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Buch "Amateur - mein neues Leben als Mann" Dieser trans Mann und Boxer stellt die "Männlichkeit" in Frage

Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er sich traut in den Boxring zu steigen und auf jemanden einzuschlagen? Es sind Fragen wie diese, die den Journalisten Thomas Page McBee beschäftigt haben. Mit "Amateur" hat er ein Buch darüber geschrieben, das nicht einfach eine soziologische Beobachtung der Männlichkeit ist, sondern auch eine autobiografische Erzählung aus einer ganz besonderen Perspektive.

Von: Franziska Timmer

Stand: 07.09.2020

Thomas Page McBee | Bild: picture alliance / NurPhoto

Der Madison Square Garden in New York City. Die Boxarena ist voll besetzt. Es ist kurz vor Beginn des Kampfes. Die beiden Kontrahenten stehen sich bereits gegenüber. Der eine - blaue Boxhandschuhe, etwas stämmiger - wirkt ruhig, fokussiert. Er ist der Favorit an diesem Abend. Sein Herausforderer - tätowierte Arme, rote Boxhandschuhen - ist zierlicher, drahtiger. Er springt hin und her, tänzelt nervös. Es ist sein erster großer Kampf. Und: Er hat ein Geheimnis, das nur die wenigsten hier in der Arena kennen. "Ich war ein neuer Mann, der erste trans Mann, der in der legendärsten Box-Arena der Welt kämpfte, um den Unterschied zwischen ihm und mir für nichtig und zu einer reinen Fiktion zu erklären", schreibt er.

"Erstaunlich, dass ich so schnell zur Karikatur eines Mannes werden konnte"

Monatelang bereitet sich der Journalist und Autor Thomas Page McBee auf den Kampf im Madison Square Garden vor, verbringt jede freie Minute in Schweiß triefenden Trainingshallen. Und er schreibt alles auf: „Amateur – A true story about what makes a man“ ist der Titel seines Buches. Ja, what makes a man? Was macht einen Mann zum Mann? Oberflächlich betrachtet: Die, wie er schreibt, „magische Substanz Testosteron“, die er sich regelmäßig spritzt: "Ich konnte seine Macht nicht leugnen. Während meiner ersten paar Monate auf Testosteron wurde mein Körper immer breiter, wie bei einem Comic-Superhelden, und ich spürte ein Funkeln in mir, wie von Sonnenlicht auf Wasser. Es war einfach, jede Veränderung dem öligen Zaubermittel zuzuschreiben, das ich mir regelmäßig injizierte: die Klarheit der Farben, meine Reizbarkeit, mein gesteigertes sexuelles Verlangen, der Muskelkater im Oberschenkel, meine Entspannung, mein forscher Gang. Es war erstaunlich – und beruhigend - dass ich so schnell zur Karikatur eines Mannes werden konnte."

Thomas McBee's Vorgänger-Buch "Un hombre de verdad".

Wie eine Karikatur, die stereotype Optik der Männlichkeit. So möchte Thomas schon lange aussehen, aber so möchte er nicht sein, wie er in einem Interview mit der US-Zeitschrift The Atlantic beschreibt: "Als ich mit 30 meine Verwandlung hatte, bekam ich immer wieder die Rückmeldung, wie verletzlich ich sei. Mit meinem alten Körper konnte ich das gut akzeptieren. Aber in meinem neuen Körper schien es etwas zu sein, für das ich mich schämen sollte. Aber eigentlich bin ich darauf sehr stolz. Ich achte sehr darauf, mir die Fähigkeit beizubehalten, empathisch zu sein und mich in andere hineinversetzen zu können. Da begann meine Reise auf der Suche nach einem möglichen Problem und auch, wie wir kulturell da gelandet sind."

Auf diese Reise nimmt uns Thomas Page McBee in seinem Buch mit, eine Reise, die erst nach seiner Geschlechtsumwandlung so richtig beginnt. Denn erst dadurch zeigt sich, wie männlich gelesene Menschen wahrgenommen werden. Manchmal mit Respekt, manchmal aber auch voller Angst. Das erfährt Thomas am eigenen, maskulinen Leib, als er im Morgengrauen hinter einer Frau her joggt. So erzählt er dann: "Ich freute mich auf die Dusche zu Hause, beobachtete das Sonnenlicht auf dem Wasser, die Boote unter den Brücken, dachte an alles mögliche, nur nicht daran, wie es sich für die Frau anfühlen musste, mich näherkommen zu hören, während wir den einsamsten Teil der Laufstrecke erreichten, bis ich nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt war und sie sich umblickte, ein kurzes Abchecken, und als ich die Panik in ihrem Blick sah, die mir so vertraut war, traf es mich dermaßen, dass ich meine Schritte sofort verlangsamte und schon fast stehenblieb, bis sie wieder weit weg war."

Thomas Page McBee kennt Ängste und Unsicherheiten des weiblichen Körpers

"Ich dachte", schreibt er weiter, "das nächste Mal, wenn ich wieder allein hinter einer Frau herlief, würde ich machen, was ich mir früher von Männern gewünscht hätte: Ich würde mich ankündigen. 'Ich überhole von rechts!', würde ich rufen. Ich würde mir dessen bewusst sein, dass mein Körper für einen großen Teil der Welt eine Waffe war, bis das Gegenteil bewiesen war." Thomas Page McBee hat 30 Jahre lang in einem weiblichen Körper gelebt, kennt die Ängste und Unsicherheiten seiner verschiedenen Wohnungen. Dieses Wissen möchte er nutzen, um selbst ein besserer Mann, ein besserer Mensch, zu werden - keine Karikatur, keine Waffe. Gleichzeitig möchte er sich aber auch selbst etwas beweisen.

Zurück im Madison Square Garden. Das Publikum weiß nicht, dass der Kämpfer mit den roten Boxhandschuhen trans ist. Er wird als stereotyper, männlicher Boxer wahrgenommen und genau das war sein Ziel. Voll und ganz in die Welt der Männlichkeit abzutauchen, um sie besser zu verstehen und um sie am Ende auch ein Stück weit auszutricksen: "Ich winkte, als ich meinen Namen hörte, und ein Schauer durchlief meinen ganzen Körper, mein ganzes Leben. Hier war ich, der Mann, der ich geworden war, als ich aufgehört hatte, mich vor dem Mann zu fürchten, der ich wurde."

Das Buch ist im aufbau-Verlag erschienen und kostet 18 Euro.


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