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Album der Woche: Hunter Wie Anna Calvi Geschlechterrollen hinterfragt - und mit ihnen spielt

Selbstwahrnehmung, Intimität und sexuelle Freiheit: Auf ihrem lasziven Album "Hunter" entdeckt die queere Musikerin Anna Calvi ihre männliche Seite - und spricht sich damit gegen klassische Rollenverteilungen in Gender-Fragen aus.

Von: Florian Fricke

Stand: 03.09.2018

Mehrere Jahre lang hat Anna Calvi an ihrem neuen Album geschrieben. Es war ein offenes Geheimnis, dass sie eine queere Künstlerin ist, ihr Album "Hunter" ist nun sozusagen ihr zweites Coming Out: "Meine Musik besaß schon immer queere Elemente, aber dieses Mal wollte ich mich so frei wie möglich ausdrücken. Und wenn so etwas dabei herauskommt, dann ist das wohl Teil meiner Identität," sagt Anna Calvi.

Anna Calvi ist ein Phänomen: Off-stage wirkt die zierliche Person mit ihrer leiser Stimme nahezu schüchtern. Auf der Bühne aber verwandelt sie sich in einen Derwisch mit einem unfassbar lauten Organ, mit ihrer Gitarre scheint sie zu verwachsen. Seit ihrem Debut 2010 ist das ihr Erfolgsrezept, ein deeper und bluesorientierter Gitarrenrock mit einem exaltierten Chanson-Einschlag, irgendwo anzusiedeln zwischen Guesch Patti und PJ Harvey.

Die schüchterne, zierliche Person wird auf der Bühne zum Derwisch

Mit "Hunter" wagt Anna Calvi nun die totale Öffnung und gibt Einblicke in ihre Auseinandersetzung mit ihren inneren Geschlechtern: "Ich habe mich nie komplett feminin gefühlt und stand immer in Kontakt mit meiner maskulinen Seite. Für mich bedeutet Geschlecht ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten, und die will ich spielerisch erkunden. Offensichtlich fühlen sich viele Menschen eindeutig einem Geschlecht zugehörig, aber viele definieren sich auch auf irgendeinem Punkt zwischen diesen Polen."

Dieses Album versucht herauszufinden, was passiert, wenn wir uns nicht an die uns zugewiesene Geschlechterrolle klammern. Was liegt unter diesen Schichten? Was ist der eigentliche Kern von uns Menschen, wenn wir die Rollen ablegen?

"Frauen geben oft missverständliche Zeichen, wenn es um Sexualität geht"

Cover von Anna Calvi's Album Hunter

"Hunter" ist ein sehr laszives Album, ein Album über gewünschten Kontrollverlust. Anna Calvi nimmt uns an die Hand und fragt ganz offen: Bist du dir sicher, dass du nicht irgendwo innerlich gefangen bist? Im Titelsong besingt sie mit wenigen Worten, wie sie sich zurechtmacht für einen Besuch in einem queeren Club, wie sie sich in Leder kleidet und wie sie das rote Licht im Clubfenster betört. Rot wurde im Laufe der Arbeit zu diesem Album zur bestimmenden Farbe in Anna Calvis Social-Media-Auftritt. Auch das Albumcover ist in rot gehalten - die verschwitzte Anna Calvi scheint zu sagen: Seht her, Verlangen ist keine Sünde!

"Frauen geben oft missverständliche Zeichen, wenn es um Sexualität geht. Du kannst sexy sein, aber bitte nicht zu sexy. Und wenn du Hunger nach Sex hast, dann ist psychologisch wohl was nicht in Ordnung. Bei Männern ist es einfach nur Ausdruck ihrer gesunden Fruchtbarkeit," sagt Anna Calvi. Es ist wirklich nicht einfach für Frauen. Allein die weit verbreitete Annahme, dass der Sexualtrieb bei Männern stärker ausgeprägt ist, verunsichert sie. Viele Frauen haben einen sehr starken Sexualtrieb, den sie dann als falsch wahrnehmen - und unterdrücken. So bleiben ihre eigentlichen Sehnsüchte unerfüllt und die sozialen Normen im Vordergrund.

So entfesselt hat man Anna Calvi noch nie gehört

Anna Calvi ist übrigens nicht der Meinung, dass Gender Equality als Thema in queeren Communities besser aufgehoben ist, dort beobachtet sie genauso viele zementierte Denkmuster, wie Mann oder Frau zu sein hat. Musikalisch entspricht sie ihrem Albumthema voll und ganz, so entfesselt hat man sie noch nie gehört. Die Musik war für die introvertierte Künstlerin schon immer ein Ventil, um ihre überschüssige Energie kanalisieren zu können. Mit diesem selbstbewussten Album über sexuelle Befreiung geht sie ganz bewusst noch einen Schritt weiter. Auch ihre Bühnenshow wird sich ändern: Ein Laufsteg wird sie mitten in die Menge führen. Die Suche nach Kontakt als Mittel der Befreiung.

Wir präsentieren Anna Calvi - am 16. Januar 2019 in München:


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