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"LIEBELEBEN" Warum wir "Volks-Rock'n'Roller" Andreas Gabalier den Wandel zur LGBTQ-Ikone nicht abnehmen

Andreas Gabalier ist jetzt LGBTQ-Ikone. Ja, ohne Quatsch, der Volks-Rock’n’Roller himself hat kürzlich einen neuen Song veröffentlicht: eine Hymne, auch für die gleichgeschlechtliche Liebe. Unser Autor Ferdinand Meyen traut dem nicht so ganz und er hat sich gefragt, wie Andreas Gabalier wirklich zur LGBTQ-Ikone werden könnte.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 16.06.2021

Ausschnitt aus dem Video "Liebeleben" von Andreas Gabalier | Bild: Universal/Sepp Pail

Ein Schwarzer Mann in einem Auto. Stau auf einer viel befahrenen Straße. Genervte Fahrer*innen. So startet das Video zu Andreas Gabaliers neuem Song „LIEBELEBEN“. Die Stimmung ist schlecht, doch plötzlich taucht der Volks-Rock’n’Roller Andreas Gabalier persönlich zwischen den Autos auf. Was? Der? Hier? Mitten im Stau in der Innenstadt von Wien? Da hält‘s keinen mehr auf den Sitzen. Egal ob schwarze Frau, weißer Mann oder binäre Person mit indigenem Hintergrund. Als der Refrain reinkickt, tanzen alle zusammen auf der Straße. Und dann singt Gabalier: "Ob Frau und Mann oder Mann und Mann. Oder zwei Mädchen dann. Irgendwann! Wenn der Forest Gump nicht mehr laufen kann. Ist es Liebe! Ist es Leben. Dann ist das die Liebe!"

Eine neue queere Ikone?

Bitte was? Andreas Gabalier, der geile Lederhosentyp, macht jetzt auf queere LGBTIQ-Ikone? Gabalier, der Volks-Rock’n’Roller der sich für ein Plattencover fast zum Hakenkreuz verrenkt hat?

Das ist, als würde Gollum Werbung für Mental-Health-Produkte machen. Kauft Gabalier das überhaupt irgendwer ab? Mein österreichischer Kumpel Vinzent meint: "Was ich bei dem neuen Lied interessant finde: Es zeigt, wie kalkuliert man da versucht, Hits zu produzieren oder versucht an Dinge anzuschließen, die vielleicht erfolgreich scheinen."

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Andreas Gabalier - LIEBELEBEN (Offizielles Musikvideo) | Bild: Andreas Gabalier (via YouTube)

Andreas Gabalier - LIEBELEBEN (Offizielles Musikvideo)

Vinzent findet Gabalier nicht sonderlich glaubwürdig. Es scheint fast so, als wolle Andreas Gabalier jetzt in die Woke-Bubble eindringen und sich neue Zielgruppen erschließen. Er, der früher eher im Verdacht stand, homophob, frauenfeindlich und ein bisschen rechts zu sein. In der queeren Community wittert man bei dem Song pinkwashing oder „progressiven Neoliberalismus“. Also das falsche Vorgaukeln von Queerness, um Kohle zu machen.

Die queere Community nimmt ihm den Sinneswandel nicht so ganz ab

Jeja Klein ist Schreiber*in auf der Seite Queer.de. Sie sagt: "Wir haben auf queer.de eine Umfrage gemacht, da muss man auch ganz deutlich sagen: 88 Prozent der Nutzer*innen von queer.de haben Gabalier diesen Image-Wandel jetzt nicht so abgenommen." Aber gönnt man es Gabalier nur nicht, so ein bisschen Weiterentwicklung und Wokeness? Wir im Zündfunk sehen natürlich immer das Beste im Menschen: Könnte doch auch sein, dass er in den letzten Monaten ins Grübeln gekommen ist – und festgestellt hat, dass das mit dem Dorfpatrioten-Image doch nicht die beste Idee war? Oder sind wir wieder vollkommen naiv?

Bisher ist er vor allem durch homophobe Äusserungen aufgefallen

Jeja Klein sieht Gabaliers Wandel kritisch: "Bei Andreas Gabalier war das anders. Er hat in den vergangenen Jahren über einen längeren Zeitraum Statements von sich gegeben, die jetzt nicht einfach bloß homophob waren, sondern die eigentlich eine transfeindliche, queerfeindliche Verschwörungserzählung waren. Wonach queere Leute eine heimliche Elite in der Gesellschaft sind, die irgendwie mehr Macht und Einfluss haben." Gabalier beklagt sich zum Beispiel in der Zeitung „Die Welt“ darüber, dass in Wien Plakate von pudelnackten transgender Menschen mit Brüsten und Zippel gezeigt werden, als gäbe es nix anderes. Das ist weit mehr als nur Wiener Schmäh. Und das vergisst die queere Community auch dann nicht, wenn Forrest Gump nicht mehr laufen kann.

Wir schlagen vor: Damit Andreas Gabalier so richtig und wirklich eine LGBTQ-Ikone werden kann, braucht er noch ein paar Arbeitsschritte. Jeja Klein meint: Er könnte sich für seine Aussagen aus der Vergangenheit entschuldigen: "Ich glaube, dann ist die Community auch bereit, ihm auch zu verzeihen und mit einem wohlwollenderen Auge auf ihn und seine Kunst zu blicken."

Zur queeren Ikone sind es noch ein paar Arbeitsschritte

Außerdem könnte Gabalier auch in anderen Lebensbereichen eine Schippe drauflegen – meint Zündfunk-Kollegin Julia Fritzsche, Utopie-Expertin und Autorin des Buchs „Tiefrot und Radikal Bunt": "Zur queeren Ikone gehören natürlich auch glaubhafte Insta-Stories, darüber wie Gabalier Hausarbeit macht. Also Backen und Staubsaugen.“ Neben dem Bekenntnis zur maskulinen Care-Arbeit, könnte sich der zukünftige radikale Feminist Gabalier doch selbst der Kinderpflege zuwenden, sagt Julia Fritzsche: "Da Gabalier ja sieben Kinder haben will, sollte er in den nächsten Jahren sieben Mal, sieben Monate in Elternzeit gehen und das dokumentieren. Möglicherweise fällt dann die Musik ein bisschen hinten runter, aber das gehört zur queeren Credibility leider dazu.“

Hört Gabalier die Rufe der queeren Community?

Die erste Elternzeit käme jetzt ganz recht. Denn „LIEBELEBEN“ zündet bei den Gabalier-Fans noch nicht wirklich. Magere 600.000 Aufrufe auf Youtube, ein kleiner Flop in den Charts. Also wäre der Karriere-Break der logische nächste Schritt. Eigentlich ein schöner Abschieds-Refrain. Wenn der Andreas Gabalier nicht mehr singen kann, dann ist es Liebe.


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