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Die Beat Generation Wie eine Handvoll deutschsprachiger Beatmaker sich von Dienstleistern zu Künstlern emanzipierten

Vor circa zehn Jahren haben eine Hand voll Beatmaker angefangen, ihre HipHop-Beats freistehend zu veröffentlichen und immer mehr an Anerkennung gewonnen. Denn die Beatmaker machen den Hip-Hop erst wirklich zu dem, was er ist: Sie geben ihm dem Groove.

Von: Alba Wilczek

Stand: 17.04.2020

Der Beatmaker Suff Daddy | Bild: David Bormann

„Ich hol mal weiter aus. Ich habe ungefähr vor zwanzig Jahren angefangen Beats zu machen. Am Anfang nur für mich auf Tapes aufgenommen, dies, das. Ich konnte die damals noch gar nicht richtig speichern. Einfach nur um Beats zu machen, hab ich Beats gemacht”, erzählt Künstler Twit One. Seine Zusammenarbeit mit dem Kölner Beatmaker-Kollegen Hulk Hodn könnte man als eine Art Blaupause in der Geschichte deutscher Beat-Bastler nennen. Ein Startpunkt von dem im Nachhinein betrachtet eine Art Emanzipation hierzulande entstanden ist. Eine Handvoll Jungs begann, sich loszulösen von einem Leben im Hintergrund. Von Auftragsarbeiten für MCs und von einer Art Dienstleisterjob, wo immer jemand anderes im Rampenlicht steht: Nämlich der, der spricht. Jetzt sind endlich mal die im Spotlight, die fast noch wichtiger für den Vibe eines Hip-Hop-Songs sind. Die, die ihm überhaupt erst Groove geben.

Aus dem Melting-Pot Köln in die ganze Welt

Auch eine weitere treibende Kraft, die neben Twit und Hodn maßgeblich zu dieser Emanzipation beigetragen hat, müssen wir in Köln verorten. Genauer: beim Label Melting Pot Music. Label-Gründer Oliver von Felbert, früher Autor bei der Spex, heute besser bekannt als DJ Olski, behauptete schon im Jahr 2012: “Wir sind ein Hip-Hop Label, das keinen Rap rausbringt.“ Drei Jahre zuvor, im Jahr 2009, kam Twit One mit einer Idee zu ihm: „Ich war ja bei MPM weil wir mit unserer Band dort was veröffentlicht hatten. Irgendwann meinte ich dann zum Olski, guck mal ich, hab noch so ein paar Beats rumfliegen, der Hodn auch, können wir nicht mal so eine Instrumental-Platte rausbringen? Ja und da ist dann die „Hit Club“ draus entstanden.“ "Die Hi-Hat Club"-Platte Vol. 1 kommt noch 2009 auf den Markt. Und sie bleibt nicht allein. Sechs weitere Alben folgen. Jedes featured einen anderen Producer.

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Twit One – Fliegende L's / Giving It Back Pt. 2 // JUICE Premiere | Bild: JUICE Magazin (via YouTube)

Twit One – Fliegende L's / Giving It Back Pt. 2 // JUICE Premiere

“Es gab ja auch schon Instrumental-Platten und so“, erzählt Twit One weiter. "Aber es wurde nie, vor allen in Dingen in Deutschland, so gut aufbereitet wie von MPM, dass die so die Corporate Identity von den Covern hatten und so, die hatten einen großen Wiedererkennungseffekt. Vielleicht war es auch einfach der richtige Zeitpunkt, weil die Leute vielleicht auch ein bisschen überdrüssig waren von dem Angeber-Rap. Die dachten, vielleicht will ich auch einfach nur mal Beats hören zum Chillen. Dann muss ich mich auch nicht direkt mit irgendeiner Message von einem Rapper identifizieren, sondern kann die einfach hören und dabei am Computer arbeiten oder so. Da kamen einfach so ein paar Sachen zusammen. Und dann gab es auf einmal viele Beats, es gab die Nachfrage und es gab Labels, die sich der Wohnzimmer-Produzenten angenommen haben.“

Eine Art Avengers-Armee der Underground-Beatmaker-Szene

Nach und nach baut sich Melting Pot Music eine Art Avengers-Armee der Underground-Beatmaker-Szene auf. Die bekanntesten Namen: Dexter aus Stuttgart, Suff Daddy aus Berlin und Brenk Sinatra aus Wien - der Iron Man unter ihnen. Mit seinen markanten Produktionen und einer Mischung aus Soul, Einflüssen aus dem Dirty-American-South und einer Prise Poesie ist Brenk heute aus dem deutschsprachigen Hip-Hop nicht mehr wegzudenken. Bis der Wiener zu Melting Pot kam, fand seine Karriere als Mucke-Bastler fast ausschließlich im Hintergrund statt - er produzierte für andere Künstler: „Früher gab es kein Standing. Wir waren Schatten, Personen, die es nicht gab, faktisch. Es gab den Rapper, der war im Rampenlicht und wir waren die Dienstleister, so mehr oder weniger. Und mit dieser Hi-Hat-Generation kam dann eben so der erste Schritt nach vorne, ins Rampenlicht“.

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Brenk Sinatra - Midnite Ride II (Full Album Video) | Bild: Brenk Sinatra (via YouTube)

Brenk Sinatra - Midnite Ride II (Full Album Video)

Und Beatmaking ist nicht einfach nur rumdrücken. Beatmaking ist Kunst. Kunst, die es schafft, verschiedenste Kulturen und Einflüsse natürlich miteinander verschmelzen zu lassen. Im Beatmaking treffen afrikanisches Percussion auf Synthesizer, Sixties-Soul auf Dirty-Atlanta-HipHop oder brasilianische Tropicalia-Gitarren auf Boom-Bap. Und das Ergebnis? Das klingt so, als wäre das alles niemals getrennt voneinander denkbar.

Wo sind die Frauen? Da!

Trotzdem ist hier nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Denn: Wo sind eigentlich die Frauen in dieser Szene? „Das ist ja wie in anderen Businesses auch a man’s world“, berichtet Suff Daddy mir am Telefon. „Und das kann ja irgendwie nicht sein, dass es weniger Frauen gibt, die das machen wollen oder drauf haben, als Männer. Ich glaub Männer werden einfach mehr gehört“, sagt er.

Die Frage ob Frauen im Instrumental-Hip-Hop bisher eine Rolle gespielt haben - das lässt sich klar mit Nein beantworten. Die männlichen Codes waren auch in der Beat-Szene - wie meistens im Hip-Hop - zu stark. Dazu kommt, dass Studio-Producerinnen wie beispielsweise MelBeatz aus Berlin bis heute zu wenig Sichtbarkeit im Mainstream haben. Doch eigentlich ist es auch egal, ob Frauen jetzt an den Anfängen beteiligt waren oder nicht. Der springende Punkt ist nämlich ein anderer. Heute gibt es sie! Die Frauen in der Beatmaker-Szene. Vielleicht noch nicht so viele. Aber sie sind da. Und sie rocken.

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Sounds Of Freizeitpark | Josi Miller | Bild: Kliemannsland (via YouTube)

Sounds Of Freizeitpark | Josi Miller

Zum Beispiel die junge Aivy Pham, die als Warm-Up-Act bei Brenk Sinatra in Nürnberg spielte. Oder auch Josi Miller aus Berlin. Zehn Jahre lang war sie DJ und hat durch ihren Erfolg schon einige Regeln verändert und neue Standards gesetzt. Sie hat schon immer nebenbei produziert. Lange nur für sich selbst und seit circa einem Jahr auch für die Öffentlichkeit. Josi Miller und die anderen Beatmakerinnen zeigen, dass das normal ist: Frauen im Hip-Hop. Dass das überhaupt geht. DJ-Sein. Beats machen. Für das Jetzt und gleichzeitig für die Zukunft. Macht was mit eurem Talent, Girls. Traut euch. Und kein Schiss - die Beat-Jungs sind echt korrekt.


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