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"græ" Auf seinem neuen Album lässt uns Moses Sumney tief in sein Innerstes blicken

Mit seiner neuen Platte "græ" zeigt sich Moses Sumney intim. Anders als auf seinem Vorgänger-Album "Aromanticism" setzt sich Sumney auf “grae” nicht nur mit der Liebe, sondern intensiv mit Identität auseinander. Vorrangig mit seiner eigenen.

Von: Alba Wilczek

Stand: 18.02.2020

Ein Mann sitzt alleine in einem Zimmer und starrt in die Kamera. Dreieinhalb Minuten lang. Ihm laufen Tränen über die Wangen. Er schluchzt. Doch sein Blick verharrt. Eindringlich. Verletzlich. 

An alle Kinoenthusiasten: Nein, der weinende Mann ist nicht Schauspieler Timothee Chalamet in der Abschlusssequenz von Call Me By Your Name. Es ist Künstler Moses Sumney. Und seine Tränen fließen im Musikvideo zum Song “Polly”. Der letzte Track auf Sumneys neuen Werk “grae”. Drei Jahre nach seinem Soul-Folk-Spektakel “Aromanticism” ist der Künstler aus Los Angeles zurück. Mit einem Doppelalbum. Jetzt der erste Teil. Im Mai der zweite. Gott sei Dank. Ein bisschen Zeit braucht frau nämlich schon um überhaupt Part 1 zu verdauen. Auf zwölf Songs lässt Sumney tief in sein Innerstes blicken. 

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Moses Sumney - Polly | Bild: Moses Sumney (via YouTube)

Moses Sumney - Polly

“Es mag nicht gesund sein, aber anscheinend brauche ich etwas, was mich verletzt”, singt der Künstler im Song “Cut Me”. Masochismus. Liebeskummer. Es sind ganz intime Dinge, die Sumney auf “grae” mit uns teilt. Sie scheinen das Futter der Platte zu sein. Das Innerste: Mit all dem Schmerz. Und all den Gefühlen. Gleichzeitig ist da aber diese schwebende Distanz. Verdammt. Irgendwie bekommt es Sumney hin, ganz nahe, aber dabei trotzdem vage zu sein. Mit seiner Lyrik baut er Mauern. Vernebelt die Wahrnehmung. Durch verspielte Melodien und Wall of Sounds. Mensch fragt sich: Geht es hier wirklich um ihn? Oder doch um die Gesellschaft oder gar die Natur?

Ein sanftes Plädoyer für Freie Entfaltung - sein, wie und was man möchte

Anders als auf seinem Vorgänger-Album setzt sich Sumney auf “grae” nicht nur mit der Liebe, sondern intensiv mit Identität auseinander. Vorrangig mit seiner eigenen. Seinem Künstler-Dasein. Seiner Blackness. Und seiner Ablehnung, sich in bestimmte Genres oder Rollen drücken zu lassen. “Ich bestehe auf mein Recht, viele zu sein”, sagt der Kalifornier im Spoken-Word-Track “boxes”. Ja,” grae” ist auch das: Ein sanftes Plädoyer für freie Entfaltung. Das Recht, zu sein, wie und was man möchte. In der Kunst und in der persönlichen Identität. 

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Moses Sumney: "Cut Me" | Bild: The Late Show with Stephen Colbert (via YouTube)

Moses Sumney: "Cut Me"

Männlichkeit. Was ist das? Auch diese Frage ist ein Part der grae-schen Reflexion. Eine Frage, die in letzter Zeit häufig gestellt wird. Mensch denke nur an Schauspieler Billy Porter, der bei den Oscars in ausladendem Frack-Kleid erschien. Oder Musiker Pharrell, weinend, auf dem Cover der GQ. 

Sumney führt diese Auseinandersetzung weiter. Sowohl auf musikalischer als auch visueller Ebene. Im Track “Virile” singt der Künstler: “Du willst die Maskulinität aufdrehen. Du hast keine Ahnung, Sportsfreund. Männlichkeit verblasst.” Im Clip dazu tritt Sumney selbst als Tänzer auf. Oberkörperfrei. In einem Schlachthof. Aha. Männlichkeit. Das bedeutet Fleisch. Und Schweiß. Oder?

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Moses Sumney - Virile [Official Video] | Bild: Moses Sumney (via YouTube)

Moses Sumney - Virile [Official Video]

Nun. Da oben steht sie doch, die Antwort: grae. Grauzone. Die Antwort auf Geschlecht, Identität, Liebe, Freundschaft. Alles ist Grauzone. Nicht dies. Nicht das. Aber vielleicht dieses dort. In der Grauzone heißt es: everything’s possible. Sie ist alles und auch wieder nichts. Das passt zu grae. Und zu Moses Sumney. So beweist er mit seiner Platte doch erneut, dass er genau das ist: Alles und Nichts. Vielfältig und doch bei sich geblieben. Ganz groß und doch ganz klein.


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