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400 Beats Per Minute Die Band Archspire spielt schnelleren Death-Metal als eine künstliche Intelligenz

Auf Grundlage der Songs der Band Archspire haben Entwickler eine extrem schnelle Death-Metal-KI entworfen. Die Band versucht nun wiederum, die Geschwindigkeit der K.I. zu überbieten. Die Folge: Technisch versierter Death-Metal und Songs in der absurden Geschwindigkeit von 400 Beats per Minute.

Von: Florian Fricke

Stand: 15.11.2021

Die kanadische Death-Metal-Band Archspire | Bild: Season Of Mist

Relentless Doppelganger ist keine Band, sondern ein neuronales Netzwerk. Seit zwei Jahren produziert es auf einem Linux-Server irgendwo in South Carolina rund um die Uhr und bis in alle Ewigkeit Technical-Death-Metal, auch Tech-Death genannt, eine extreme Spielart im ohnehin schon sehr schnellen und extremen Death-Metal. Das Duo Databots, die Entwickler von Relentless Doppelganger hatten schon mehrere Versuche dieser Art mit anderen Genres gestartet –  doch die künstlich erstellten Songs brachen auseinander und waren unhörbar. Mit Technical-Death-Metal war das nicht so. Die Musik enthält so viel Struktur und ist in ihrer Geschwindigkeit so gut erkennbar getaktet, dass die KI damit brauchbare eigene Ergebnisse lieferte.

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RELENTLESS DOPPELGANGER \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ \m/ | Bild: DADABOTS (via YouTube)

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KI basiert auf den Songs von Archspire

Vor Kurzem hatte ich beim Durchhören neuer Alben in meinem Postfach ein Déja vu beziehungsweise ein Deja entendu. Die Metal-Band Archspire klingt genauso wie die Death Metal KI. „Ja, sie haben die KI damals mit unserem Durchbruch-Album Relentless Mutation trainiert. Es klingt komisch, weil alles im Chaos verschwindet, aber dann erkennst du doch einen Part, den du gespielt hast“, sagt Jared Smith, Bassist bei Archspire. Das Quintett aus Vancouver gilt als eine der handwerklich versiertesten Bands der Szene. Ihr viertes Album „Bleed The Future“ ist gerade erscheinen und wieder stoßen Archspire in Bereiche vor, in denen sich noch nie ein Mensch vorgewagt hat, um Star Trek zu zitieren. Was man teilweise auf dem Album hört, erscheint schlicht unmenschlich im Sinne von: So schnell und präzise kann doch niemand spielen!

Auf diesem Album erreichen wir 400 Beats Per Minute. Auf dem Vorgängeralbum waren es 370, die haben wir also locker geknackt“, erzählt Jared Smith. Und wenn man das spiele, gebe es manchmal diese komischen Erfahrungen. Smith meint: „Bei unseren langsameren Songs, die so bei 360 BPM liegen, denke ich: Das war doch jetzt gar nicht so schnell. Und dann hör ich mir das an und denke: Das ist doch Wahnsinn. Es ist ein großer Unterschied zwischen selbst Spielen und Hören.“ Das Besondere bei Archspire: Sie bemühen sich darum, trotz aller Geschwindigkeitsrekorde kein pures Blastbeat-Gewitter abzuliefern. Blast Beats heißen diese superschnellen Nähmaschinen-Rhythmen auf dem Schlagzeug, die Grundlage aller superschnellen Metalstile.

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ARCHSPIRE - "Drone Corpse Aviator" (Official Music Video) 2021 | Bild: Season of Mist (via YouTube)

ARCHSPIRE - "Drone Corpse Aviator" (Official Music Video) 2021

Technical-Death-Metal mit immenser Disziplin

Jared Smith erklärt: Nach 30 Sekunden Blast Beats, muss ein Part kommen, der das etwas auflockert: „Sonst stehen die Leute nur mit gekreuzten Armen vor dir, und das ist für eine Band schrecklich langweilig live.“ Der zweite Aspekt dabei sei laut Smith, dass die Band nach so einem krassen Part unseren Körper für ein paar Takte eine Erholungspause gönnen müsse, bevor sie wieder in den Wahnsinn gehe. Solch eine Qualität erreicht man nur mit krasser Disziplin. Der Erwartungsdruck auf Archspire war nach ihrem Durchbruch 2017 immens. Die Arbeit an „Bleed The Future“ begann noch vor der Pandemie und die Band malochte fünf Tage die Woche an der Architektur des neuen Materials, erzählt Smith: „Wir schmeißen hunderte von Riffs und Ideen weg, aber niemals einen fertigen Song. Wenn wir einen Song abschließen können, dann sind wir wohl alle zufrieden.“

Ein weiteres Charaktermerkmal ist der Gesangsstil von Oliver Rae Aleron. Eine Mischung aus dem genretypischen gutturalen Growling und Chopper Rap, so nennt man den ultraschnellen Rap, wie man ihn von Busta Rhymes kennt oder dem wohl bekanntesten Vertreter, Tech N9ne, der auch das erklärte Vorbild von Oliver Rae Aleron ist. Aber wo ist das Limit? Kommen wir hier nicht in Bereiche, wo irgendwann Schluss ist mit menschlichen Fähigkeiten? Aber das denken wir beim Spitzensport genauso und trotzdem fallen immer noch Weltrekorde. Auch Jared Smith sieht das ähnlich: „Für das nächste Album werden wir versuchen, die 400 Beats Per Minute zu knacken. Keine Ahnung, wie weit wir darüber hinaus kommen, vielleicht werden es auch nur 401, aber dann haben wir es geschafft.“

Ist das noch Musik oder schon Klangkunst?

Es bleibt festzuhalten: wenn eine KI Musik imitieren und selbst kreativ werden soll, dann kommt sie mit Extreme-Technical-Death-Metal am besten zurecht. Auf der anderen Seite wirkt die Arbeitsweise von Archspire in ihrer extremen Logik schon ziemlich maschinell. Es gibt die Versuchsanordnung übrigens auch anders herum: wenn Bands Techno nachspielen. Bis zu einer gewissen Geschwindigkeit ist das auch gar kein Problem – aber ultraschnelle Stile wie Extratone bleiben den Maschinen überlassen, auch wenn sie von Menschen programmiert wurden. Bis zu 10.000 Bpm und mehr sind dann doch zu viel des Guten. Da geht es dann um eine andere Frage: Ist das noch Musik oder Klangkunst?