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Arlo Parks im Portrait „Unsere Generation ist die Generation der Angst“

Was haben Michelle Obama, Wyclef Jean und Billie Eilish gemeinsam? Sie feiern die Britische Künstlerin Arlo Parks. Jetzt ist ihr Debutalbum endlich draußen. „Collapsed In Sunbeams“ ist eine Mischung aus spoken Word, Pop, Hiphop und Soul.

Von: Amy Zayed

Stand: 29.01.2021

Die britische Künstlerin Arlo Parks | Bild: picture alliance/Photoshot

Wenn man Zeitgeist vertonen könnte, dann hat Arlo Parks das mit diesem Album ziemlich gut hinbekommen! Auf fast schon exhibitionistische Weise lässt sie uns tief und ziemlich schonungslos in ihr Herz blicken – nur dass sie diese Emo-Posts nicht durch einen fancy Filter jagt und auf Instagram absetzt, sondern in Popsongs überführt. Ihr Argument: „Jede Generation hat ihre eigene Angst-Störung. Unsere kommt von Social Media“. Schließlich habe es Instagram und TikTok früher nicht gegeben. Die bringen uns zwar eine besondere Verbindung, aber auch unglaublich viel Druck. Ihre Generation große Angst, den Bildern nicht zu genügen, sagt die Künstlerin.

„Collapsed In Sunbeams“ wirkt wie ein zerfleddertes Tagebuch

Arlo Parks Debüt nimmt uns mit auf eine facettenreiche Reise: Spoken-Word- und Hip-Hop-Schemen ziehen am Zugfenster vorbei und verglimmen, Soul, Emo und sehr achtsamer Elektro blitzen kurz auf und verschwinden wieder. All das kommt musikalisch sehr sittsam rüber, fast schon konservativ. Umso mehr packt einen der Inhalt. Denn textlich wirkt „Collapsed In Sunbeams“ wie ein altes, leicht zerfleddertes Tagebuch. Eines, das die 20-Jährige unter lauter Umzugskisten gefunden hat und nun mit den Hörer*Innen teilen will. Es geht um‘s Erwachsenwerden, um Selbstfindung, und wie schwer es ist, sich selbst zu akzeptieren, wenn man nirgends richtig reinpasst. Und dabei sind die Texte so auf den Punkt, man sieht die beschriebenen Szenen so klar vor sich, als wären sie gerade aus dem 3D-Drucker geplumpst.  

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Arlo Parks - Hope (Official Video) | Bild: ArloParksVEVO (via YouTube)

Arlo Parks - Hope (Official Video)

Trotz ihres jungen Alters wirft Arlo Parks gern mit popkulturellen Referenzen um sich. Robert Smith, David Bowie und Patti Smith: sie alle bekommen in den Texten einen kleinen roten Teppich geknüpft. Ein Grund für die vielen Kultureinflüsse könnte Arlos eigener Hintergrund sein. Ihre Mutter ist halb Französin, halb aus dem Tschad, ihr Vater Nigerianer, beide sind Musik- und kulturinteressiert. Mit 13 fing Arlo mit dem Schreiben an, brachte sich selbst Gitarre bei und produzierte einfach zu Hause drauflos. Genauso ist auch dieses Album entstanden. Zuhause im Schlafzimmer. Und wir fühlen uns manchmal wie bei unserem Therapeuten auf der Couch. Lauschen, wie Arlo sich und ihre Mitmenschen auseinandernimmt.

Arlo Parks und das Leid der Generation Z

Die ganze Art, wie sie schreibe, sei der Versuch zu verstehen, sagt Arlo Parks. „Ich will wissen, wie ich selbst ticke und ich will wissen, wie andere Menschen ticken. Und ich will die Natur des Leidens an sich verstehen.“ Und sie wolle auch begreifen, warum Menschen üble Dinge tun. „Ich versuche, wach zu sein einfach präsent zu sein, und dabei auch mich selbst zu verstehen. Und das versuche ich sowohl in meinem Leben, als auch in meiner Arbeit anzuwenden.“ Im Song „Caroline“ geht es um ein Ehepaar, Arlo beobachtet die Beiden zufällig an einer Bushaltestelle. Sie werden laut, streiten sich, und Arlo spinnt die Geschichte fort: Wie sie sich Tag für Tag weiter auseinanderleben, Monat für Monat voneinander entfernen, am Anfang nur ein paar Zentimeter, am Ende ist der Graben aber so groß, dass nur noch Hass und Verzweiflung bleiben.

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Arlo Parks - Caroline (Official Video) | Bild: ArloParksVEVO (via YouTube)

Arlo Parks - Caroline (Official Video)

Aber trotz all der dunklen Geschichten: das Album versprüht Hoffnung, ohne dabei das Klischee zu bedienen, dass das Leben doch eigentlich super ist, man es eben nur umarmen muss. „Making rainbows out of something painful“ beschreibt Arlo Parks ihre Haltung gleich im 1. Track des Albums: „Auf diesem Song wollte ich zeigen, dass diese Platte beides ist – bitter und süß zugleich. Und wie schwer es ist, in dieser dunklen Zeit ein bisschen Licht zu finden. Ich weiß nicht mal genau, woher diese Textzeile kam. Aber sie fasst diese Platte und wie ich gerade fühle sehr gut zusammen.“

Wer bin ich und was ist meine Identität?

Auf mich wirkt Arlo auf eine Art unglaublich erwachsen, andererseits aber auch ziemlich zerbrechlich. Fast ertappe ich mich dabei, wie Muttergefühle in mir aufsteigen, so als müsste ich sie beschützen. Mit ihren 20 Jahren hat Arlo schon viel Ablehnung erlebt. Nirgendwo hineinzupassen, oft nicht dem Klischee gerecht zu werden: das war für sie anstrengend. Und nach der Abgrenzung beginnt die Suche: wer bin ich, was ist meine Identität? Was hat es zu sagen, dass ich bisexuell bin. Eine Reifeprüfung! „Ich habe schon sehr früh etwas verstanden: wenn Leute gemein zu Dir sind und Dich ablehnen, dann hat das meistens was mit denen selbst zu tun“, sagt sie.

Es ist die Zerbrechlichkeit und die genaue Analyse, die diese Platte so anziehend, aber auch so wichtig machen. Die Genauigkeit, mit der eine junge Person wie Arlo Parks die Zerrissenheit ihrer Generation beschreibt. Das macht dieses Album zu etwas besonderem. „Unsere Generation ist die Generation der Angst“, sagte Arlo im Interview. Und genau das zeigt sie auf „Collapsed in sunbeams“. Aber eben auch, dass es immer einen Ausweg gibt.


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