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Beste Alben der Zehner Jahre Auf "An Awesome Wave" erfanden Alt-J einen neuen kauzigen Sound - und schlugen damit ein wie eine Bombe

Der eigentümliche Stil des Albums von Alt J - man könnte sagen: Folktronica - war 2012 mit nichts zu vergleichen. Inzwischen gehören sie längst zur Oberliga des Britischen Pop, aber irgendwie bleiben Alt-J trotzdem einzigartig.

Von: Roderich Fabian

Stand: 29.11.2019

Im Durchschnitt höre ich etwa 1000 Alben pro Jahr. Meistens ist man durch Vorab-Informationen schon gebrieft und hat bestimmte Erwartungen, die sich meistens auch erfüllen. Wenn Atlanta-Trap draufsteht oder wiederentdeckter Afro-Funk aus den 70ern, ist meist auch genau das drin. Um bei einem tendenziell gelangweilten Musikhörer noch Aufmerksamkeit zu erzeugen, braucht man schon besondere Fähigkeiten. Oder Marketing-Skills.

„An Awesome Wave“ von Alt-J erschien im Mai 2012, also noch in der Ära der CD. Die kam zunächst mal mit einem Kunst-Coverfoto ohne Aufschrift. Erst später habe ich erfahren, dass es sich dabei um eine kolorierte Radar-Fotographie des Ganges-Deltas handelt. Und das macht auch irgendwie Sinn, denn Alt-J hießen ja eigentlich nicht Alt-J, sondern Delta. Denn mit der Tastenkombination „Alt“ und „Jott“ schreibt man den griechischen Buchstaben Delta, allerdings nur auf einem Mac. Und auf dem Cover des Albums steht auch nirgendwo Alt-J, sondern nur mal ganz klein „Delta“.

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alt-J - Intro (Official Audio) | Bild: alt-J (via YouTube)

alt-J - Intro (Official Audio)

Wenn man das Klappcover der CD von „An Awesome Wave“ öffnet, entfaltet sich eine kleine Pappkonstruktion so wie bei einem plastischen Kinderbuch. Aus diesem kann man das Produkt dann sehr bequem entnehmen. Für Aufmerksamkeit war also schon gesorgt, bevor man die CD überhaupt in den Player geschoben hatte - awesome!

Bevor also die Musik erklang, kam schon eine erste Assoziation: Das müssen Kunststudenten sein! Wer sonst gibt sich solche Mühe bei der Verpackung? Und tatsächlich waren drei Mitglieder der Band damals Kunst-Studies an der Uni Leeds, der vierte studierte Englisch, was auch ganz hilfreich war.

Nun habe ich schon viel gut verpackten Müll gehört, aber hier gehen Musik und Artwork die erhoffte Einheit ein, denn: Auch der Sound von „An Awesome Wave“ ist originell.

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alt-J - Matilda / Interlude 2 (Live at Red Rocks) | Bild: alt-J (via YouTube)

alt-J - Matilda / Interlude 2 (Live at Red Rocks)

Schon die Idee nach einem „Intro“ genannten Stück als nächstes eine gesungene „Interlude“, also ein Zwischenspiel, einzubauen, war wieder einer dieser Überraschungsmomente. Das Album ist voll davon. Die eigentlichen „Songs“ beginnen erst danach. Aber natürlich kommen die nicht aus dem luftleeren Raum, bei aller Originalität.

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alt-J (∆) Breezeblocks | Bild: alt-J (via YouTube)

alt-J (∆) Breezeblocks

CocoRosie kommen einem in den Sinn, wegen der Kauzigkeit, und das Animal Collective, wegen der Vocals und sogar Radiohead, wegen der britischen Exzentrik, die hier aus jeder Ecke strömt. Aber der Verpackungstrick hat mich eben beim allerersten Hören - damals im Mai 2012 - vom üblichen Referenz-Denken abgelenkt und dazu verleitet, Alt-J als absolut einzigartig einzustufen. Was sie auch sind, streng genommen.

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alt-J (∆) - Fitzpleasure (Official Music Video) | Bild: alt-J (via YouTube)

alt-J (∆) - Fitzpleasure (Official Music Video)

Jedenfalls war das Album sofort auf dem Schirm. Es musste gefeiert und gespielt werden - und ich war nicht der einzige, dem es so ging. Also wurde es das „Album des Jahres“ bei BBC Radio Six und bekam später auch noch den Mercury Price und Chartsplatzierungen und das ganze Zeug. „An Awesome Awe“ war ein Senkrechtstarter: Von der Obskurität sofort in die höchsten Sphären der Aufmerksamkeit: Cool und kauzig, frech und verletzlich, alles zusammen.

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Alt-J - Dissolve Me (Live on KEXP) | Bild: KEXP (via YouTube)

Alt-J - Dissolve Me (Live on KEXP)

Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt: Das nächste Album ging 2014 auf Platz eins in England, zwei Jahres später folgte eine Live-DVD mit einem bombastischen Lichtspektakel und fast allen Songs von „An Awesome Wave“, nur jetzt halt im Cinemascope-Format, aber das hat mich dann mehr und mehr kalt gelassen. Alt-J sind jetzt einfach das Markenzeichen Alt-J und niemals „Delta“. Ich höre wieder meine 1000 Alben im Jahr, die mich im Streamingzeitalter nun halt ohne Verpackung überzeugen müssen. So ist das nun mal, liebe Kunst-Studenten.   


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