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Der Fall Wunderlich Eine Amerikanerin fragt, warum Homeschooling in Deutschland verboten ist

Die Kinder zuhause unterrichten? Das ist in Deutschland verboten. Menschen aus anderen Ländern können das häufig nicht glauben. Unsere Gastjournalistin aus Amerika auch nicht. Sie ist dem ganzen auf den Grund gegangen.

Von: Martha Dalton

Stand: 23.10.2019

Unterricht in Deutschland | Bild: picture alliance / Hauke-Christian Dittrich

Die Stauffers haben fünf Kinder. Sie leben im Mittleren Westen, in Cincinnati Ohio. Myka, die Mutter, unterrichtet vier der fünf Kinder zuhause. Homeschooling heißt das. So wie die Stauffers machen es viele in den USA. Geschätzt werden zwei Millionen Kinder zuhause unterrichtet. Das ist Teil einer Philosophie, die sich freie Schulwahl nennt. Dadurch können Eltern selbst entscheiden, wie und wo ihre Kinder lernen.

Homeschooling ist in Deutschland verboten

In Amerika war Homeschooling nicht immer legal, erst seit 1993 ist es in allen Bundesstaaten erlaubt. In Deutschland ist Homeschooling verboten – und das seit 1919. Hans Brügelmann, ein ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität, führt zwei Gründe an, warum der deutsche Gesetzgeber es nicht erlaubt, Kinder zuhause zu schulen. Erstens, sagt er, war es schwer, Kinder aus ärmeren Schichten überhaupt zu unterrichten. Die Bauern hätten ihre Kinder gerne auf dem Feld mit eingespannt. Das habe dazu geführt, "dass die Kinder nur sehr unregelmäßig zur Schule gegangen sind."

Protest für Homeschooling in Deutschland

Die Schulpflicht habe also dafür gesorgt, dass Kinder keine Jobs übernehmen müssen, um die Familie über Wasser zu halten. Ein zweiter Grund, so Brügelmann, war der Wunsch, zumindest in den Klassen das Schichtsystem aufzubrechen. Und zu mixen.

"Die höheren Schichten, die Adligen, das Großbürgertum, haben sich sozusagen die Bildung für ihre Kinder erkauft, indem sie Unterricht durch Hauslehrer für ihre Kinder besorgt haben", sagt Brügelmann. Die Weimarer Verfassung hätte aber die Vorstellung vertreten, dass alle Kinder aus allen Schichten in der Schule zusammenkommen.

Homeschooling - ist das wirklich so schlimm?

Aber das ist lange her. Der Anwalt Mike Donelly findet: Deutsche Familien, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, werden zu hart bestraft. Vor allem die schweren Geldstrafen und die Drohung, ihnen die Kinder wegzunehmen. "Sie schicken sogar Polizisten zu ihnen nach Hause, die die Kinder in die Schule bringen. Das macht Kindern wie Eltern großen Druck", sagt er.

Mike Donnelly ist leitender Anwalt bei der Homeschool Legal Defense Association. Eine Anwaltskanzlei, die Homeschooling-Familien vertritt. Obwohl die Kanzlei in den USA ansässig ist, vertritt sie auch mehrere deutsche Familien. Manche sind so verzweifelt, dass sie in den USA Asyl beantragen.

"Ich finde es befremdlich, dass ein Land wie Deutschland das nicht erlaubt."

Mike Donnelly

Mike Donnelly stört vor allem, dass die Freiheit eingeschränkt wird. Obwohl sie doch zu den Grundrechten gehöre. Aber er versteht auch die Einwände der deutschen Richter. Etwa, dass Kinder im Umgang mit anderen Kindern Toleranz und soziales Verhalten lernen. Dennoch sagt er auch, das gelte im gleichen Maß für Kinder, die zuhause unterrichtet würden. Denn es gäbe die Homeschooling Bewegung in ganz vielen Ländern, sagt Donnelly. Australien, Kanada, USA, Mexiko, Russland, Großbritannien oder Frankreich. "Da muss Deutschland nur hinschauen, um zu sehen, dass diese Kinder ebenfalls tolerant sind. Dass aus ihnen ganz normale Bürger werden." 

Der Fall Wunderlich

Donnelly vertritt auch eine Homeschooling-Familie, die noch in Deutschland lebt. Dirk Wunderlich, sagt, seine Frau und er hätten sich aus mehreren Gründen dafür entschieden, ihre Kinder zuhause zu unterrichten. Zum einen will er nicht, dass sie vom Staat indoktriniert würden.

Ein Argument, das in Deutschland auch Reichsbürger oder Sekten anführen. Aber Wunderlich sagt, es gibt auch noch andere Motive. "Natürlich wollen wir Zeit mit unseren Kindern verbringen. Schule ist etwas völlig Künstliches, unnormal", sagt Wunderlich. Jahrtausende hätte die Wissensvermittlung vertikal stattgefunden, von den Eltern zu den Kindern, auch von den Großeltern zu den Enkeln.

Die Familie Wunderlich

Im Jahr 2006 mussten die Wunderlichs mehrere Hundert Euro Strafe zahlen. Die Familie zog dann nach Frankreich, wo Homeschooling legal ist. Aber die Eltern haben dort keine feste Arbeit gefunden und sind deshalb nach Deutschland zurückgekehrt.

Kurz darauf kam die Polizei zu den Wunderlichs nach Hause und hat die vier Kinder in ihre Obhut genommen. Dirk Wunderlich sagt, die Familie hätte einer Supervision zugestimmt, aber die Behörden hätten sich darauf nicht eingelassen. 

"In Deutschland will man einfach nicht an dieser Schulpflicht rütteln und ist einfach nicht kompromissbereit", sagt der Familienvater. Seine Kinder seien deshalb auf dem Altar der Staatsräson geopfert worden. Die Wunderlichs wollen trotzdem in Deutschland bleiben, und haben sich entschieden, ihren Fall vor Gericht zu bringen. Donnellys Kanzlei hat den Fall übernommen. Das Urteil ist wohl ein Kompromiss. Die Familie argumentierte, die Kinder seien ihnen gesetzeswidrig entzogen worden. Das haben die Richter anders gesehen. Aber die Wunderlichs bekommen ihre Kinder wieder zurück. Das Gericht sah auch, dass den Kindern durch das Homeschooling kein Schaden zugefügt worden sei. Aber Homeschooling bleibt in Deutschland illegal.

Mike Donnelly hofft, dass sich das irgendwann ändern wird. Auch wenn es dann noch Einschränkungen geben wird. Für ihn ist Homeschooling "ein Menschenrecht". Er sagt: "Familien sollten die Wahl haben und selbst entscheiden, wie ihre Kinder unterrichtet werden".

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Journalistenaustauschprogramms „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts und des Deutschlandjahrs USA unter dem Motto „Wunderbar Together“. Die US-amerikanische Journalistin Martha Dalton von WABE (NPR) hat uns einen Monat in der Zündfunk-Redaktion besucht, während unser Kollege Malcolm Ohanwe einen Monat in Atlanta von WABE (NPR) verbringen wird. Weitere Informationen zur Nahaufnahme finden Sie unter www.goethe.de/nahaufnahme und unter #GoetheCloseUp sowie #WunderbarTogether.“


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