Bayern 2 - Zündfunk

Antje Schomaker "Frauen in Deutschland, die produzieren, sind einfach über die Maßen gut"

Noch immer wird im Pop-Geschäft zu wenig für Frauen getan, findet die deutsche Songwriterin Antje Schomaker. Im Interview erzählt sie, was sich ändern muss – zum Beispiel beim Line Up von Festivals – und warum sie gerade so wütend ist.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 18.11.2021

Die deusche Singer Songwriterin Antje Schomaker | Bild: Jonas Gödde

„Ich muss gar nichts“ – so heißt der neue Song der deutschen Songwriterin und Indie-Musikerin Antje Schomaker. Gut zwei Jahre nach ihrem letzten Album, heißt es auf Schomakers Website, „sitzt Antje ihrem Publikum mit einem blutverschmierten Messer in der Hand gegenüber.“ Konkret heißt das: Radikaler musikalischer Neuanfang. Wir haben Antje Schomaker gefragt, wie es dazu kam – und was das mit der schwierigen Situation von Frauen im deutschen Popgeschäft zu tun hat.

Zündfunk: Der Sound von „Ich muss gar nichts“ hat mich an Wir Sind Helden erinnert, aber auch an Inga Humpe. Warum klingt der Song wie er klingt?

Antje Schomaker: Natürlich bin ich großer Wir-Sind-Helden-Fan. Ich glaube, mit 17 war das auch mein erstes Konzert, wo ich mir ein eigenes Ticket gekauft habe. Aber eigentlich war es eher der Sound, der mich inspiriert hat. Ich habe diesen Bass-Lauf gefunden, den man ganz am Anfang hört und hab das so einprogrammiert in mein Logic. Und dann kam relativ schnell dieser Text zur Rhythmik dazu. Und dann habe ich noch einen Beat darunter gebastelt, der ab der zweiten Strophe einsetzt, dieser Half-Time-Beat. Ich war zu der Zeit auch sehr wütend und habe es dann einfach runtergeschrieben. Es ist einfach aus mir rausgeflossen. Ich habe mich da gar nicht inspiriert gefühlt von anderen Bands, die ich gehört habe. Und viele sagen mir auch, dass es nach einem Mix klingt. Drangsal hat mir gestern geschrieben: „Es klingt wie Tic Tac Toe und Ideal im Antje Schomaker Land.“

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Ich Muss Gar Nichts | Bild: Antje Schomaker - Topic (via YouTube)

Ich Muss Gar Nichts


Was hat dich beim Schreiben des Songs so wütend gemacht?

Mir hat jemand auf Instagram geschrieben. Ich hatte ein Feature gemacht mit einer anderen Band, und er schrieb: 'Ich wäre so cool und meine Stimme wäre so toll. Warum also habe ich mich jetzt dazu entschieden, Pop-Musik zu machen?' Ich fand das so anmaßend. Also ich würde niemals jemandem sagen: 'Hey, warum machst du das denn hier?' Die Entscheidung, warum ich mich für ein Feature entscheide oder das mache, ist meine. Und ich finde, jeder Künstler, jede Künstlerin kann machen, worauf sie Lust hat. Gerade das finde ich eigentlich spannend. Wenn zum Beispiel Vanessa Mai mit Olexesh ein Feature macht, finde ich das super, weil ich diese Genregrenzen einfach nicht will. Ich möchte fluide Grenzen. Ich will nicht, dass in Deutschland über Indie und Pop entschieden wird, und es dann heißt: Das ist cool, und das ist uncool! Das habe ich ihm dann auch gesagt, und er hat sich sofort entschuldigt. Warum maßt man sich an, Künstlern zu sagen, wie sie zu sein haben? Und dann, weil ich halt wütend war, habe ich es einfach rausgehauen. Ich habe das damals dann meinem Ex-Freund gezeigt, über den ich auch den Song „Verschwendete Zeit“ geschrieben habe. Und dann sagt er: 'Der Beat ist falsch'. Ich schreibe ein Lied darüber, dass ich es leid bin, wenn Leute sagen, wie ich Dinge zu tun habe. Und er sagt: 'Der Beat ist falsch!' Das hat mich natürlich erstmal total verunsichert.

Du hast auch eine Zeile, in der du auf sehr männliche Line-Ups anspielst. Ich glaube, bis jetzt hat sich immer noch wenig verändert, oder?

Schade, dass es immer noch aktuell ist, wie Rock am Ring oder das Frequency Festival ja beweisen. Tatsächlich haben wir auch in den letzten vier Jahren nur kleine Schritte gemacht. Das Puls Open Air versuchte paritätisches Booking, auch das Reeperbahn-Festival. Es gibt schon gute Beispiele, und da bin ich auch dankbar. Aber so große Festivals fühlen sich für uns Künstlerinnen dann schon an wie ein Schlag in die Magengrube. Wenn man wieder nur Cis-Männer im Line-Up sieht und denkt: 'Was muss passieren, dass solche Räume diverser werden?' Ich finde es auch schade, weil es ja auch nicht einlädt. Als Zuschauerin finde ich, dass ein männliches Line-Up auch aufs Publikum ausstrahlt. Ich glaube, das werden Veranstalter auch noch merken, dass sich Menschen wohler fühlen auf Festivals, wo sie selber repräsentiert werden.

Ich habe über dich gelesen, dass du ein Produktions-Praktikum gemacht hast, und ich finde das super interessant, weil das so selten vorkommt bei weiblichen Musikerinnen. Das wird auch als Grund angeführt, warum es zum Beispiel so wenig Urheberinnen gibt. Wieso hast du das Praktikum gemacht? War das einfach Neugier oder mehr?

Bei mir kam das, weil mein erstes Album sehr viel an der Gitarre und am Klavier entstanden ist. Und mir hat das nicht mehr ausgereicht. Also ich wollte mehr Energie in meinen Songs und mich auch anders phrasieren. Ich wollte aus diesem Erzählerischen raus, und dafür muss man gar nicht viel können. Ich möchte damit auch gerne junge Produzentinnen ermutigen. Es ist kein Hexenwerk! Ihr müsst einfach ein paar Sounds bei „Splice“, das ist so eine Plattform, raussuchen, und auf einmal klingt es mega gut! Man muss gar nicht viel tun, damit es gut ist, und man kann dadurch auch eine eigene Inspiration bekommen. Das war auch mein Ansatz. Ich wollte mir selber eine Tür öffnen, habe mich aber nie getraut, es jemandem zu zeigen, weil ich immer dachte: 'Das ist nicht gut genug.' Und wenn ich mich als Frau hinstelle und sage: 'Ich habe das selber produziert', dann muss es halt enorm gut sein. Und das merke ich auch bei anderen: Suena zum Beispiel, oder Novaa. Ich finde, die Frauen in Deutschland, die produzieren, sind einfach über die Maßen gut. Und ich glaube, wir haben sehr viele Frauen, die gut sind, sich aber das nicht trauen zu zeigen. Sie denken immer, dass es nicht gut genug ist. Es fehlt da auf jeden Fall an Vorbildern. Wir müssen da mehr Frauen auf jeden Fall den Raum geben und sie fördern! Wenn ich immer nur als Songwriterin mit Männern im Raum bin, die am Computer sitzen, sehe ich mich nicht selber am Computer sitzen. Weißt du, was ich meine? Es ist ja schon ein Unterschied, wenn man das gewohnt ist. Ich glaube, das ist schon noch was Strukturelles, was dafür sorgt, dass wir so wenig Produzentinnen haben. Ich glaube, es gibt sie, aber sie sind noch nicht im Scheinwerferlicht.

Der Refrain: „Ich muss, ich muss, ich muss. Ich muss gar nichts“, ist fast so ein Mantra. Aber wenn wir quasi aus dem Song raustreten in die „echte Welt“, gibt es ein Preis, den man dafür zahlt? Wenn man immer sagt: „Ich mache das nicht?“

Ich glaube nicht. Ich glaube, man denkt das. Ja, wenn man nein sagt, hat man Angst, dass man dann nicht mehr gemocht oder als schwierig empfunden wird. Aber wenn jemand seine eigenen Grenzen erkennt und die äußert, habe ich mehr Respekt für den Menschen!