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Neu im Kino In David Dietls Doku "Berlin Bouncer" begleiten wir drei Berliner Urgesteine durch das Nachtleben

An Sven Marquardt kommt keiner vorbei. Bei dem legendären Türsteher des Berliner Clubs Berghain ist eine „harte Tür“ garantiert. David Dietl portraitiert in seinem Dokumentarfilm „Berlin Bouncer“ drei Türsteher-Urgesteine und wie diese mit dem „neuen Berlin“ zurechtkommen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 10.04.2019

Berlin Bouncer Filmplakat | Bild: Flare Film GmbH

Wer sich bei „Berlin Bouncer“ einen Film über das Berufsbild „Türsteher“ vorstellt, wird enttäuscht werden. Denn hier gibt es nicht viel zu sehen aus dem Alltag dieses Berufes. Und es werden auch nur wenige berühmte Türsteher-Anekdoten erzählt. Regisseur David Dietl portraitiert hier stattdessen drei Veteranen dieser Branche, die aber unterschiedlicher nicht sein können. Die Gemeinsamkeit der drei ist lediglich, dass sie in den 90er Jahren mit diesem Job begonnen haben - also in der Zeit nach der Wende, als aus der geteilten Stadt wieder eine vollständige wurde.

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BERLIN BOUNCER Trailer German Deutsch (2019) | Bild: KinoCheck Indie (via YouTube)

BERLIN BOUNCER Trailer German Deutsch (2019)

Nicht besonders sympathisch, aber typisch für die Szene

Frank Künster ist der klassisch zugezogene Wessi dieses Films. Wir sehen ihn in seiner Berliner Single-Altbauwohnung. Ein Hauch von altem Kreuzberg umweht ihn. Inzwischen ist er übergewichtig, aber immer noch: Ein Womanizer, dem wir oft dabei zusehen, wie er vor den Läden, vor denen er arbeitet, Frauen abbusselt - nicht besonders sympathisch, aber typisch für die Szene, die er repräsentiert. Er trauert den guten, alten und wilden Zeiten der frühen 90ern hinterher, als alles noch möglich schien im Tresor oder im UFO.

Ähnlich geht es dem zweiten Protagonisten von „Berlin Bouncer“, dem Amerikaner Smile Baldwin. Der war in den späten 80ern noch Militärpolizist für die US Army in Berlin, eine Respektsperson auch für die Deutschen. Doch mit der Wende war plötzlich Schluss damit. Trotzdem: Smiley ist trotzdem in Berlin geblieben. Auch er arbeitet immer noch als Türsteher vor modernen Schickeria-Tempeln, aber er hat auch eine eigene Security-Firma aufgemacht, die Türsteher vermittelt. Er hat sich wie das ganze Berlin professionalisiert und er kommt damit offenbar zurecht.

Ein Film über drei Männer, die nicht von den Prägungen ihrer Jugend losgekommen sind

Der eigentliche Star von „Berlin Bouncer“ ist aber Sven Marquardt - der queere, Gesichts-tätowierte und gepiercte Türsteher des legendären Berghain-Clubs in Friedrichshain. Er erzählt von seiner Jugend in Ostberlin, dem allmählichen Zusammenwachsen der Stadt und auch davon, wie seine Welt allmählich zerfällt. Marquardt zeigt sich hier aber nicht wirklich verzweifelt. Als Berghain-Bouncer ist er eine feste Größe im Nachtleben, und als Fotograf der Szene bringt er es inzwischen auf Ausstellungen in ganz Europa.

„Berlin Bouncer“ ist also eher ein Film über drei Männer im sich stetig wandelnden Berlin, die nicht von den Prägungen ihrer Jugend losgekommen sind und - mehr oder weniger - das Beste daraus machen. David Dietl hat es mit seinem Film geschafft, dass man sich für die Drei die ganze Zeit interessiert und so ganz nebenbei die Geschichte des Berliner Nachtlebens erzählt bekommt. Dann kann man sogar verschmerzen, dass die Gegenwart hier so gut wie gar nicht vorkommt.


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