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Berthold Seliger über Kultur und Corona "Von den unabhängigen Konzertveranstaltern und Clubs werden etwa 25 Prozent diese Krise nicht überleben"

Die Kulturbranche ist in großen Schwierigkeiten. Besonders kleine Clubs, Spielstätten und Konzertveranstalter*innen. Aber was ist eigentlich mit den Großen Fischen? Wie geht es Eventim und Live Nation? Und gehören die überhaupt zur Kulturbranche? Darüber haben wir mit Konzertveranstalter und Branchenkenner Berthold Seliger gesprochen.

Von: Matthias Hacker

Stand: 05.11.2020

Ein Bild der Demo "Alarmstufe Rot" zum Sterben der Kulturbranche. | Bild: picture alliance/SULUPRESS.DE

Corona wütet und der Kulturbranche geht es schlecht. Immer wieder ist die Rede vom kleinen Mann/der kleinen Frau, den kleinen Clubs, den Menschen hinter einer Veranstaltung, die jetzt Hilfe brauchen. Inwiefern sind denn aber auch die großen Player wie Live Nation oder CTS Eventim durch die Krise in Bedrängnis geraten?

Berthold Seliger: Ich weiß nicht, ob man das überhaupt so pauschal sagen kann, es gibt ja nicht „die“ Konzertbranche, sondern auf der einen Seite Großkonzerne, auf der anderen viele kleinere und unabhängige Clubs und Konzertveranstalter*innen. Wenn ich mir anschaue, welche Sorgen Live Nation gerade schon hat, der weltgrößte Konzert-Konzern, dann weiß ich nicht, ob man das so sagen kann. Natürlich verfügen die Großkonzerne über eine "Kriegskasse". Als Großkonzern, wenn ich da eine Aktiengesellschaft habe, hab ich natürlich einen ganz anderen Cash-Flow-Background, eine ganz andere Absicherung und vor allem haben diese Großkonzerne ja auch das Ticketing unter sich aufgeteilt, durch CTS Eventim, durch Ticketmaster. Die betreiben nicht nur das Ticketing für ihre eigenen Konzerte, sondern allgemein für auch viele Konzerte von unabhängigen und kleineren Veranstaltern. Das ist eigentlich der Boom-Markt, das, wo das große Geld verdient wird. Und dann haben sie noch riesige Geschäfte im dreistelligen Millionenbereich durch Sponsoring und Branding. All das sind Dinge, die die kleinen Konzertveranstalter nicht haben, die die unabhängige Szene eigentlich nicht veranschlagen kann. Und dadurch entsteht im Grunde das Fehlen der Kriegskasse, wenn man so will. Die kleinen Konzertveranstalter, die unabhängigen Firmen haben einfach wenig Rücklagen und leben oft davon, dass sie das Geld von der einen Tasche in die andere packen. Das ist jetzt nicht immer so, dass die Kleinen alle arm sind. Aber wenn dann plötzlich von heute auf morgen alles wegbricht und gar keine Konzerte mehr stattfinden und das jetzt wahrscheinlich weit länger als ein Jahr passieren wird, dann sind die unabhängigen Konzert- und Tournee-Veranstalter natürlich sofort massiv gefährdet, während die Großkonzerne von ihrem Aktienstamm und von den großen Gewinnen der vergangenen Zeit profitieren.

Die großen Marktführer wie CTS Eventim und Live Nation sind Aktiengesellschaften. Sie sagen, dass diese sich im Krieg befinden. Wie meinen sie das?

Ich meine das jetzt nicht im militärischen Sinne, sondern eher so wie Macchiavelli. Natürlich gibt es da eine riesige Auseinandersetzung. Es gibt diese beiden weltgrößten Live-Konzerne, die ich schon genannt hatte, CTS Eventim und Live Nation, und die sind in einer massiven Auseinandersetzung. Das ist im Moment eigentlich ganz interessant, denn Live Nation, der weltgrößte Konzertveranstalter mit zweistelligem Milliardenumsatz jedes Jahr, die haben ein ganz massives Problem, da sie weltweit über 270 Konzerte-Orte, also Spielstätten betreiben, und zwar vor allem Stadien und große Hallen. Also das sind nicht irgendwelche kleinen Clubs. Und wenn die alle still stehen, was im Moment der Fall ist, dann haben die natürlich einen massiven Verlust. Live Nation hat im ersten Halbjahr 2020 einen Verlust in Höhe von 452 Millionen Dollar gemeldet. Überlegen Sie sich das mal! Zwar haben sie auch am Anfang des Jahres berichtet, dass sie über 940 Millionen kurzfristige Kredite verfügen, aber knapp die Hälfte davon ist sozusagen schon verbraucht.

Anders bei CTS Eventim: Die haben letztes Jahr 230 Millionen Euro Gewinn gemacht, im Jahr davor in ähnlicher Höhe. Und die haben jetzt erst einmal im gleichen Zeitraum nur Verluste in Höhe von 2,7 Millionen Euro notiert. Das heißt, da verschiebt sich gerade etwas. Der kleinere Großkonzern CTS Eventim ist plötzlich finanziell viel besser ausgestattet und kann den größeren Großkonzern angreifen. Live Nation hat auch in Deutschland bereits etliche Mitarbeiter, auch ganz wichtige Booker entlassen müssen oder entlassen, aus welchen Gründen auch immer.

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Können wir eigentlich von einer homogenen Konzertbranche in Deutschland sprechen?

Das gilt in Deutschland wie weltweit: Es gibt eben nicht 'diese Konzert-Branche'. Es gibt auf der einen Seite ein paar Großkonzerne, die den Superstar-Markt bedienen und die die großen Tourneen machen. Das sind Konzerne, die Aktiengesellschaften sind, die Milliardenumsätze im Jahr haben. Es gibt da neuerdings auch die Firmen, die von Private Equity finanziert werden. Die gehen gerade auf Einkaufstour durch die Festival-Landschaft und sind auch in Deutschland zu Gange, haben deutsche Festivals aufgekauft. Das sind Kapital-Organisatoren der Finanzwelt, die mittlerweile auch gesehen haben, dass es da durchaus einen interessanten Markt gibt.

Und dann haben wir auf der anderen Seite eigentlich die unabhängige Szene, die kleinen Clubs, die unabhängigen Konzertveranstalter, die die wertvolle Aufbauarbeit machen. Wir haben unabhängige Tournee- und Konzert-Veranstalter und Konzertagenten, die Club-Konzerte veranstalten, die neue Künstler entdecken, die neue Bands auf Tour bringen und die sozusagen den Humus bereitstellen für die Popkultur.

Das eine Geschäft hat mit dem anderen relativ wenig zu tun. Natürlich gibt es da immer mal wieder so kleine Berührungspunkte. Die Großkonzerne machen natürlich selber keine Aufbauarbeit. Aber wenn eine neue Band dann größer geworden ist, dann versuchen die, die einfach aufzukaufen, vom Markt weg zu kaufen. Aber ansonsten ist das eigentlich so eine Szene, die wenig miteinander zu tun hat. Wenn ich höre 'Der Konzert Branche geht es schlecht', dann frage ich immer: 'Wem genau geht es da jetzt schlecht?' Die Großkonzerne leben weiterhin von ihren riesigen Profiten. Die kleinen unabhängigen Konzertveranstalter aber, das sind die, um die wir uns kümmern müssen, weil die die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft überhaupt sichern.

Gibt es denn die Gefahr oder schon Versuche, dass die großen Konzert-Konzerne kleine Veranstalter*innen schlucken wollen, die durch Corona unter Druck geraten sind?

Es ist ein Kampf der Giganten, aber es ist natürlich klar, dass ein Konzern wie CTS Eventim und smarte Leute wie Klaus-Peter Schulenberg (Anmerk. der Redaktion: CEO von Eventim) jetzt die Chance nutzen. Wenn die übrig gebliebenen Konkurrenten abnippeln, sehen die, dass es da Gelegenheiten gibt und dass man da sozusagen das Geschäft vergrößern und vielleicht einen Konkurrenten ausschalten kann.

Die haben zum einen, wie gesagt, diesen „Krieg“ untereinander, wenn man das so nennen will, aber speziell CTS Eventim greift jetzt schon örtliche Veranstalter an. Das ist bereits zu konstatieren. Man kann davon ausgehen, dass von den unabhängigen Konzertveranstaltern und Clubs etwa 25 bis 30 Prozent diese Corona-Krise nicht überleben werden. Da können die Großen sich natürlich die Rosinen rauspicken. Wir reden von Leute und Firmen, die eine örtliche Kompetenz haben, die wichtig sind, die Know-How haben und dann ist es so ein bisschen wie im Fußball. Überlegen Sie sich mal, das wäre so, wie wenn Sie das Scheckbuch vom FC Bayern hätten und dann eben auf die Einkaufsliste gucken und die interessanten Spieler von kleineren Vereinen aufkaufen. Diese Chance werden sich ein Claus-Peter Schulenberg und CTS Eventim sicher nicht entgehen lassen.

Der Untertitel ihres aktuellen Buchs „Vom Imperiengeschäft“ lautet ja „Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören.“ Beschleunigt die Pandemie diesen Prozess ihrer Ansicht nach nochmal?

Letztendlich ist die kulturelle Vielfalt nicht dadurch begründet, dass es Großkonzerne gibt. Die gibt es sowieso. Das sind im Grunde kommerzielle Unternehmungen, das ist ein reines Geschäft. Die kulturelle Vielfalt wird definiert durch die vielen kleineren und mittleren Konzerte, durch die Tourneen, die da stattfinden, internationale und nationale Acts. Dadurch wird die geprägt. Ich nenne das, wie bereits erwähnt, den Humus der Popkultur. Wer gibt denn den kleinen neuen Künstlern, Musikerinnen, Bands Auftritts-Gelegenheiten? Das sind die kleinen Konzertveranstalter. Die, die sich da wahnsinnig engagieren und das möglich machen, dass überhaupt neue Künstler auftauchen können und ihre ersten Schritte auf den Live-Bühnen machen können. Daran sind die Großkonzerne gar nicht interessiert. Das ist auch gar nicht etwas, was sie im Auge haben, das ist nicht Teil ihres Geschäftsmodells. Aber wenn diese kleinen Konzertveranstalter und Clubs jetzt gefährdet werden, dann bricht da langfristig etwas weg. Etwas, was wir noch schmerzlich vermissen werden.

Gerade internationale Bands, die derzeit Kultur bestimmen, werden noch länger nicht touren können. Was sind die größten Hürden?

Die Tour von Patti Smith ist eine von unzähligen Tournees, die fürBerthold Seliger in die Zukunft gerückt sind.

Zum einen haben sie in vielen Ländern eine Situation, die noch bedrohlicher ist, als wir sie erleben. Ich vertrete ja hauptsächlich amerikanische und dann noch einige französische Künstler, also just Länder, in denen es gerade wirklich sehr hart ist, was die Corona-Situation angeht. Und dann haben sie im Moment internationale Reisebeschränkungen. Ich könnte jetzt gar keine amerikanischen Künstler nach Europa holen, die dürfen nicht einreisen und das wird ja noch eine ganze Weile so bleiben. Die brauchen aber eine gewisse Sicherheit.

Sie müssen sich ja immer vorstellen: Da wird eine Tournee ein halbes, dreiviertel Jahr im Voraus geplant. Je größer der Act, desto größer ist auch der Vorlauf. Ich habe eine Patti-Smith-Tour angeboten, die haben wir jetzt aus dem Juni von diesem Jahr auf nächsten Juni verschoben. Da sind wir mit einem Jahr, anderthalb Jahren im Voraus dran. Erst in dem Moment, wo überhaupt wieder eine Einreise ohne Quarantäne und ein sinnvolles Tournee-Geschäft möglich ist, erst ab dem Zeitpunkt - sagen wir vielleicht im April oder Mai - nächsten Jahres beginnt dann der halbjährige oder dreivierteljährige Vorlauf zur Tournee-Planung. Letztendlich kann man international also erst wieder im Jahr 2022 seriös planen.

Sehen sie auch Chancen in der Pandemie?

Eigentlich ist es eine Chance der nationalen Acts. Jetzt gibt es die Corona-Situation und wenn dann der Shutdown vorbei ist, könnte man doch eigentlich das machen, was in München zum Beispiel auch im Sommer im Olympiagelände gemacht wurde: Acts auf größere Bühnen holen, Open-Airs unter Corona-Bedingungen. Das kann ich mit internationalen Acts aus den beschriebenen Gründen nicht machen. Aber für einheimische Acts geht das ja: Am Wochenende nach Frankfurt, München und Konstanz und das nächste Wochenende noch nach Nürnberg und nach Köln. Einheimische Bands, die ja durchaus genauso wichtig und toll sind oder zumindest sein können, können jetzt im Grunde nach vorne gehen. Die internationale Konkurrenz ist ja gar nicht da. Ich glaube, das ist durchaus eine kleine Chance für die hiesige Konzert-Szene hier.

Das erste halbe Pandemiejahr war für viele schon desaströs. Jetzt sind wir im November-Lockdown Light. Die Herbst- und Winterhochsaison fällt wohl ganz aus. Werden wir nächstes Jahr einen Trümmerhaufen auf dem Konzertmarkt vorfinden?

Naja, wissen Sie, ich bin generell ein optimistischer Mensch. Ich glaube fest daran, oder ich weiß, dass die Gesellschaft ohne Konzerte nicht auskommen wird. Die Menschen werden sich eher danach sehnen, dass wieder kulturelle Bereicherung durch die Pop- und Zeit-Kultur erfolgt. Von daher glaube ich nicht, dass wir da ein Trümmerfeld erleben werden. Aber wir werden sozusagen Wiederaufbau machen müssen. Ich glaube aber daran und hoffe sehr, dass die Fans die örtlichen unabhängigen Konzertveranstalter und Tourneeveranstalter unterstützen und uns helfen, diese Aufbauarbeit wieder zu leisten. Dass die Fans auch in kleinere Clubs gehen und sich unabhängige neue Bands anzuschauen, statt nur die Superstar-Konzerte in den Stadien zu besuchen. Das wäre sicher sinnvoll. Noch wichtiger ist aber, dass es endlich eine Musiker-Gewerkschaft gibt in diesem Land! Also, dass sowohl die Musiker als auch die Kulturarbeiter ihre Sache in die eigene Hand nehmen und für ihre Rechte kämpfen, auch die Techniker, die Stage Hands, die Busfahrer, die Tourmanager, also all die Leute, die im Hintergrund, im Dunkeln arbeiten und die sonst nicht im Licht stehen.


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