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Eine Reise gegen rechts Auf der Suche nach positiven Narrativen im Chemnitzer Hinterland

Autor Ralf Homann ist nach dem Vorkommnissen in Chemnitz ins dortige Hinterland gereist, um nach dort nach neuen, besseren Geschichten zu suchen, die optimistisch stimmen. Im Fokus dabei: die Zivilgesellschaft.

Von: Ralf Homann

Stand: 11.10.2018

Autor und Reporter Ralf Homann ist nach den erschreckenden Bildern des rechten Mobs in Chemnitz ins dortige Hinterland gereist, um nach neuen Narrativen zu suchen, die uns hoffen lassen. Was er gefunden hat, lest ihr hier und hört ihr mit einem Klick auf das Bild oben in einem Feature.

Ich habe es nicht erwartet: Das eigenartige Gefühl durch eine Landschaft zu reisen, die immer wieder an den NSU-Prozess erinnert. Die Autobahnausfahrt Zwickau, wo das Kerntrio der Terrorzelle wohnte, Johanngeorgenstadt, wo der Mitangeklagte André Eminger und die Nazi-”Brigade Ost” zu Hause waren, oder der Bahnhof in Schwarzenberg, wo Mandy S. herkommt, die Prozess-Zeugin aus dem Nazi-Milieu. In Chemnitz zum Beispiel der vom NSU überfallene Supermarkt und dann das rechtsradikale Musiklabel und der Szene-Modeladen.

Da fahre ich dann mit der Trambahn vorbei und denke: Was, die gibt’s immer noch?! Für die Menschen im Großraum Chemnitz sind "rechtsextreme Strukturen" nicht abstrakt, sondern konkrete Personen und wahre Geschichten. Positiv gesehen: Es ist immer gut, nach Chemnitz und ins Erzgebirge zu fahren; dort Leute besuchen, die sich in ihrem Alltag für eine widerstandsfähige Demokratie einsetzen. Mit dem Nebeneffekt, so auch die NSU-Bilder in meinem Kopf zu überlagern, mit neuen, besseren Geschichten, die optimistisch stimmen.

Beispiel 1: "Neue unentdecke Narrative"

“Neue unentdeckte Narrative” nennt sich ein “Modellprogramm” in Chemnitz. Offizieller Text: “Eine Schnittstelle zwischen Kunst, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Verwaltung in Chemnitz.” Dazu gehört auch das Festival “Aufstand der Geschichten” um den 9. November 2018 herum. In diesem Festival spielt eine bedeutende Rolle die Puppe des Schriftstellers und Intellektuellen Stefan Heym.

“Mit der Puppe schaffen wir einen Kniff, einen Zeitzeugen wiederzubeleben”, begründet Franz Knoppe das Puppentheater. Er ist neben Jane Viola Ferber, Projektleiter des Festivals “Aufstand der Geschichten”. Jane sagt mir: “Stefan Heym ist hier in Chemnitz groß geworden und hat unterschiedliche Umbrüche selber miterlebt. Angefangen gegen Nazi-Deutschland, dann in USA gegen McCarthy, dann in der DDR gegen das System und nach der Wende gegen die BRD; also jemand, der aus seiner Haltung heraus, sich die Systeme genau anguckt und immer nach vorne denkt und eigene Visionen entwickelt.”

Ortswechsel, Beispiel 2: Politische Bildung und coole Musik zusammenbringen

Das ist das Konzept des kleinen, aber feinen Festivals “Stains-in-the-Sun” in Schwarzenberg im Erzgebirge. Etwa 50 Kilometer von Chemnitz entfernt. Für mich als Wessi-Bayer Chemnitz-Hinterland. Auf dem “Stains-in-the-Sun”-Festival ist neben vielen lokalen Bands zum Beispiel die Antilopen Gang schon aufgetreten - ein Jahr bevor sie mit ihrem Hit “Beate Zschäpe hört U2” durchgestartet sind. Zur Musik gibt es auf dem Kultfestival für 300 bis 500 Jugendliche auch Workshops. Themen wie: Frauenbild im Islam oder Menschenrechte in der Modeindustrie. Eine Veranstaltung, die aufklären will, und die dieses Jahr zum sechsten Mal auf der wunderschönen Naturbühne in Schwarzenberg hätte stattfinden sollen. Hätte. Denn die Stadt untersagte 2018 kurzfristig die Benutzung des stadteigenen Open-Air-Geländes. In einer Notaktion musste “Stains-in-the-Sun” auf einen Parkplatz der Nachbargemeinde Raschau ausweichen. Für ein ehrenamtlich organisiertes Festival kein leichtes Unterfangen.

Als ich die Aktiven vom Verein “Agenda Alternativ” im Rockelmann-Park treffen, dort liegt die Naturbühne, sind sie immer noch empört. “Wir brauchen die Zivilgesellschaft” - also Bürgerinnen und Bürger, die sich den Rechten entgegenstellen, fordere der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Doch in der Praxis werde politische Bildung wie sie der Verein “Agenda Alternativ” organisiert ausgebremst. Besonders zynisch: Während das Open Air “Stains-in-the-Sun” aus Schwarzenberg weg musste, konnte das von örtlichen Rechtsextremisten organisierte Konzert des NPD-Barden Franz Rennicke stattfinden. Alltag in Schwarzenberg: Nun wollen die “Agenda-Alternativ”-Aktiven auf einer Wochenend-Klausur überlegen, wie ihr Einsatz im Erzgebirge weitergehen kann.


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