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Armin Nassehi über offenen Brief "Ich ärgere mich darüber, dass man hier einfach Dinge in die Welt setzt, die nicht durchdacht sind"

Keine schweren Waffen für die Ukraine, Warnung vor einem Dritten Weltkrieg. 28 Prominente haben einen offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz geschrieben. In den sozialen Netzwerken tobt darüber gerade ein Sturm. Zu den Kritikern zählt auch der Soziologe Armin Nassehi. Wir haben ihn gefragt, warum er nicht unterschrieben hat.

Von: Bärbel Wossagk

Stand: 02.05.2022

Armin Nassehi, Soziologe | Bild: picture-alliance/dpa

Alice Schwarzer, Ranga Yogeshwar, Gerhard Polt, Juli Zeh, Alexander Kluge und Lars Eidinger: Insgesamt 28 Intellektuelle haben in einem Offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz vor der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gewarnt. Der Soziologe Armin Nassehi hat auf Twitter eine lange Replik geschrieben.

Dieser offene Brief, der jetzt in der Diskussion ist: Sie wurden auch gefragt, ob Sie unterschreiben wollen. Haben Sie lange nachdenken müssen oder wussten Sie Ihre Position gleich?

Armin Nassehi: Ich habe nicht abgesagt, weil man zu dem Ergebnis kommt, dass man womöglich keine Waffen liefern muss. Das ist ja eine sehr, sehr schwierige Frage. Aber dieser Brief enthält keinen einzigen guten Grund, wie ich finde. Und es sind ja doch durchaus Akteure dabei, die von der Sache etwas verstehen. Wenn Sie an Reinhard Merkel denken, den Rechtsphilosophen und Strafrechtler oder an Wolfgang Merkel, Politikwissenschaftler oder auch die Strafrechtlerin Elisa Hoven. Da hätte ich mir tatsächlich ein paar stichhaltigere Gründe erwartet als das, was da steht.

Sie haben es gerade gesagt, es haben ja auch sehr namhafte Menschen unterschrieben, wo man jetzt nicht gleich sagen kann, naja, die üblichen Verdächtigen, das kann man sowieso nicht unterschreiben. So ist es nicht.

Nein, so ist es nicht. Und mir kommt es als Wissenschaftler auch auf die Argumente an und nicht darauf, wer dahintersteht. Mir geht es tatsächlich darum, dass hier einen Aufruf da ist, der ja sich selbst auch so darstellt, dass es sich um Intellektuelle handelt – also um Leute, die durchaus zu Argumenten in der Lage sind. Wenn man sich die Argumente anguckt, dann muss man tatsächlich sagen, dass man da sozusagen nicht allzu weit gesprungen ist.

Der offene Brief argumentiert ja mit dieser Angst vor dem Dritten Weltkrieg, also mit der Angst vor Atombomben. Ist dieser Punkt nachvollziehbar?

Der offene Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz wurde in der Zeitschrift Emma von Alice Schwarzer veröffentlicht

Die Angst ist natürlich nachvollziehbar. Die haben wir doch irgendwie alle. Aber die Frage ist, ab welchem Punkt ist das eigentlich relevant: Wenn jetzt bald Schweden und Finnland in die Nato eintreten? Oder wenn die Niederlande oder Großbritannien oder die Vereinigten Staaten Waffen liefern? Da muss man doch ein bisschen darüber auch nachdenken, dass wir nicht auf einer Insel leben. Die Gründe dafür wären längst geliefert, wenn man tatsächlich behaupten würde, dass Russland selbst ein Interesse an einem Atomschlag haben könnte. Russland hätte keinen Vorteil davon, einen Atomkrieg zu beginnen. Das würde nämlich auch für Russland die Selbstzerstörung bedeuten. Diese Logik funktioniert ja noch so einigermaßen.

Worum es eigentlich geht, ist die Frage, wie man eigentlich wechselseitig Vertrauen herstellen kann. Das ist die Währung, in der man in der internationalen Politik mit Konfliktsituationen umgehen muss, also Kooperation und Vertrauen miteinander zu kombinieren. Und das ist auch von russischer Seite ja offensichtlich nicht der Fall. Wenn Guterres in Moskau ist und gleichzeitig hier bombardiert wird, dann ist das ja eine offene Demonstration: Wir kümmern uns gar nicht darum, was ihr hier macht. Also kann man mit den Leuten offensichtlich nicht verhandeln im Sinne eines Kompromisses.

Sprich der in dem Brief gefordertere Kompromiss ist Ihrer Meinung nach überhaupt nicht möglich, weil diese zwei Parteien im Moment gar keinen Kompromiss schließen können.

Im Moment scheint das nicht der Fall zu sein. Und wir wissen, dass man Kompromisse gerade auf diesem Gebiet nur eingehen kann, wenn man sozusagen selbst ein gewisses Drohpotenzial hat. Man kann keinen Kompromiss schließen zwischen zweien, wo der eine besonders stark ist und der andere eigentlich nichts zur Verteidigung hat. Dann bleibt als Kompromiss letztlich nur die bedingungslose Kapitulation. Und das würde für die Ukraine nicht nur bedeuten, dass man Territorialverluste hätte oder dass der Staat in seiner Existenz bedroht ist. Sondern das wäre durchaus eine externe Gewaltherrschaft, mit der man da rechnen müsste. Es geht hier immerhin um Freiheit. Dass in so einem Brief kein Wort darüber steht, dass es sich bei Russland nicht um irgendeine andere Partei handelt, sondern um einen autokratischen Staat, der tatsächlich vor allem Angst hat vor einer Demokratisierung Osteuropas! Das finde ich schon moralisch relevant, weil darum geht es doch eigentlich. Wir werden eigentlich alle von Russland zurzeit vorgeführt. Den Kompromiss wird es erst geben, wenn Russland wirklich anerkennen kann, dass es militärisch nicht weiterkommt.

Ist es das, was Sie am meisten stört an diesem offenen Brief? Sie haben eine lange Replik geschrieben auf Twitter.

Zu den Unterzeichnenden gehört unter anderem die Schriftstellerin Juli Zeh

Mich ärgert nicht, dass da Leute sind, die nach guten Gründen suchen, womöglich keine Waffen liefern zu müssen. Das ist ja eine offene Frage, und die muss man auch offen diskutieren können. Ich ärgere mich darüber, dass man hier einfach Dinge in die Welt setzt, die nicht durchdacht sind, die aber so tun, als seien sie durchdacht. Wer kann schreiben: "Moralisch verbindliche Normen sind universaler Natur." Das stimmt schon empirisch nicht. Entschuldigung, wenn ich das so wissenschaftlich formuliere. Aber da sind Leute, die als Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auftreten, und dann muss man sich das tatsächlich auch genauer angucken: Mit diesem Brief wird man nicht begründen können, dass keine schwereren Waffen geliefert werden können. Das wäre sehr gut, wenn wir Gründe finden könnten, aus diesem Konflikt rauszukommen, ohne immer mehr Kriegshandlungen zu haben. Aber dies wird hier tatsächlich nicht angeboten.