Bayern 2 - Zündfunk

Zu wenig Konzertpublikum „Ich wünsche mir von den Besuchern, dass sie wieder ein bisschen mutiger werden - und auch kleine Künstler unterstützen“

Bayerns Konzertbranche leidet. Obwohl seit einigen Monaten wieder ganz normal Konzerte stattfinden dürfen, kommen oft zu wenig Besucher, damit sich ein Konzert rechnet. Liegt es am Überangebot? Wir haben mit drei bayerischen Konzertveranstalter*Innen gesprochen und gefragt, was zu tun ist.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 08.08.2022

Konzertpublikum | Bild: Colourbox

Die Konzertbranche hat aufgeatmet, als die Coronamaßnahmen im Frühjahr 2022 gelockert wurden: Endlich sind wieder Konzerte möglich. Endlich können Bands und Fans wieder gemeinsam feiern. Doch die Besucher kommen zum Teil nur zögerlich wieder. Wir haben mit drei Veranstalter*innen aus Bayern gesprochen: Olli Zilk betreibt das Alte Spital in Viechtach, Katha Walpoth ist Kulturleiterin im Import-Export und Phillip Englhardt Booker in Milla Club in München.

Zündfunk: Warum kommen Eurer Meinung nach so wenige Menschen zu den Veranstaltungen?

Olli Zilk: Ich glaube, das ist ein bisschen komplex: Zum einen haben sich die Leute das ganze Weggehen sicherlich etwas abgewöhnt in der Corona-Zeit. Da gibt es einige Beispiele bei mir. Zum anderen sitzt das Geld wahrscheinlich gerade nicht locker – und dann ist Kultur wahrscheinlich das erste, was man streicht.

Katha Walpoth: Auf der anderen Seite habe ich auch oft gehört, dass es einfach auch das Gefühl einer Müdigkeit gibt nach Corona. Und dann ist halt die Frage: Ist die Pandemie überhaupt schon vorbei? Nicht alle haben das Gefühl, sie würden sich jetzt gerne in eine Masse begeben. Aber dann denken wir auch, dass es mit einer mangelnden Sichtbarkeit oder Wertschätzung und Verständnis für die kulturellen Veranstaltungen in unserem Sektor – also dem nicht-kommerziellen Bereich – zu tun hat.

Philipp Englhardt: Es ist auffällig, dass besonders – ich nenne das jetzt mal älteres Publikum und dazu zähle ich auch schon Ü35 – weniger Tickets kauft und jüngeres Publikum aktiver ist. Sprich, wenn man etwas Szenemäßiges macht, dann funktioniert es meistens besser als Veranstaltungen, die ein älteres Publikum ansprechen.

Viele Konzerte wurden ja verschoben. Kann es sein, dass es jetzt einfach auch ein Überangebot gibt?

Olli Zilk: Es gibt ein wahnsinnig großes Angebot. Aber jetzt in meinem Fall, zumindest hier im Bayerischen Wald, ist halt eigentlich doch so, dass ich mit meinem Programm auf weiter Flur nach wie vor relativ einsam bin was jetzt das Angebot an unterschiedlichen Musikrichtungen angeht. Aber Volksfeste, Hochzeiten, Geburtstage, da geht einiges gerade.

Oder haben die Leute doch noch Angst, sich anzustecken? Trefft Ihr da Vorkehrungen und kommuniziert das?

Konzertveranstalter Olli Zilk

Olli Zilk: Es gibt ein paar, bei denen ist es sicherlich so. Das weiß ich auch von Stammgästen, die auf keinen Fall auf ein Konzert drinnen gehen würden und auch nicht unbedingt auf größere Menschenansammlungen im Freien. Und zu den Maßnahmen: Wir sind ja komplett mit unserem Programm wieder, also jetzt im dritten Jahr, nach draußen gegangen. Weil es da unserer Meinung nach auch am sichersten ist. Wenn Du jetzt auf einem Berg in der Burgruine stehst oder da an einem See: Es geht immer ein Lüftchen. Ich glaube nicht, dass sich bei uns irgendjemand je angesteckt hat in den drei Jahren.

Wie sieht die Perspektive aus für die Veranstalterinnen und Veranstalter?

Olli Zilk: Wir haben die letzten Jahre wirklich viel Unterstützung bekommen. Von der Initiative Musik, der GEMA und Bayern kreativ zum Beispiel. Und das ist auch dieses Jahr noch so. Das heißt, dieses Jahr ist es noch nicht ganz so furchtbar, sage ich mal für mich persönlich. Das Problem ist nur, dass es noch ganz ungewiss ist, ob es nächstes Jahr weitere Förderungen gibt. Wenn es keine gibt, dann muss ich ganz ehrlich sagen, wird es auch keine Konzerte geben.

Katha Walpoth: Die Stadt kann helfen und die Stadt hilft. Da fließen ja sehr viele Gelder für Kultur. Aber wir merken einfach, dass kulturelle Veranstaltungen ohne Förderungen schlichtweg gar nicht möglich sind in dem Sektor, in dem wir arbeiten.

Olli Zilk: Es ist wirklich so, dass ich seit Monaten ganz vereinzelt Konzerte habe, die sich tragen. Bei mir ist die Situation noch relativ cool, weil ich ja fast alles alleine mache. Aber wenn Du irgendwo sitzt und musst dann noch Unterkunft zahlen und hast einen Tross von zehn, zwölf Leuten, die an dem Konzert als Arbeiter beteiligt sind, dann hast Du ein Riesenproblem.

Philipp Englhardt: Was es bedeutet, wissen wir alle noch nicht so genau. Aber ganz klar ist, dass eine gewisse Sorge existiert, ob sich alles wieder normalisieren kann. Ich kenne viele Veranstalter*innen, die sich sehr viele Gedanken machen und auch die Sorge haben, dass im Oktober zum Beispiel wieder alles zugemacht wird. Wir werden sehen. Für uns bedeutet es einfach weiterzumachen und das Ziel zu verfolgen, dass wir wieder da hinkommen, wo wir sein wollen.

Es gab viele Hilfsprogramme während der Pandemie. Was können die Städte jetzt tun, um euch zu helfen?

Katha Walpoth: Es hat halt auch viel mit Emotionen zu tun, aber natürlich auch mit der finanziellen Situation. Wir werden von der Stadt München gefördert, aber wir brauchen trotzdem Einnahmen.

Olli Zilk: Worüber ich schon nachgedacht habe: Wenn es eine Art System gäbe, dass jeder Bürger so und so viel Gutscheine hätte, um auf kulturelle Veranstaltungen zu gehen, die dann bezahlt werden, anstatt direkt die Veranstaltung umsonst anzubieten. Dass man praktisch wieder ein Publikum generiert, das zu Veranstaltungen geht und damit dann die Gelder generiert für die Veranstaltung und die Künstler im Endeffekt.

Was wünscht Ihr Euch denn von den Besuchern?

Olli Zilk: Ich wünsche mir von den Besuchern, dass sie wieder ein bisschen mutiger sind, dass wieder ein bisschen zurückfinden zur Kultur und, dass sie nicht nur die großen Künstler unterstützen, sondern auch wieder an die Kleinen denken. Denn wenn die Kleinen nicht mehr da sind, wird es irgendwann auch keine Großen mehr geben.

Philipp Englhardt: Tickets kaufen, Tickets weiter verschenken. Man kann so vieles tun. Schaut euch die Konzerte an! Wir wünschen uns einfach einen Zusammenhalt. Und die Leute, die kommen wollen, die sind herzlich willkommen. Und die anderen können mit ihrer Partnerin zu Hause tanzen.