Fußballs ist verstummt. "Zur Zeit ist die Türkei noch willkürlicher im Ausnahmezustand. Deswegen kann ich es gut verstehen, dass die Fans schweigen oder es vorziehen nicht mit der Presse zu reden", sagt Politikwissenschaftler Mahir Tokatli.

2013 sei der Höhepunkt der Politisierung in türkischen Stadien gewesen. In jedem Stadion sei offen gegen Erdogan skandiert worden. Das gefiel der Regierung natürlich gar nicht - und deswegen ergriff sie erfolgreiche Gegenmaßnahmen. 35 Besiktas-Fans wurde wegen der Gezi-Park-Vorfälle angeklagt und im Zuge dessen Strafen von bis zu 49 Jahren gefordert. Eine "einzige Farce" sei dieser Prozess gewesen, sagt Wissenschaftler Tokatli. Die Besiktas-Fans hatten für Erhalt des Gezi-Parks demonstriert - angeklagt wegen sie aber wegenTerrorpropaganda und Planung eines Staatsumsturzes. Seine Wirkung erreichte dieser Prozess trotzdem. Zwar wurden nur zwei Çarşı-Ultras zu Bewährungsstrafen verurteilt, eingeschüchtert waren die Fans danach aber allemal.

Wie deine Kreditkarte die Überwachung erleichtert

Dazu kommt, dass die türkische Regierung sich für die Stadien das Passo-Lig-Prinzip einfallen ließ. Das Passo-Lig, von vielen Fans nur Fascho-Lig genannt, ist eine Art Kreditkarte. Nur wer sie hat, kann Tickets für das Stadion kaufen. Auf dem Passo-Lig werden allerdings alle wichtigen persönlichen Daten gespeichert. Wer sich im Stadion nicht so verhält, wie es das Regime will, kann also ruckzuck ausfindig gemacht werden.

Eine Szene vom Spiel Bayern München - Besiktas Istanbul

Denn die Karte trackt den Träger und erkennt ganz genau, wo im Stadion ein Fan sich aufhält. Wenn ein Fan beispielsweise ein Plakat mit regimekritischen Sätzen hochhält, würde er oder sie sofort erkannt. Tokatli erklät einen Fall: "2017 gab es 17 Fans, die ein Plakat ausgerollt und sich mit im Hungerstreik befindenden Lehrkräften solidarisiert haben. Diese wurden durch das Passo-Lig schnell identifiziert. Das zeigt, dass dieses System funktioniert. Und deshalb verzichtet man dann lieber ganz auf Kritik."

Um eine Passo-Lig-Kreditkarte zu erwerben, muss man sich übrigens bei der regimenahen Activ Bank anmelden. Immerhin sind die Besiktas-Fans noch nicht ganz verstummt. Im Interview auf der Homepage vom Bayern-Fanclub "Nr. 12" kritisieren die Besiktas-Fans am Dienstag dieses Passolig-System als Hauptgrund für den schlechten Zustand des türkischen Fußballs.

Im Stadion würden sie diese Kritik wohl aktuell nicht mehr äußern. Unpolitisch sei der türkische Fußball trotzdem nicht, sagt Türkeiexperte Mahir Tokatli: "Die Kurven sind politisch, aber halt nur in dem Ausmaß, wie es die Regierung für richtig hält." Beliebtestes Motiv in den Fankurven aktuell: Choreographien für die türkischen Soldaten und den türkischen Krieg gegen Afrin. Wie das die Çarşı, die Besiktas-Fans wohl wirklich sehen? Man würde es sie gerne fragen.


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