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Angespuckt und beschimpft Warum Deutschland ein Problem mit antiasiatischem Rassismus hat

In Georgia hat ein 21-Jähriger acht Menschen erschossen, sechs von ihnen Frauen mit asiatischen Wurzeln. Mit antiasiatischem Rassismus haben auch Menschen in Deutschland zu kämpfen – nicht erst seit der Corona-Pandemie.

Von: Alexandra Martini

Stand: 19.03.2021

Ein Portrait von Podcasterin Minh Thu Tran | Bild: Daniel Nguyen

Von „Sexsucht“ spricht der 21-jährige Täter. Der Polizei zufolge gab er nach der Tat an, er habe nicht aus rassistischen Motiven gehandelt. Am vergangenen Dienstag erschoss er in drei Massagesalons in und um Atlanta im US-Bundesstaat Georgia acht Menschen. Sechs der Todesopfer waren Frauen mit asiatischen Wurzeln.

Die Journalistin Minh Thu Tran widerspricht dem Attentäter. „Natürlich hat das etwas mit Rassismus zu tun“, sagt sie. „Ein weißer Täter, der sexsüchtig ist und keinen Sex bekommt – warum sucht er sich asiatische Frauen aus?“

Die Tat in Georgia basiert auf einem rassistischen Narrativ

Vanessa Vu und Minh Thu Tran vom Podcast "Rice and Shine"

Seit 2018 bildet Minh Thu Tran im Podcast „Rice and Shine“ asiatisch-deutsche Perspektiven ab. Die Morde in Atlanta haben auch die Community hierzulande verstört, vor allem die Frauen, erzählt sie: „Dass man wegen Hypersexualisierung umgebracht werden könnte, war für viele traumatisierend.“

Aus ihrer Sicht basiert die Tat auf dem rassistischen Narrativ der unterwürfigen, dem weißen Mann dienenden Frau. Ein Narrativ, das auch in Deutschland präsent sei: „Diese Art der Sexualisierung kennen viele, die hier aufgewachsen sind, aus Dating-Erfahrungen“, sagt Tran.  

Antiasiatischer Rassismus nimmt seit der Corona-Pandemie zu

Das Attentat von Georgia fällt in eine Zeit, in der die asiatische Diaspora ohnehin schon vermehrt mit Rassismus zu kämpfen hat – auch in Deutschland. Seit Beginn der Corona-Pandemie werden asiatisch gelesene Menschen immer wieder zu Sündenböcken gemacht. „Asiatisch gelesen“ deshalb, weil der Rassismus keinen Unterschied macht, ob jemand seit Generationen in Deutschland lebt, aus Vietnam kommt oder eine japanische Austauschstudentin ist: All diesen Menschen wird ein einziges, rassistisches Bild übergestülpt.

Auch die Münchner Beratungsstelle „Before“, die Opfer von Diskriminierung, Rassismus und rechter Gewalt unterstützt, hat zuletzt einen Anstieg rassistisch motivierter Anfeindungen und Angriffe festgestellt: „Betroffene werden beispielsweise für den Ausbruch des Virus verantwortlich gemacht, andere berichten, dass ihnen vorgeworfen wird, das Virus zu verbreiten“, sagt „Before“-Sprecher Damian Groten. „Da gibt es einen ganz aktuellen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.“

„Wir müssen von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgehen“

Im vergangenen Jahr hat die Münchner Beratungsstelle sieben Fälle von Diskriminierung und Angriffen gegen asiatisch gelesene Menschen betreut. Deutlich mehr als in den Vorjahren: Im Jahr 2019 war ihnen kein einziger Fall in München gemeldet worden.

„Außerdem müssen wir von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgehen“, betont Groten. Die Zahlen der Beratungsstelle zeigten nur die Spitze des Eisbergs: „Wie auch bei anderen Formen von Diskriminierung sehen wir nur einen kleinen Teil von dem, was sich in München abspielt. Der Blick in die Medien und auf die behördlichen Zahlen zeigt noch einmal mehr Fälle.“

„Ich bin kein Virus“

Seit Beginn der Pandemie ist der Instagram-Account „@ichbinkeinvirus“ ein Ventil für die Betroffenen von antiasiatischem Rassismus. Ein Ventil für Menschen wie Trang aus Stuttgart. Auf dem Kanal berichtet sie:

"Am Anfang der Pandemie bekam ich immer wieder böse Blicke. Einmal in der Bahn hatte mich ein Mann als Corona bezeichnet und fand das witzig. Er hat andere versucht zu animieren mitzulachen und mitzumachen. Ein anderes Mal war die Bahn so voll und ein paar Mädchen weigerten sich selbst nach der Bitte einer älteren Dame, ihre Masken aufzuziehen. Ich habe der Dame helfen wollen und habe gesagt, sie sollen die Maske doch aufziehen. Danach wurden sie aggressiv und beschimpften mich rassistisch mit: ‘Wegen dir haben wir Corona’, ‘Du bist so hässlich‘ und ‘Fick dich du scheiß Schl****auge‘. ALLE in der vollen Bahn haben es mitbekommen, aber niemand hat etwas gesagt. Seitdem fahre ich nur noch im Notfall Bus und Bahn und bleibe IMMER in Türnähe um schnell aussteigen zu können."

Trang auf Instagram

Übergriffe – weiterhin und überall

Es sind Situationen, die auch die Journalistin und Podcasterin Minh Thu Tran kennt – und nicht nur sie: „Ich glaube, so ziemlich jede asiatische Person kann seit dem Frühjahr 2020 solche Geschichten erzählen. Dass man in Arztpraxen keine Termine bekommen hat zum Beispiel. Oder dass Leute sich in der U-Bahn weggesetzt haben.“ Die Anfeindungen seien etwas zurückgegangen, aber sie seien nicht weg.

Diesen Eindruck bekräftigt auch ein Blick in die München-Chronik, in der unter anderen die Beratungsstelle "Before" rechte und diskriminierende Vorfälle auflistet. Erst kürzlich, am 9. März, seien am Münchner Baldeplatz zwei junge, asiatisch aussehende Frauen von zwei Männern rassistisch beschimpft und dann angespuckt worden.

Die Folgen sind gravierend

Anfeindungen, Bedrohungen und Übergriffe finden überall statt: im öffentlichen Raum, im Supermarkt, im Nahverkehr. Besonders gestiegen sind in München laut „Before“-Sprecher Damian Groten aber auch die Übergriffe im eigenen Wohnhaus oder der Nachbarschaft.

Im Hausflur mit Desinfektionsmittel besprüht und bedroht zu werden, das ist ein Beispiel. Solche Angriffe und Anfeindungen dürfe man nicht unterschätzen, so Groten: „Das Wohnumfeld ist der intimste Rückzugsraum, den jeder hat, und wenn er oder sie dort angegriffen wird, dann hat das dementsprechende Folgen.“ Deshalb sei es wichtig, dass Vermieter*innen dafür sensibel sind und unterstützen.

Auch verbale Angriffe, berichtet Damian Groten, haben bereits gravierende Auswirkungen auf Betroffene: „Sie können etwa ihrer Grundsicherheit beraubt werden, sodass sie auch ihr Verhalten im Alltag ändern und zum Beispiel nach Übergriffen in der U-Bahn öffentliche Verkehrsmittel meiden.“

Antiasiatischer Rassismus ist in Deutschland nicht neu

Rassismus gegen Menschen mit asiatischen Wurzeln ist in Deutschland kein neues Phänomen. Die Pogrome in Hoyerswerda 1991 und in Rostock-Lichtenhagen 1992 richteten sich auch gegen Flüchtlinge und Eingewanderte aus Vietnam.

Für die Journalistin Minh Thu Tran ist die geschichtliche Kontinuität dieser rassistischen Gewalt in Deutschland viel zu wenig sichtbar: „Rassismus gegen asiatisch gelesene Menschen ist real, er hat eine lange Kontinuität und er gipfelt in Gewalt“, sagt sie. „Darüber müssen wir reden.“


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