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Star-Künstlerin Anne Imhof "Kunst muss für sich alleine stehen, ohne Politik sein zu wollen"

Mit ihren radikalen Performances wurde sie zum Star der internationalen Kunstszene. Anne Imhoff ist Liebling der hippen, mode-affinen Kunst-Influencerinnen. 2017 hat sie den Goldenen Löwen in Venedig für ihr Stück "Faust" gewonnen und jetzt darüber in der Münchner Pinakothek gesprochen.

Von: Maria Fedorova

Stand: 10.04.2019

Anne Imhof mit Gitarre | Bild: picture-alliance/dpa

Eine Künstlerin im Zentrum ihrer Performance, die in welcher Form auch immer mit dem Publikum kommuniziert – das ist ein klassisches Konzept dieser Kunstform, siehe Marina Abramovic. Mit dieser Tradition will die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof brechen. Als Regisseurin bleibt sie im Hintergrund und lässt ein Tänzerinnen-Kollektiv Räume bespielen - wie in ihren Werken „Sex“ oder „Angst“. Zum Einsatz kommen auch immer wieder Tiere – Falken und Dobermänner.

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Germany - Anne Imhof - Faust - Venice Biennale 2017 | Bild: Mickey Mayer (via YouTube)

Germany - Anne Imhof - Faust - Venice Biennale 2017

Strobo-Licht, Drohnen und Ambient Sound gehören ebenso zu Performances, wie Malerei und Glasinstallationen. Die Titel ihrer Werke sind kurz und prägnant: „Angst“, „Faust“ und „Sex“. Dahinter stecken mehrstündige und extrem symbolaufgeladene Performances– Anne Imhof ist die zurzeit bedeutendste Künstlerin Deutschlands. Ihre Arbeiten werden als extrem politisch und extrem verstörend beschrieben.

Die Ausstellungen ziehen immer zahlreiche Fans an, egal ob auf der Biennale in Venedig oder wie im März dieses Jahr in der Londoner Tate Modern, die bereits vor der Eröffnung ausverkauft war. Zwischen Publikum und Kunstwerk will Anne Imhof aber immer eine klare Grenze setzen. "Wenn ich sagen würde, ich integriere das Publikum, das würde das bedeuten, dass ich partizipatorische Kunst mache, und das will ich auf jeden Fall ausschließen. Mich gruselt es immer, wenn ich sowas sehe", so die Künstlerin.

Das Publikum will aber ein Stückchen von ihrer Coolness-Ausstrahlung abbekommen. Denn cool – das ist ihre Kunst auf jeden Fall. Die finstere Atmosphäre ihrer Performances ohne jegliche Ironie erinnert an so manche Abende in Techno-Clubs. Auch die Adidas-Klamotten, Balenciaga-Logos und die Unisex-Kleidung der Performerinnen - und der Künstlerin selbst - sehen aus wie die Uniform der Raver. Imhoff will sich trotzdem von der Subkultur abgrenzen: "Für mich ist Adidas ist einfach das, was jeder in Frankfurt auf der Straße anhat. Ich bin gar nicht mit der Modewelt bekannt geworden, bevor ich meine Partnerin getroffen habe. Die ist auch Künstlerin ist und hat angefangen Modeschauen für Balenciaga zu laufen, als Balenciaga von Demna Gvasalia übernommen wurde. Sie hat mich da einfach mitgenommen."

Das Werk vom politischen Kontext trennen

Anne Imhof kommt aus der Punkszene, macht selbst Musik und hat eine Zeit lang auch als Türsteherin im Offenbacher Techno-Club „Robert Johnson“ gearbeitet. Was bedeuten dann die Anspielungen auf Subkulturen, Rausch-Zustände und auf aktuelle Mode? Oder die Paletten mit Energydrinks? Ist es eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie? Darauf die Künstlerin: "Ich könnte jetzt alles damit erklären, dass es autobiographisch aufgeladen ist. Die andere Erklärung wäre: Blau und Rot der Red Bull-Dose ist das, was ich sehen wollte in dem Bild. Ich wollte, dass sich eine Perspektive ergibt, wenn man ganz viele davon vorne stehen hat. Und das ist oft der Grund, warum ich bestimmte Sachen wähle."

Anne Imhof drückt das Lebensgefühl einer jungen Generation aus – heißt es oft über sie. Diese Erwartungshaltung hatte ich auch. Nicht zuletzt, weil sie sich einer beliebten Ästhetik bedient. Aber davon will sie nichts wissen. Wie im Essay der Autorin Susan Sontag – „Against Interpretation“. Ich versuche die Kunstwerke auf einzelne Inhalte herunterzubrechen. Anne Imhof wehrt sich dagegen. Sie versteht, wieso Leute bestimmte Themen in ihren Arbeiten sehen: Gewalt, Unterdrückung, Aufarbeitung der Geschichte, der Umgang mit Körperlichkeit.  Sie will aber ihr Werk von der eigenen Biographie und vom politischen Kontext trennen. Denn in der Kunst geht es laut Anne Imhoff um etwas anderes: "Kunst muss für sich alleine stehen, ohne Politik sein zu wollen – weil das ist es einfach nicht."


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