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Musik-Algorithmus Auf dieser 0815-Festplatte steckt das Copyright für jede Pop-Melodie der Welt

Die Amerikaner Damien Riehl und Noah Rubin haben mit einem Algorithmus jede mögliche Pop-Melodie der Welt ausgerechnet. Jetzt besitzen sie theoretisch ein Copyright auf jeden noch ungeschriebenen Pop-Song der Welt. Aber statt es zu behalten, wollen sie es der Welt frei verfügbar machen.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 25.02.2020

Festplatte | Bild: Damien Riehl

Während ich per Skype mit ihm spreche, sitzt Damien Riehl in Minneapolis in seinem Büro und hält eine Festplatte in der Hand. Sie ist gerade mal so groß wie ein Päckchen Spielkarten, sagt er mir. Aber wenn man seinen Plan ernst nimmt, dann bedeutet sie theoretisch unbegrenzte Macht über die Zukunft der Popmusik. “Das, was ich da habe, das soll nicht die Musikindustrie zerstören”, sagt Damien, wohl auch deshalb, als einen der ersten Sätze in unserem Gespräch. “Aber die Musikindustrie sollte es sich genau anschauen. Und überlegen, was wir als Musikschaffende wirklich beschützen wollen.”

Warum eine Festplatte? Weil ein Urheberrecht über ein künstlerisches Werk in dem Moment greift, indem das Werk auf ein “festes Medium” gespeichert wurde - das regelt eine internationale Vereinbarung aus dem Jahr 1886, die immer noch in Kraft ist. Und auf dieser Festplatte befinden sich nicht etwa Damiens Eigenkompositionen. Sondern: Jede technisch mögliche Pop-Melodie der Welt. My Heart Will Go On? Ist drauf. Old Town Road? Ist drauf. Eine Melodie, die sich heute Morgen irgendeine Nürnbergerin zufällig beim Duschen summend ausgedacht hat und die nie ein Mensch vorher gehört hat? Auch die ist drauf. Zusammen mit Milliarden anderen. 

Milliarden von Melodien - auf einer Festplatte

Damien Riehl, der nicht nur Anwalt und Cybersicherheitsexperte ist, sondern auch Musik studiert hat, kam auf die Idee nach einigen Bier in einem Hotelzimmer. “Ich dachte anfangs an Passwörter”, erzählt er. “Computer können Passwörter knacken indem sie einfach alle möglichen Kombinationen von Buchstaben und Zahlen ausprobieren. Das nennt sich Brute Forcing. Und ich meinte irgendwann zu meinem Kollegen Noah: Hey, glaubst du, man könnte Brute Forcing auch für Melodien ausprobieren? Einfach alle Möglichkeiten durchrechnen?”

Der Gedanke ist: Wenn jede Note - C, Cis, D und so weiter - einer Zahl von 1 bis 12 entspricht, dann kann man die nicht unendlich kombinieren. Die Möglichkeiten sind begrenzt. Wenn man sich noch auf die Dur- und Moll-Tonleitern beschränkt, jede Melodie maximal 12 Töne lang macht, dann hat man zwar eine Auswahl von etwa hundert Milliarden Melodien. Und klar: Diese Zahl ist riesig. Aber sie ist eine Zahl. Sie ist endlich. 

Ein Algorithmus, der alle möglichen Melodien ausrechnet

Noah Rubin, der Kollege von Damien Riehl, hat also einen Algorithmus programmiert, der alle diese möglichen Melodien ausrechnet und als MIDI-Dateien abspeichert. Die landeten dann auf der Festplatte, die Damien stolz in der Hand hält. Und das heißt: Sie besitzen jetzt theoretisch ein Copyright auf sämtliche Pop-Melodien der Welt. 

Aber was nach einem lustigen Stunt aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Gerade in den USA häufen sich in den letzten Jahren Gerichtsverfahren, in denen Pop-Interpreten verklagt werden, weil ihre Melodien, Basslinien oder Instrumentals vage Ähnlichkeit mit anderen Stücken aufweisen. Katy Perry musste zum Beispiel 2,8 Millionen Dollar an den christlichen Rapper Flame zahlen, weil ihr Song “Dark Horse” angeblich dem Beat von Flames Track “Joyful Noise” zu ähnlich war - dabei benutzen beide letztlich einfach nur die Moll-Tonleiter. So wie die Melodien auf Damiens Festplatte auch. 

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Copyrighting all the melodies to avoid accidental infringement | Damien Riehl | TEDxMinneapolis | Bild: TEDx Talks (via YouTube)

Copyrighting all the melodies to avoid accidental infringement | Damien Riehl | TEDxMinneapolis

Damien Riehl und Noah Rubin wollen zeigen: Wenn die Anzahl der möglichen Melodien so begrenzt ist, dann sollte es nicht möglich sein, auf einfache Tonfolgen einen Urheberrechtsanspruch zu bekommen - vor allem, wenn sich die Lieder außer dieser Kleinigkeit kaum ähneln. “Es geht uns aber nicht darum, dass Musikschaffende kein Geld mehr verdienen können”, betont Noah im Gespräch. “Im Gegenteil: Wir wollen, dass sie mehr Freiheit haben, die Musik zu machen, die sie wollen.” Und dabei keine Angst haben müssen, verklagt zu werden. 

“Man hört die Fälle von Katy Perry und den anderen Stars, weil die sich die Gerichtsverfahren leisten können”, sagt Damien. “Aber man hört nichts über die ganzen kleinen Songwriter, die vielleicht Abmahnungen von großen Künstlern bekommen und dann teilweise auf die Lizenz für ihren eigenen Song verzichten müssen. Es ist ein echtes Problem.” 

Es gibt jetzt jede Melodie- und jeder soll sich eine davon aussuchen dürfen

Ihr Lösungsvorschlag: Damien und Noah haben auf allthemusic.info alle ihre generierten Melodien ins Internet gestellt - unter freier Lizenz. Der Gedanke: Musiker*innen sollen keine Angst mehr haben müssen, nur weil es eine ähnliche Melodie wie ihre schon geben könnte. Denn sie streichen einfach den Konjunktiv: Es gibt jetzt jede Melodie. Und jeder soll sich eine davon aussuchen dürfen. Ein schöner Gedanke – jetzt muss man nur ein Gericht davon überzeugen.