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"Live" Auf ihrem Live-Album spielt sich Künstlerin Angel Bat Dawid den Rassismus von der Seele

Der Jazz ist zurück – und wie! Das Label „International Anthem“ versammelt einige der heißesten neuen Jazz-Musiker*Innen der heutigen Zeit. Eine davon, Angel Bat Dawid, bringt nun ihr zweites Album raus – aufgenommen bei den Berliner Jazzfest 2019. Warum das Ergebnis so wild ist und wieviel Schmerz die Aufnahmen bereitet haben, erzählt Euch Michael Bartle.

Von: Michael Bartle

Stand: 23.11.2020

Jazz-Musikerin Angel Bat Dawid auf dem Berliner Jazzfest 2019. | Bild: picture alliance

Das Jazzfest 2019 in Berlin. Auftritt: Angel Bat Dawid. Schon am Anfang des Konzerts muss die Musikerin sanft angemahnt und angestupst werden, zurückgeholt werden aus einer Art Hypnose, aus einem Exorzismus. Ein Zustand, der sich so auch auf dem Album widerspiegelt, das an diesem Abend aufgenommen wurde. Die ganze Platte über versucht die afroamerikanische Jazzmusikerin sich den Rassismus, den sie permanent und leider auch in Berlin erlebt hat, von der Seele zu spielen - ihn mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, auszutreiben. Ich erreiche Angel Bat Dawid telefonisch in der Southside von Chicago, ihrer Heimat. Zwei lange Telefonate, über eineinhalb Stunden werden wir miteinander reden, es sprudelt nur so aus ihr heraus: "Es gibt eine lange Geschichte schwarzer Künstler, die in Europa aufgetreten sind und die ihr eben nicht mit genug Respekt behandelt habt. So hab ich mich in Berlin gefühlt. Ihr müsst verstehen, wir leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Nur nenne ich sie lieber posttraumatische Sklaverei-Symptome. Und manchmal bringt ihr uns in Situationen, wo all das hochkocht.“

In Berliner Hotellobby vom Klavier vertrieben, weil sie darauf spielen wollte

Die Wut eines ganzen Lebens – man hört sie so gut in diesen Live-Aufnahmen – etwa wenn Angel trotzig und mantra-artig deklamiert: „The Black Family is the strongest institution in the world“ –um dann aber die Schönheit ihrer Klarinette auffahren zu lassen. Angel Bat Dawid ist vermutlich eine der unwahrscheinlichsten Künstlerinnen, die uns in den letzten Jahren begegnet ist. 34 Jahre ist sie bereits, als sie ihr erstes Album aufnimmt, mit dem Smartphone, ganz alleine. Kosmische Jazz-Musik, radikaler Dilettantismus - damit ist sie irgendwie ein irres Monster zwischen den Jazz-Außenseitern Moondog und Sun Ra. Ihre ersten Versuche spielt sie ihrem Kumpel Scott McNiece vor, einem Weißen, der zusammen mit Dave Allen das International Anthem Label verantwortet, ein Label, das die Jazz-Welt verändern wird.

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Angel Bat Dawid - We are Starzz (live) | Bild: vpro vrije geluiden (via YouTube)

Angel Bat Dawid - We are Starzz (live)

Angel Bat Dawid wird Teil der für uns in Europa neuen und bald komplett aufsehenerregenden International Anthem Familie. Das Jazz-Label der Stunde aus Chicago, auf dem neue, wilde Jazz-Cats veröffentlichen, nicht nur Typen wie Damon Locks, Makaya McCraven und Ben Lamar Gay, sondern eben auch von einem Punk-Spirit getriebene Musikerinnen wie Jamie Branch, Moor Mother oder Angel Bat Dawid. Fast im Alleingang reißt diese neue, meist schwarze Family den Jazz aus dem Winterschlaf und revolutioniert ihn. "The Wicked Shall not Prevail“ – das Böse wird sich nicht durchsetzen, singt Angel Bat Dawid auf der Platte. Zumindest nicht immer, solange es noch Safe Spaces gibt für schwarze Menschen, wie die Kirche oder eben: Die Bühne.

Neue Jazz-Cats reißen das Genre revolutionär aus dem Winterschlaf

"Ich musste mir immer wieder aufsagen: das Böse darf nicht siegen", erzählt sie weiter dazu. "Das hat eine lange Tradition. In der schwarzen Kirche nennen wir das: Zeugnis ablegen. Wir Schwarze haben ja so viel durchgemacht, deshalb ist die Kirche für uns als sicherer Hafen so wichtig, egal ob du gläubig bist oder nicht: hier ist ein Safe Space, hier kann uns nichts passieren. Und genau das versuche ich: Zeugnis abzulegen – schaut her, so weit bin ich mit Gottes Hilfe gekommen“. Das Live-Album von Angel Bat Dawid and The Brotherhood ist natürlich keine Nummer Sicher, kein weißes, erbauliches und leicht konsumierbares Indie-Album. Es ist stattdessen: ein wildes und wütendes Zeugnis afro-amerikanischen Lebens und all der Diskriminierungen, die Künstler*Innen wie Angel Bat Dawid erleben müssen, auf und neben der Bühne, auch heute noch, im Jahr 2020. Eine Teufelsaustreibung in Free Jazz, voller Call & Response Gesängen und mit der Hoffnung am Ende, dass die Community dann doch stärker sei als all der Hass.


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