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Rassismus, Feminismus, Feuer & Brot Alice Hasters: "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten"

Alice Hasters aus Köln ist die Tochter einer schwarzen Frau und eines weißen Mannes. Ihrer Umwelt muss sie immer wiedererklären, wie schwarz sie eigentlich ist. Weil ihr das zeigt, wie tief Rassismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, hat sie ein Buch geschrieben.

Von: Esther Diestelmann

Stand: 24.09.2019

Alice Hasters steht auf einer Brücke | Bild: H. Henkensiefken

Als wir uns im Jahr 2014 kennenlernen, ist Alice Hasters noch keine anti-rassistische Autorin. Mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt zu rennen: das ist nicht ihr Ding. Eher im Gegenteil: Früher hatte sie sogar Empathie für diejenigen, die in ihrer Gegenwart das N-Wort benutzen. "Ach, so meint der oder diejenige das nicht", sagte sie damals – und: "Dieser Kampf ist nicht mein Kampf“. Aber dann kam alles anders. Der Wahlsonntag zur Bundestagswahl 2017. Es ist der Tag, an dem die AfD in den deutschen Bundestag einzog:

„Ich habe damals ja noch als Nachrichtenjournalistin gearbeitet und hab zuvor schon ganz viel über Prognosen und Analysen gehangen und mir war ziemlich klar, was an diesem Tag passieren würde. Das Komische ist aber, wenn man dann zum Wahllokal geht und sich fragt, wer wählt denn jetzt hier gerade AfD? Ist jemand hier in dieser Schlange, der auch AfD wählt. Will jetzt wirklich jemand seine Stimme dafür abgeben, dass Leute, die aussehen wie ich, anders behandelt werden sollen und nicht die gleichen Rechte bekommen sollen wie weiße Menschen. Dann wird diese eine Stimme, die man selber hat, fühlt sich auch an wie ein kleiner Widerstand, den man dann leisten kann.“

Menschen verstehen das Thema Rassismus nicht - oder schätzen es permanent falsch ein

Widerstand leistet sie, obwohl sich Alice Hasters lange nicht darüber im Klaren ist, dass sie eine Stimme hat, die sie nutzen könnte. Das ändert sich, als ihr auffällt, wie unbeholfen viele Redaktionen über Geflüchtete berichten. Sie beginnt als Kolumnistin, für Blogs wie „kleinerdrei“ zu schreiben. Und startet mit ihrer Freundin Maxi Häcke einen Podcast. Sie erzählt: "Während der Journalisten-Ausbildung habe ich halt gemerkt. 'Oh, dieses Thema Rassismus kommt immer wieder auf, aber es gibt zu wenig Menschen, die die Perspektive von nicht-weißen Menschen vertreten.' Also ich habe da eine große Lücke gesehen. Menschen ringen mit dem Thema und ich denke, ihr versteht es einfach nicht oder sie schätzen es einfach permanent falsch ein. Und hab erst mal gemerkt, dass ich tatsächlich etwas weiß, was viele weiße Menschen nicht wissen oder ihnen nicht bewusst ist."

Stereotyp "schwarze Frau" - hypersexuell, besonders mütterlich oder aggressiv

Das Buchcover zu Alice Hasters Buch.

Hasters schreibt über ihre weißen Großeltern, über den Druck als schwarze Frau magisch zu sein, über den Versuch mit Hilfe eines Gentest herauszufinden, wo genau in Afrika ihre Wurzeln liegen, über ihre Haare, oder über ihren Umgang mit Rassisten. Im Januar dieses Jahres wagt sie sich an „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten.“, ihr erstes Buch. Und bemüht sich, den richtigen Ton zu finden, denn genau der wird aus Hasters Sicht für viele schwarze Frauen zum echten Minenfeld.

Die schwarze Frau ist entweder aggressiv – im englischen würde man sagen sassy – also schnippisch, sehr schlagfertig und widerspenstig. Und die Frauen sind oft wahnsinnig sexy, aber gleichzeitig ein bisschen arrogant. Und auf der anderen Seite gibt es dann eben diese "Mammy". Die schwarze Frau, die dann auch sofort irgendwie dicker ist und so was wie ne Hausfrau und fürsorglich und so ne Mutterrolle hat. Das sind so zwei Charaktere, die ich in meinem Buch beschreibe. Das eine nennt sich "Jezebel" und das andere nennt sich "Mummy". Und diese aggressive Art – die heißt "Saphire". Das sind drei Charaktere, die man einer schwarzen Frau so zuschreibt. Hypersexuell, besonders mütterlich oder aggressiv und laut.

Struktureller Rassismus prägt uns alle - Hautfarbe bestimmt die Perspektive

Alice Hasters ärgern diese Stereotypen. Sie kennt auch andere weibliche schwarze Rollen. Sie hat zwei ältere Schwestern, eine Mutter, eine schwarze Oma aus Philadelphia. Oft haben People of Color das nicht. Ein besonders persönliches Kapitel ihres Buches träg die Überschrift: „Ich bin deine erste schwarze Freundin.“ Spätestens in diesem Kapitel wird dem Leser vor Augen geführt, wie struktureller Rassismus uns alle prägt – und Hautfarbe die Perspektive bestimmt: „Zum Beispiel, wenn wir Filme schauen werden. Du wirst vielleicht Gran Torino von Clint Eastwood ansehen wollen, und ich werde die Augen rollen, weil ich den Film furchtbar rassistisch finde. Oder du wirst Jan Böhmermann für seinen Rap bewundern, und ich werde dir sagen, dass ich ihn nicht witzig finde, weil er sich als weißer Typ über PoC lustig macht und deren Erfahrungen mit Polizeigewalt auf die Schippe nimmt. Darauf wirst du irritiert reagieren. Du wirst deine Stirn runzeln und ungläubig lächeln, wenn ich diese Unterschiede transparent mache. Du wirst instinktiv versuchen, dein Weltbild zu verteidigen, an das ich gerade Hammer und Meisel angelegt habe.

Hasters ist auch heute keine, die mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt rennt. Aber sie legt den Finger mit ihrem Buch direkt in unsere vielen offenen Wunden. Lösungen dafür muss jeder für sich finden.


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