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„Open Arms To Open Us“ Ben LaMar Gay verbindet Jazz, Hip-Hop und Tropicália zu einem überwältigenden Klangrausch

Spoken Word, Doo-Wop-Chöre, Querflöten, Weihnachtsglöckchen und Duke Ellington - der Chicagoer Jazzer Ben LaMar Gay sprengt jegliches Schubladendenken. Vertrackt, exotisch, verschlungen - irgendwie wird man seiner Musik mit keiner Beschreibung gerecht. Klar ist nur: „Open Arms To Open Us“ sollte man gehört haben! Unser Album der Woche.

Von: Angie Portmann

Stand: 22.11.2021

Herrlich verschlungen, Vibraphon, Schlagzeug, Keyboard. Darüber ein Chor so sehnsüchtig wie die Erinnerung an den letzten Sommer. Empowerment pur. Immer im Flow und doch gleicht hier kein Stück dem anderen. Auf „Open Arms To Open Us“ umarmt uns der Chicagoer Experimental-Musiker mit hochkomplexen Kompositionen. Genres werden hier angedacht, aber nie festgetackert. Ben LaMar Gay agiert hier so fluide und flexibel, dass es völlig obsolet erscheint, die auftauchenden Genres aufzählen zu wollen. Trotzdem, fürs Plattenregal ein Versuch, file under: Jazz, Folk, Freestyle, oder wie wär’s mit Blues, Soul, Hip-Hop, Psychedelia oder Tropicália … Egal was und wieviel man hier zu hören glaubt, zusammengehalten wird alles von einem unwiderstehlichen Rhythmus.

“Learn how to swim“

Neben dem Thema Rhythmus hat Ben LaMar Gay schon immer auch ein Faible fürs Schwimmen, fürs Wasser. Nach „Swim Swim“ auf seinem fantastischen „Downtown Castles Can Never Block The Sun“-Album ist diesmal die Ballade „Oh Great Be The Lake“ sein Abgesang auf die Großartigkeit, die Unendlichkeit des Wassers. Dieses fließende, treibende Moment des Wassers, das es sanft zu beherrschen gilt.

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Ben LaMar Gay - Oh Great Be the Lake (Official Video) | Bild: Nonesuch Records (via YouTube)

Ben LaMar Gay - Oh Great Be the Lake (Official Video)

“Learn how to swim“, singt Ben LaMar Gay und erinnert sich mit „Oh Great Be The Lake“ wie er in seiner Jugend von den Felsen in den Lake Michigan gesprungen ist. Unterstützt von den Flöten von Rob Frye von den Bitchin Bajas und wortlosen Background-Vocals von Ayanna Woods.

Verschiedenste Genres, verschiedenste Sprachen

„Open Arms To Open Us“: Der Albumtitel spielt laut Ben LaMar Gay auf die spirituelle Praxis des Arme-Öffnens an. Ein Akt, der oft auch eine Berührung, eine Umarmung nach sich zieht. Ben LaMar Gay öffnet sein Album aber nicht nur für die unterschiedlichsten Genres, lässt sie miteinander verschwimmen, hier wird auch in verschiedensten Sprachen gesungen. Dorothée Munyaneza aus Ruanda klagt in ihrer Landessprache Kinyarwanda die dortigen Missstände an. Kurz darauf skandiert die Performance-Künstlerin und Choreographin Onye Ozuzu zusammen mit LaMar Gay das Alphabet auf Igbo, einer der nigerianischen Landessprachen. Gefolgt von den beiden Musikerinnen Gira Dahnee and Angel Bat Dawid, die den Duke Ellington-Jazz-Standard „Sophisticated Lady“ in eine gut gelaunte, sehr direkte Lo-Fi-Version verwandeln.

„Open Arms To Open Us“ gleicht einer Wildwasserfahrt, vorbei an unruhigen Jazz-Trompeten, lässigen Tuba-Untiefen, wilden Cello-Einwürfen und weirden Electronica-Experimenten. Ein unberechenbarer Klangrausch, getragen vom Rhythmus. Und egal wie vertrackt dieser Rhythmus, wie exotisch die Instrumental- und Spoken Word-Einschübe, die Doo-Wop-Chöre, Querflöten, Weihnachtsglöckchen und Gesangseinlagen – „Open Arms To Open Us“ ist mit seiner geballten Ladung Tropicália-Weirdness die Rettung für jeden grauen Novembertag.