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Apo Don Me Wie Albaner*innen deutschen Pop verändern

Was macht Musiker wie Noizy, Azet, Loredana, Dardan, Mozzik, Ardian Bujupi oder Gent so erfolgreich? Wie verbinden sie ihre deutsch-albanischen Identitäten? Und warum bitteschön sind sie eigentlich noch nicht im Feuilleton angekommen - bei Millionen von Streams? Sendung von Malcolm Ohanwe

Von: Malcolm Ohanwe

Stand: 13.07.2021

In Deutschland, Österreich und der Schweiz leben die meisten albanisch-stämmigen Menschen außerhalb Südeuropas, in Deutschland sind es über 150.000 Kosovaren und circa 50.000 Albaner. Die Nachfahren kosovarischer und albanischer Einwander*innen haben im Moment großen Erfolg in der hiesigen Musikszene – oft mit Streams im zweistelligen Millionenbereich. Aber: In den deutschen Feuilletons ist dieser Takeover noch nicht – oder kaum – angekommen.

Was macht Noizy, Azet, Loredana, Dardan, Mozzik, Ardian Bujupi, Gent und Co. so erfolgreich und wie verbinden sie ihre beiden Identitäten – deutsch und albanisch – in ihrer Musik? Was sagen Albaner*innen aus dem Heimatland zu der deutschen Musik ihrer Idole?

Der Kosovo als Klick-Garant

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Mozzik x Loredana – Rosenkrieg (prod. by Jumpa) [Official Video] | Bild: MOZZIK (via YouTube)

Mozzik x Loredana – Rosenkrieg (prod. by Jumpa) [Official Video]

Ein Blick in die offiziellen deutschen Charts der letzten Wochen und wir sehen, dass Mozzik x Loredana vor kurzem mit „Rosenkrieg“ einen Nummer-Eins-Hit hatten – mit einer komplett albanischen Strophe! Auch das Album „Neue Welt“ von Azet ist voll mit albanischen Titeln wie „Une Jam“ oder „Ti Harro“, auch sie an der Spitze der deutschen Verkaufscharts. Die Rapper haben nicht nur einen sogenannten Migrations-Hintergrund, sie arbeiten auch mit Produzenten oder Songwritern, die in der Region aufgewachsen sind.

Wenn man genauer hinhört bzw. bei Muttersprachler*innen nachfragt, ist es vor allem der Kosovo-Albanische Akzent, der in der populären Musik dominant ist. Es ist das junge Land Kosovo und nicht Albanien, woher der ganze neue heiße musikalische Scheiß kommt. Das ist kein Zufall. Kosovo ist das Land mit der jüngsten Bevölkerung in Europa. Den Staat gibt es offiziell erst seit weniger als zehn Jahren. Die Menschen dort wollen raus aus der Armut und sehen in der Musik einen Ausweg.

Es gehört mittlerweile fast schon zum guten Ton für einen erfolgreichen Musiker*in, einen Abstecher ins kosovarische Pristina zu machen und dort mit den einheimischen Stars im Studio ein paar Hits aufzunehmen. Da kommen Kombinationen raus wie der deutsch-iranische Musiker Nimo und der Kosovare Butrint oder die kosovarische Sängerin Dhurata Dora und der kongolesische Rap-Star Maitre Gims. Diese Tracks knacken locker die 100 Millionen Klicks auf YouTube.

Durchbruch mit Rihanna-Vergleich

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Era Istrefi - Bonbon (Official Video) | Bild: Ultra Music (via YouTube)

Era Istrefi - Bonbon (Official Video)

Eine Kosovo-Albanerin, die für sehr viele Acts die Türen geöffnet hat, ist die Sängerin Era Istrefi. 2016 landet sie mit dem komplett auf Albanisch gesungenen Hit „BonBon“ einen absoluten Überraschungs-Hit. In den sozialen Netzwerken geht der Song viral, weil Istrefi in einem Meme mit Rihanna verglichen wird. Tatsächlich tragen viele der albanischen Rap- und R&B-Stars afrikanische Flechtfrisuren oder Dreadlocks und orientieren sich modisch an US-Stars. Die moderne, albanisch geprägte Popmusik, die in den Shisha-Bars Deutschlands rauf und runter läuft, ist stark geprägt von Schwarzer amerikanischer, karibischer oder westafrikanischer Musik. Viele der Songs klingen wie Drake, Nicki Minaj, Sean Paul oder Wizkid – allerdings gemischt mit „orientalischen“ Elementen wie nahöstlich anmutenden Instrumental-Samples oder arabisch-islamischen Floskeln wie „Wallah“ oder „Habibi“. Die Mehrheit der Region ist muslimisch, das setzt diese Musik auch nochmal ab von anderen Formen des Balkan-Pop.

Sichtbarkeit und Emanzipation

Diese musikalischen Erfolge sorgen für Sichtbarkeit, für Selbstwertgefühl und Stolz bei einer Personengruppe, die aus einem Staat geflohen ist, in dem sie eine Minderheit war. Im Jugoslawien unter Tito durften Albaner*innen ihre Identität nicht frei ausleben. „Nachdem viele von ihnen vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland fliehen mussten, erlebten sie hier erneut Rassismus“, erklärt der deutsch-kosovarische Forscher Adem Ferizaj im Zündfunk-Interview. „Wenn man als junges Kind in Deutschland versucht hat, zu erklären, wer man sei, woher man komme, haben alle einfach nur gedacht ‚Jugo‘. Aus Jugoslawien kommen, aber keine Jugoslawen sein, das war für viele zu kompliziert.“

Aber seit Stars wie Istrefi, Azet oder Loredana, weiß jeder, was der Kosovo ist. Und auch Musiker*innen wie Nori und Andrra, die noch vor ihrem großen Durchbruch stehen, freuen sich, dass dieses kleine Volk der Albaner*innen derzeit popkulturell auf der großen Hip-Hop-Bühne so gut dasteht.