Bayern 2 - Zündfunk


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Anne Helm im Interview "Wir haben das Tatmotiv Frauenhass bei rechtem Terror viel zu lange nicht beachtet"

Die Opfer rechter Morddrohungen, die im Zusammenhang mit der Datenabfrage von einem hessischen Polizeicomputer stehen, waren weiblich. Das ist kein Zufall, sagt Anne Helm, Fraktionschefin der Linken im Abgeordnetenhaus in Berlin. Frauenhass spielt auch bei rechten Terroranschlägen eine große Rolle.

Von: Birgit Frank

Stand: 17.07.2020

Zündfunk: Sie erhalten, wie Idil Baydar, deren Fall in den letzten Tagen Schlagzeilen machte, rechte Morddrohungen. Dieser Hass scheint sich sehr gezielt an Frauen zu richten. Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter?

Anne Helm: Dahinter steht ein völkisch-faschistisches Weltbild, zu dem ganz klar Antisemitismus dazu gehört. Aus den Mails geht hervor, dass Frauen für den Volkserhalt zu sorgen haben und dass wir dem nicht nachkommen. Und dass gerade Frauen, die sich gegen rechts einsetzen nicht dem Frauenbild entsprechend, das der oder die Täter haben.

Was ist das für ein Frauenbild? Sie sollen zu Hause bleiben und Kinder kriegen?

Ich denke, es ist ein ähnliches Bild, das sich in der Vergangenheit auch schon bei rechtsterroristischen Tätern gezeigt hat, die ja teilweise sehr ausführlich ihre Tatmotive dargelegt haben. In denen spiegelte sich immer wieder, dass es um einen Volkskörper geht, der zu erhalten sei und der irgendwie planmäßig zerstört wurde. Hinter dieser Zerstörung steckt meist eine jüdische Weltverschwörung, die sich unter anderem des Feminismus bedient, damit Frauen ihrer Aufgabe, das Volk zu erhalten, nicht mehr nachkommen. Dazu kommt ein sehr direkter Hass auf Frauen, der sich in Vergewaltigungsfantasien und expliziter Darstellungen von Gewalt gegen weibliche Körper Bahn bricht.

Halle, Christchurch, Toronto – nimmt das Tatmotiv Frauenfeindlichkeit zu?

Ich habe den Eindruck, dass wir dieses Tatmotiv viel zu lange nicht beachtet haben. Zu diesem rechten Weltbild, zum Rassismus, haben Frauenfeindlichkeit und Antifeminismus eigentlich schon immer dazu gehört. Dass sich jetzt aber Männer mit dieser Tatmotivation vernetzen im Internet, das ist natürlich ein eher jüngeres Phänomen. Und vielleicht gibt es jetzt dafür eine erhöhte Sensibilität in der Gesellschaft.

Sie beobachten ja schon lange, wie sich Rechte im Netz radikalisieren. Wie funktioniert der Zusammenschluss dieser Männer?

Ein niedrigschwelliger Einstieg sind so eine Art - man kann das fast so bezeichnen - Selbsthilfegruppen, in denen sich Männer, die sich aufgrund persönlicher Erfahrungen von der Frauenwelt als solche enttäuscht sehen, miteinander verbinden. Dort erzählen sie sich gegenseitig ihre Geschichten und verstärken sich in ihrem Weltbild – und radikalisieren sich eben auch.

Also, keine Frau mag mich, aber eigentlich habe ich ein Anrecht darauf.

Genau, es ist das Gefühl, sie hätten in irgendeiner Form einen Anspruch auf die Frauen und der wird ihnen verwehrt. Und da sattelt dann eben so ein Selbstbild, das grundsätzlich eine Ungleichwertigkeit von Menschen mitbringt, darauf auf. Das Schlimme ist, dass diese Opferhaltung dann eben auch alle möglichen Taten rechtfertigt. Ich weiß, es klingt krude, aber diese Haltung - wenn man da einmal einsteigt - bietet eine Antwort auf alle Probleme und lenkt von einem selbst ab: Es gibt einen Feind und die Probleme sind nicht mehr im eigenen Handeln oder im eigenen Leben gelagert.

Wie geht es jetzt konkret weiter mit den Ermittlungen wegen der Drohungen, die Sie und andere Frauen erhalten weiter?

Ich bin mit allen Betroffenen vernetzt. Wir sind in einem sehr engen Austausch, und das gibt uns auch Kraft. Worauf wir leider wenig Einfluss haben, ist die Ermittlungsarbeit, die jetzt vorankommen muss. Das Erschreckende ist ja, dass - obwohl manche Fälle schon bis 2018 zurückreichen – dass erst jetzt herausgekommen ist, dass es in drei von diesen fünf Fällen Datenabfragen von einem Polizeicomputer aus gab. Und das ist natürlich sehr beunruhigend, wenn man annehmen muss, dass die Täter, die einen terrorisieren, in den Organen sitzen, die einen eigentlich davor beschützen sollen. Dann fühlt man sich ausgeliefert. Deswegen muss jetzt sehr schnell Klarheit geschaffen werden und das Vertrauen in die Ermittlungsbehörden, das erodiert ist, wiederhergestellt werden.


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