Bayern 2 - Zündfunk


9

"The Archer" Auf ihrem neuen Album löst sich Alexandra Savior aus einer toxischen Liebesbeziehung - und von der Musikindustrie

Alexandra Savior sagt, sie ist jung ins Business eingestiegen und wäre oft herumgeschubst worden. Damit ist jetzt Schluss. Ihr neues Album "The Archer" hat sie mit Sam Cohen produziert, aber doch vor allem sich selbst zu verdanken.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 13.01.2020

"Du hast mir den Kopf abgebissen mit deinem winzigen Mund. Ich habe das Blut von deinen Lippen geleckt." Alexandra Savior macht auf dem Titelsong ihres Albums „The Archer“ kurzen Prozess. Es ist der letzte Song und doch ein später Turning Point in dieser 10 Songs überspannenden Erzählung. Weil von hier aus rückwärtsblickend das ganze Album wieder aufgerollt werden muss. Was wir bis hierhin gehört haben, ist dann doch kein genüsslich-larmoyantes Ausgeliefert-Sein wie bei Lana Del Rey.

Alexandra Savior live

Alexandra Savior dachte zunächst selbst, sie hätte hier eine romantische Ballade geschrieben. Bis sie dann entdeckte: Die von ihr beschriebene Liebe ist verdorben. Eine echte Beziehung, die schrecklich war. Von eben dieser Beziehung handeln die meisten Songs auf „The Archer“.

So schleichend wie sich in Beziehungen Dynamiken entwickeln, wandeln sich die einzelnen Songs von Alexandra Savior von Liebesliedern in Gothic Novels oder Schauerliteratur. In der das Übernatürliche wieder zur Mode wird, als Gegengewicht zur Aufklärung. Der Besungene verwandelt sich von einem Objekt der Begierde in einen selbstbewussten, vielleicht zu dominanten Liebhaber. Und nimmt schließlich die Form eines Monsters an. Wo der Besungene unterwegs ist, zerfällt alles zu Staub. Im Song „Bad Disease“ trinkt Alexandra das Gift der Kobra, die er um seinen Hals trägt.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Alexandra Savior - Howl (Official Video) | Bild: AlexandraSaviorVEVO (via YouTube)

Alexandra Savior - Howl (Official Video)

Das Album „The Archer“ ist deswegen noch lange kein Grusel-Konzept-Album. Aber ungemütlich ist es. Etwa wenn Alexandra Savior in der Single „Howl“ zu unheimlichen Synthies von sich singt, als sei sie fremdgesteuert: Er wäre der schöne Diktator ihrer Verbrechen, Sie könne gar nicht mehr unterscheiden, ob es seine Verbrechen wären oder ihre.

Alexandra Savior sollte eine neue Katy Perry werden, dann lies das Label sie fallen

Ist die weibliche Erzählerin nun devot, der Selbstaufgabe gewidmet oder einfach nur naiv? Wer sich für 2020 eher starke Frauen gewünscht hat, kann aufatmen. Was Alexandra in ihren Songs offen lässt, stellt sie im echten Leben in vielen Interviews klar: Sie hat die Kontrolle. Mittlerweile. Dass das nicht immer so war, ist Teil ihrer öffentlichen Narration zur Künstlerwerdung. Und die geht so:

Ihr ehemaliges Label Capitol wollte aus Alexandra eine neue Katy Perry formen. Sie wäre jung ins Business eingestiegen und oft herumgeschubst worden, sagt sie jetzt. Ihr Debütalbum „Belladonna of Sadness“ hatte sie zusammen mit Arctic Monkeys Alex Turner geschrieben. Und dem wurde auch ein großer Anteil des Erfolgs zugeschrieben. Schließlich lässt das Label sie fallen – sie schreibt sich lieber erstmal am Community College ein – dann nimmt Danger Mouse sie auf sein Label 30th Century. Und ihr neues Album „The Archer“ produziert letztendlich Sam Cohen, für den sie in Interviews nur Bewunderung hat.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Alexandra Savior - Crying All The Time | Bild: Alexandra Savior (via YouTube)

Alexandra Savior - Crying All The Time

Ihr Album, das eine ganze Welt erzählt, hat Alexandra Savior allein sich selbst zu verdanken. Dass wir 2020 einer Musikerin zuhören wollen – auch wenn sie kein Material für Yellow Press Headlines liefert: das nennen wir Fortschritt. Mit dem Album „The Archer“ erkennt und löst sich Alexandra Savior nicht nur von einer ungesunden Liebesbeziehung, sondern auch von anderen, festgefahrenen Strukturen wie die der Musikindustrie. Saviors Erzählung ist zeitlos und wird auch in fünfzig Jahren noch funktionieren. Und macht Alexandra Savior von der „prey“, der Beute, wie sie sich gegenüber der Musikindustrie sah, zum „archer“ – zur Bogenschützin.


9