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Bar-Betreiber*innen verzweifelt „Das ist kein Lockdown, sondern ein Knockout“

Auch beim Lockdown light sind Kultur- und Gastronomie-Einrichtungen besonders schlimm betroffen. Für Kneipen und Bars bedeutet der Corona-November jede Menge Existenzangst. Ferdinand Meyen hat mit drei Betreiber*innen gesprochen – und die Lage sieht nicht sonderlich gut aus.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 05.11.2020

Kneipe während Corona | Bild: picture alliance / Sven Simon

"Ich bin jetzt seit über zwölf Jahren hier", erzählt Tobias Greiner, Betreiber der Punk-Keller-Kneipe Flex in München. "Ich habe hier als Spüler angefangen, jetzt bin ich Geschäftsführer. In zwölf Jahren entwickeln sich sehr, sehr viele Freundschaften und Bekanntschaften. Dann hast du irgendwelche alten Liebschaften, alles in diese Richtung. Und das wird dir von einem auf den anderen Tag genommen. Dieser Kontakt, den du sonst sechs, sieben Tage die Woche hast, der ist von heute auf morgen weg. Das ist das aller Schlimmste.“ Tobias Greiner ist sauer. Das Flex in München treffen die neuen Corona-Maßnahmen der Bundesregierung schwer. Und zwar nicht nur emotional, sondern auch finanziell.

Branche bringt kein Verständnis für Gastro-Lockdown auf

"Wirklich, es ist scheiße, scheiße", klagt Greiner weiter. "Es ist wirklich zum Verzweifeln. Wir unterhalten uns ja auch mit anderen Gastronomen. München ist das größte Dorf der Welt, da kennt man sich untereinander. Da schauen wir uns an: Was haben die anderen für Konzepte? Und da kann man durch die Bank feststellen, dass die Gastronomen viel Zeit, viel Mühe und viel Geld in die Hand genommen haben, um ihre Gasstätten Corona-fit zu machen. Dass ausgerechnet wir jetzt wieder bestraft werden, versteht in der Branche niemand." Für Tobias Greiner und die gesamte Flex-Crew ist 2020 ein Jahr zum Vergessen. Schließlich durften sie überhaupt erst am 19. August aufsperren – und zwar nur, weil sie Instant-Nudeln als zubereitete Speise angeboten haben, um die strengen Regeln für Bars zu umgehen. Und jetzt? Müssen sie das Flex wieder dicht machen.

Die Eingangsstufen des Flex in München sind sonst verklebt voller Spirituosen und Bier. Jetzt sind sie wie geleckt. Ein Symptom der Pandemie.

Dabei würden laut Robert Koch-Institut nur 0,5 Prozent der Corona-Ansteckungen in gastronomischen Einrichtungen stattfinden, sagt Greiner: "Ich denke, dass das ein Stück weit Aktionismus ist, weil man etwas tun möchte. Man sucht sich eben die Orte aus, wo viele aufeinander kommen. Ich hab auch den Eindruck, jungen Leute um die 20 rum, denen wird so ein bisschen der Sündenbock aufgeladen. Es wird ihnen geraten, man solle Verantwortung übernehmen und sich solidarisch verhalten. Meiner Erfahrung nach sind es gerade die jungen Leute bei uns, und wir haben echt ein paar Freaks, die sich vorbildlich an die Abstände und an die Maskenpflicht gehalten haben."

Virologisch unergründlich sind Gastro-Schließungen nicht

Tobias Greiners Unmut ist auch auf unklare Kommunikation seitens der Regierung zurückzuführen. Denn es stimmt zwar, dass die meisten Ansteckungen im privaten Umfeld passieren, doch das RKI gab auch an, dass die eben leichter nachzuvollziehen wären und häufig nur Folgeansteckungen von Erregern aus der Außenwelt, zum Beispiel aus Restaurants. Virologisch unergründlich sind die Gastro-Schließungen also nicht. Tobias Greiner, der alleine in seiner saubergewischten Kellerkneipe sitzt, macht das ratlos: "Wohin soll das Führen? Noch ein Lockdown. Und über Weihnachten machen wir auch noch zu? In unserem Fall ist das das Hauptgeschäft. Da wird dann aus dem Lockdown irgendwann ein Knockout."

Mit dieser Ansicht steht Tobias Greiner nicht alleine da. Auch in Nürnberg herrscht Unverständnis über die neuen Corona-Regeln. Bastian Silberkuhl, der dort die Punk-Kneipe Bela Lugosi betreibt, schreibt in den sozialen Netzwerken letzte Woche, dass er sein Geschäft schließen muss, wenn sich die Lage für die Gastronomie nicht verbessert. Und da war der Lockdown im November noch nicht mal beschlossen. "Ich hab quasi so einen Kassensturz gemacht und mir das alles überlegt", erzählt er im Interview. "Ich war das aller erste Mal in 14 Jahren vor einer Situation, wo es nur noch in eine Richtung ging. Wenn der Laden sich irgendwie über den nächsten Monat retten soll mit all seinen Kosten, dann muss ich alle Angestellten entlassen."

Nürnberger Kneipenbetreiber musste alle Angestellten entlassen

Teile des Teams vom Arsch & Friedrich. Auch die Bar im Nürnberger Süden steht vor Problemen.

Wie Tobias Greiner in München braucht auch Bastian Silberkuhl in Nürnberg finanzielle Hilfe, um sein Geschäft aufrecht zu erhalten. Bis zu 75 Prozent des Umsatzes aus dem November des Vorjahres sollen das laut Bundesfinanzministerium werden. Trotzdem – schon vor dem Lockdown hat der Bela Lugosi-Betreiber bereits von den Erträgen seiner Rentenversicherung gelebt – er wird seine Kult-Bar nicht wieder aufsperren, wenn nicht abzusehen ist, dass es besser wird, meint er: "Das ist halt keine Option. Wenn das wieder zwei Monate so ist, wieder auf, dann wieder zu, dann muss irgendwann natürlich die Radikalentscheidung getroffen werden. Die ist: Aus. Der Ofen ist dann aus.“

In Nürnberg ist man sauer darüber, dass die Regierung wieder die Freizeit-Einrichtungen bestraft. Während alle weiter zur Arbeit gehen müssen, und auch der Einzelhandel geöffnet ist, sperrt man Bars und Lokale zu. Auch Carina, die in der Nürnberger Bar Arsch & Friedrich arbeitet, stört das besonders, wie sie uns mitteilt: "Auch wenn wir selbst nicht profit-orientiert arbeiten, schlaucht es natürlich trotzdem total, dass man sich für die Arbeit, die man sich macht, keinen Lohn zahlen kann und sich da teilweise selbst ausbeutet. Das ist einfach ein ziemlich trauriger Umstand. Aber wenn wir das nicht machen würden, dann würde es unsere Kneipe wahrscheinlich längst nicht mehr geben."

Kneipen haben keine Lobby, die sich für ihre Interessen einsetzen

Carina und die Crew vom Arsch & Friedrich hoffen, dass sie im Dezember wieder aufmachen dürfen, denn schon im Sommer habe sich das Geschäft nicht wirklich gelohnt. Man habe zwar Freilichtkonzerte organisiert, aber ohne damit Profit zu machen. Und die Ausgangsbeschränkungen? Carina hofft, dass sich die Leute auch privat an die Abstandsregeln halten: "Jetzt im Lockdown treffen sich möglicherweise wieder Leute heimlich, weil sie nirgends hinkönnen. Und sie treffen sich ohne Hygiene-Maßnahmen. Selbst wenn sie es nicht tun, haben sie auf dem Weg zur Arbeit Kontakt zu vielen Leuten. Da ist dann halt eine Nachverfolgung von Infektionsketten überhaupt nicht möglich."

Das Arsch & Friedrich, das Bela Lugosi in Nürnberg und auch das Flex in München eint, dass sie als Szene-Kneipen keine Lobby haben, die sich für ihre Interessen einsetzen. Deswegen glaubt Bastian Silberkuhl, trifft es jetzt genau sie: "Ich glaube, dass das Problem durchaus ist, dass man mit der Politik direkt nichts zu tun hat. Dass man irgendwie so ein Schattendasein führt." Ein Schattendasein, aus dem die Szene-Bars heraustreten müssen, wenn sie überleben wollen. Das, was sie, so hört man es zumindest aus den Aussagen der Betreiber*innen, mit Hygienekonzepten eigentlich auch versucht haben. Für ihre Zukunft aber, sieht es stand jetzt trotzdem düster aus.   


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