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#failoftheweek Es ist komplett egal, ob Apple unsere Straßen fotografiert

Apple will Kamera-Autos durch Deutschland schicken, um Fotos für "Apple Look Around". Genau wie Google für Street View. Und Deutschland geht wie zu Street-View die Angst um. Christian Schiffer kommentiert: Lasst Apple nur machen.

Von: Christian Schiffer

Stand: 26.07.2019

Apple Maps | Bild: Photoshot

Fast zehn Jahre ist es her, da erfasste wochenlang ein Shitstorm ganz Deutschland. Ach was: Ein ausgewachsener Shit-Orkan war das, der grässlich tobte. Was war passiert? Google hatte angekündigt, in deutschen Städten Häuserfronten fotografieren zu wollen für Google Street View, so wie es das Unternehmen schon in einem Dutzend andere Länder getan hatte. Doch Deutschland protestierte, darunter auch zahlreiche Politiker und Prominente.

In Memoriam: Die Panik vor Google Street View

Der Schauspieler Sky DuMont warnte davor, dass man per Street View Kinder beim Spielen im Garten zusehen könne. Die Schauspielerin Jeanette Biedermann glaubte ernsthaft, Street View werde bald missbraucht, um Menschen beim Nacktbaden zuzusehen. Und immer wieder hieß es Verbrecher, Diebe, Nepper, Schlepper, Bauernfänger würden fortan Google Street View nutzen, um nach zu gucken, ob jemand zu Hause ist, um zu checken, ob jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, die Bude auszuräumen.   

Passiert ist von alle dem: Nichts. Als Einbrecher will man auch im Jahr 2019 vor allem wissen, ob JETZT, in genau diesem Moment, jemand zu Hause ist- Street View-Bilder sind aber Momentaufnahmen – und in der Regel schon ein paar Jahre alt, wenn sie ins Netz gestellt werden. Und wer nackte Menschen sehen will, der findet im Internet ergiebigere Angebote als den Google-Dienst, der zudem menschliche Gesichter verpixelt.

Pixelbrei statt Straßenzüge

Die Panik rund um Street View war ein Musterbeispiel für die German Angst, die manchmal auch gespickt war mit einer Prise Anti-Amerikanismus. Und anstatt den Bürgern die Sorgen zu nehmen, befeuerten Politiker die Hysterie nach Kräften. Egal ob links oder rechts, egal ob Alt-Linke wie Hans-Christin Ströbele oder eher konservative Sozialdemokraten wie Thomas Oppermann oder CSU-Innenminister Joachim Hermann, überall war man sich einig: Dieses Google fotografiert nicht meine Geranien!

Und so gingen in Deutschland insgesamt 244.237 Anträge auf Unkenntlichmachung bei Google ein. Der Konzern musste ganze Straßenzüge mit Pixel-Präservative überziehen und wo man sich in anderen Ländern heute ansehen kann, wie Städte vor zehn Jahren aussehen haben, sieht man in Deutschland vor allem eines: grauen Pixelbrei.  

"Apple Look Around" ist das neue Street View

Nun hat Apple angekündigt, mit Kamera-Autos durch Deutschland fahren zu wollen, um Fotos zu machen, die möglicherweise auch für „Look Around“ verwendet werden, was im Prinzip dasselbe wie Google Street View, nur eben nicht von Google, sondern von Apple.

Und man kann nur hoffen, dass die Hysterie diesmal ausbleibt. Denn der öffentliche Raum ist eben genau das: Öffentlich. Jeder sollte dort Fotos von Hausfassaden machen dürfen, auch amerikanische Internetkonzerne. Wer es ernst meint mit dem Datenschutz, der hebt sich seine Empörungsreserven für reale Probleme auf. Und von denen gibt es weiß Gott genug gibt, angefangen dabei, dass wir im Netz auf Schritt und Tritt verfolgt, überwacht und getrackt werden. Die verpixelten Straßenzüge im Deutschen Google Street View haben indes auch ihr Gutes: Es sind digitale Mahnmale, die uns daran erinnern, dass German Angst kein guter Ratgeber ist.


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