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Neu im Kino: "Ava" Der französische Kinofilm"Ava" könnte dramatisch und schwer sein, entscheidet sich aber für Optimismus und Anarchie

Ava ist 13. Bald wird sie erblinden. Doch statt sich in Depressionen fallen zu lassen, verwirklicht sie radikal ihre Träume. Regisseurin Léa Mysius hat einen Film gedreht, der die Freiheit feiert. Er zählte zu den Highlights in Cannes.

Von: Roderich Fabian

Stand: 26.09.2018

Szenenbild aus "Ava" von Regisseurin Léa Mysius | Bild: Eksystent Distribution

Der Film beginnt verspielt und heiter, mitten im Sommer, an einem Strand an der französischen Atlantikküste. Es könnte hier eine typische, kleine Liebesgeschichte beginnen, wie man sie aus vielen Filmen kennt. Im Zentrum steht das junge Mädchen Ava, das am Strand die Zeit totschlägt. Aber dann muss sie zum Augenarzt, bei dem sie offenbar häufiger Termine hat. Ava leidet an Retinitis pigmentosa. Erst ist das Sichtfeld eingeschränkt, im späteren Stadium erblindet man. Ava ist 13.

Ava nimmt sich, was sie will

Diese heftige Diagnose bringt einen erstmal auf ein anderes Vorurteil. Handelt es sich bei „Ava“ also um das übliche Leidensdrama? Immerhin haben wir die Protagonistin inzwischen schon ganz gut kennengelernt. Kommt nun also: „Ein Mensch meistert sein grausames Schicksal“ oder sogar: „Sie gibt nicht auf und besiegt am Ende die Krankheit“? Aber auch nachdem wir Avas Aussichten kennen, bleibt der Ton des Films ziemlich locker und undramatisch. Wir erleben Ava mit ihrer alleinerziehenden, netten, aber unverantwortlichen Mutter.

Schon drängt sich die nächste Vermutung auf: Haben wir es mit einem klassischen Familiendrama zu tun, so von wegen: „Die Krankheit lässt Mutter und Tochter ihre Konflikte überwinden“? Und wieder ist die Antwort: Nein. Der Film nimmt nämlich einen völlig unerwarteten Verlauf. Ava erkennt, dass sie so schnell und intensiv leben muss wie möglich, so lange sie noch ohne fremde Hilfe auskommen kann. Also klaut sie erstmal den Hund des von ihr verehrten Roma-Jungen, um sich später mit ihm zu verbinden. Gemeinsam erleben sie wilde Abenteuer, schockieren die Spießer am Strand, nehmen sich, was sie wollen. Schließlich greifen Polizistinnen sie an einer Felshöhle auf und legen Avas Freund Handschellen an.

Der Film feiert das Unbekannte, Unerwartete, Aufregende

Und so wird aus „Ava“ sogar noch so etwas wie eine „Bonnie and Clyde“-Gangster-Geschichte. Der Film von Léa Mysius feiert das wilde Leben, die Freiheit, die man erst dann hat, wenn nichts mehr zu verlieren ist. Der Film tut das auf völlig optimistische und leichte Art und Weise. Und damit erinnert er alle, die brav ihren Pflichten nachgehen, endlich mal wieder daran, dass es ja auch noch das Unbekannte, Unerwartete, Aufregende geben kann. Auch dafür ist Kino ja eigentlich da. Allerdings hat man auf einen Film wie „Ava“ in letzter Zeit lange warten müssen. Neben all den Superheldentaten im Mainstream und den bedeutungsschweren Problemfilmen im Arthouse-Kino erinnert uns Léa Mysius daran, wie schön das Leben sein kann.


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